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Natur-Mensch: Dr. Georg Hiltner, genannt „der Bill“, bei den Dreharbeiten zu der Reihe „Lebenslinien“.

„Lebenslinien“-Filmporträt über den Murnauer Dr. Georg Hiltner 

Abgedreht: Ein Schmied wird Neurochirurg

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Was für eine Biographie: Ein Bauernsohn wird Schmied und Hufschmied, macht das Abitur nach – und Karriere als Facharzt für Neurochirurgie, Anästhesie und Intensivmedizin. Das Leben von Dr. Georg Hiltner aus Hechendorf ist abgedreht – und läuft nun im Griesbräu-Kino sowie im BR-Fernsehen.

Murnau– Er ist der Unterschätzte, seit jeher. Schon seine Volksschullehrerin in der Oberpfalz begeht den Fehler, nicht zu erkennen, was im Bauernsohn Georg steckt. Als sie ihre Viertklässler fragt, wer aufs Gymnasium wechseln wolle, melden sich drei Mädchen – und Georg. Die Lehrerin bescheidet ihm, doch „viel zu dumm“ dafür zu sein. Der Bub entgegnet: „Ja, ich werd’ schon noch g’scheit.“

Dumm ist Dr. Georg Hiltner (67) sicher nie gewesen – doch er weiß seine Fähigkeiten mitunter gut zu verbergen hinter seinem legeren Auftreten, einer unprätentiösen Art. Auch und wohl gerade, nachdem er es weit gebracht hat. Der Bub vom Bauernhof aus dem rund zwei Dutzend Häuser kleinen Wulkersdorf bei Regensburg, der nach der Hauptschule scheinbar passend Schmied und Hufschmied lernt, steigt auf zum Facharzt für Neurochirurgie, für Anästhesie und Intensivmedizin, zum praktischen Arzt; er durchläuft Spezialisierungen zum leitenden Notarzt und Taucherarzt sowie Ausbildungen in Sport-, Flug- und Tropenmedizin. Eine filmreife Biographie, die sich Regisseurin Gaby Dinsenbacher aus Uffing für die Reihe „Lebenslinien“ des BR-Fernsehens vorgenommen hat. In „Vom Amboss zum Skalpell“ legt sie einen Dokumentarfilm vor, der sich dem Phänomen Hiltner liebevoll nähert, der den Wahl-Murnauer, der seit Jahrzehnten in Hechendorf zu Hause und für viele nur „der Bill“ ist, und seine Masche aber auch ein wenig enttarnt.

Einen Beitrag dazu leistet Georg Ringsgwandl, bekannter Kabarettist und Liedermacher aus Seehausen, den mit Hiltner eine langjährige Freundschaft verbindet. Ringsgwandl war Oberarzt der Inneren am Kreiskrankenhaus Garmisch-Partenkirchen, Hiltner sein Schüler und später Kollege. Er sei irgendwie gelaufen „als leicht minderbemittelter Typ vom Land“, sagt Ringsgwandl im Film. Und: „Bill tut so, als ob er das Alphabet noch nicht kennen würde.“ Dabei glaubten „ganz viele Leute wirklich, dass er so ein schlichtes Gemüt ist“. Ringsgewandl selbst braucht gut 20 Jahre, bis „ich kapiert habe, dass das eine ganz ausgekochte Strategie ist“. Hiltner habe einen „außerordentlich wachen Geist und einen außerordentlich analytischen Verstand“. Dinsenbacher spricht Hiltner im Film auf Schein und Sein an: Stellt er sich wirklich manchmal absichtlich dümmer, als er ist? Der „Bill“ kratzt sich verlegen am Ohr, lächelt: „Manchmal bringt’s vielleicht was . . .“. Dann erlöst ihn die Türglocke.

