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Weiblicher Stil im Bürgermeister-Büro: Aloisia Gastl.

Bürgermeisterwahl in Spatzenhauen am 29. Oktober 

Kandidatin Aloisia Gastl: Frau mit Hirn und Herz

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Sie wurde ins kalte Wasser geworfen, hat sich aber schnell an die Temperatur gewöhnt. Nun schwimmt sich Aloisia Gastl frei. Die 59-Jährige bewirbt sich nach dem Tod von Georg Wagner um das Bürgermeister-Amt in Spatzenhausen. 2020 soll wieder Schluss sein.

Spatzenhausen– Aloisia Gastl hält die Erinnerung an Georg Wagner im Bürgermeister-Büro wach, das einmal seines war: mit Wagners Sterbebild neben einer Kerze und Fotos aus gemeinsamen Tagen im Amt. Anfang August war der ehrenamtliche Rathaus-Chef von Spatzenhausen plötzlich gestorben, nach 23 Jahren auf diesem Posten. Vize Aloisia Gastl rückte mit einem Schlag in die erste Reihe – kommissarisch zunächst. Am 29. Oktober wählen die Spatzenhauser, wenn nichts Unerwartetes geschieht, voraussichtlich eine Nachfolgerin: Gastl, im Vorfeld einzige nominierte Kandidatin.

Da liegt die Formulierung nah, Gastl wolle das kommunale Erbe Wagners antreten. Doch das trifft inhaltlich nicht ganz den Kern. Die 59-Jährige aus dem Ortsteil Hofheim, die seit 2008 im Gemeinderat sitzt, will nicht Erreichtes verwalten. „Ich möchte schon etwas bewegen und Dinge auf den Weg bringen“, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern: Eva (27) und Florian (29). „Ich bin nicht perfekt, aber ich habe immer etwas angegriffen.“ Dabei denkt sie heute bis 2020, nicht weiter. Bei den nächsten regulären Wahlen will sie nicht mehr antreten.

Doch wer ist schon Regisseur des eigenen Lebens? Auch Aloisia Gastls Weg folgte keinem Entwurf am Reißbrett. Das Schicksal wischte manche Pläne beiseite. „Für mich war das Leben immer eine Herausforderung“, sagt sie. „Ich hatte stets Ziele, aber oft ist es ganz anders gekommen.“

Auch der Stuhl des Ersten Bürgermeisters gehörte nicht zu ihren Vorhaben. Wiederum funkte das Schicksal dazwischen. Die Nachricht vom tragischen Tod Wagners erreichte Gastl im Urlaub am Gardasee. „Da begann es da drin sofort zu rattern“, sagt sie und zeigt auf ihren Kopf: „Was kommt auf mich zu?“ Sie nahm die Verantwortung an, ging davon aus, drei Monate alles am Laufen zu halten, bis ein neuer Bürgermeister gewählt wird. Doch so mancher, den sie im Auge gehabt hatte, lehnte ab, Gastl dagegen bekam viel Zuspruch: Sie solle sich doch wenigstens bis 2020 zur Verfügung stellen. „Verschiedene Seiten im Dorf“ sagten ihre Unterstützung zu, ihr Mann Johann Gastl („Zum Feldschuster“), mit dem sie eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft führt, bestärkte sie: „Das machst Du schon.“ Gastl kandidierte.

Die Hofheimerin, die aus der Hollerdau stammt, verbrachte seit August viele Stunden im Bürgermeister-Büro, ihr Kopf ist gar rund um die Uhr im Dienst. Häufig wacht sie mitten in der Nacht auf, notiert dieses und jenes. Eine geordnete Übergabe fehlte ihr: Gastl, die zweimal pro Woche halbtags in einem Murnauer Ladengeschäft arbeitet, wurde ins kalte Wasser geworfen und schwimmt sich frei. Die Verwaltung in Seehausen steht in Fachfragen an ihrer Seite: „Ich bekomme super Unterstützung.“ Also verflüchtigten sich anfängliche Selbstzweifel („Was verstehe ich denn vom Straßenbau?“). Gastl, die viel lacht und ein gewinnendes Wesen besitzt, hat Spaß an der Aufgabe, die sie mit Hirn, Herz und Offenheit angeht. Viel reden, respektvoll miteinander