Hiltner sei „ein Unikum, etwas sehr Besonderes“, sagt Dinsenbacher. Der Protagonist überlegt zunächst, als die Uffingerin ihn fragt, ob sie einen Film über ihn machen könne – das Angebot eines anderen Autors hat er Jahre zuvor noch abgelehnt. „Man gibt doch viel preis“, sagt er. „Aber ich habe nichts zu verbergen, es war nicht unangenehm.“ Und das Ergebnis? „Hat mir schon gefallen.“

Es zeigt, wie sich der junge, offene, geerdete Mann mit vier Geschwistern und katholisch geprägter Kindheit aus der Enge seines Heimatdorfs befreit. „Ich wollte mehr als in dieser Umgebung alt werden“, sagt Hiltner. Nach der Lehre zum Schmied und Hufschmied holt er am Abendgymnasium innerhalb von vier Jahren das Abitur nach. Er verdient sich tagsüber seinen Lebensunterhalt, das Vokabelheft im Werkzeugkübel, geht danach in die Schule, lernt nachts. „Eine zache Zeit war das.“ Doch er zieht seine Sache durch, „auf Biegen und Brechen“. So, wie er die meisten Ziele im Leben erreicht hat: mit viel Energie und einem starken Willen. Er studiert Medizin, erwirbt Facharzttitel, macht Weiterbildungen. Zunächst will er „eine Art Bergdoktor werden, richtig heimatfilmmäßig“, sagt Hiltner – also Patienten behandeln und gleich noch nach dem Vieh schauen. Doch er merkt: Der Spagat ist schwierig, viele Menschen können diese Welten, die er in sich vereint, nicht trennen. Verabreicht er mit Krawatte und im weißen Kittel eine Spritze, ist er der Doktor. Kommt er leger daher „und es tut weh, sagt man natürlich: Der ist Schmied, der hat kein Gefühl“. Also bindet er nicht jedem Patienten seinen ersten Beruf auf die Nase, „weil das Bild so ungewohnt ist“ – und abschreckend wirken kann. Andere hingegen betrachten Hiltner, der einfach nicht wie ein Arzt daherkommt, als einen von ihnen. „Ich habe mich immer zugehörig gefühlt zu den einfachen Leuten.“

Zehn Jahre arbeitet er am Kreiskrankenhaus Garmisch-Partenkirchen, davon eineinhalb Jahre an der Kinderklinik; nebenbei fliegt Hiltner für die Luftrettung. 14 Jahre an der Unfallklinik Murnau – mit einer Unterbrechung für die neurochirurgische Facharztausbildung – folgen. Er kommt in der Welt herum. Für die UN ist Hiltner in Krisen- und Kriegsgebieten wie Kambodscha unterwegs; in der Mongolei tauscht er medizinische Erkenntnisse mit einem Leibarzt des Dalai Lama aus. Ab 2002 führt Hiltner 13 Jahre lang seine eigene neurochirurgische Praxis in Penzberg.

Jetzt, im Ruhestand, zieht es ihn nicht mehr ganz so stark in die Ferne. Hiltner lebt allein in seinem neu gebauten „Traumhaus“ in Hechendorf, für seine beiden erwachsenen Kinder Georg und Magdalena sind Zimmer reserviert. Vor sich hat er Blumenwiesen und Kühe, in der Ferne ein atemberaubendes Bergpanorama. Vom Bett aus sieht er Alpspitze, Zugspitze, Ettaler Mandl, Heimgarten, Murnauer Moos. „Hier ist alles, was ich brauche“, sagt der 67-Jährige. Dazu gehört seine Oldtimer-Motorradsammlung. Passend dazu gründete er den Club „Die grauen Elefanten Hechendorf“, er fährt Rennen und gewinnt 2014 in Schweden die Europameisterschaft der Oldtimer bis Baujahr 1939. Diese Passion rückt heute etwas in den Hintergrund – die Wurzeln („Ich kann sie nicht ablegen“) drängen zunehmend durch und auch die akademische Welt zurück. Hiltner macht, ganz der Bauernsohn, im eigenen Wald sein Holz, er hat Bulldog, Motorsäge, Anhänger, Seilwinde, arbeitet im Garten, in seiner Werkstatt.

Denn das ist seine Welt.

„Vom Amboss zum Skalpell“ ist als Preview am Donnerstag, 17. Mai, ab 18.30 Uhr im Griesbräu-Kino zu sehen. Im BR-Fernsehen wird der Film in der Reihe „Lebenslinien“ am Pfingstmontag, 21. Mai, um 22 Uhr ausgestrahlt.

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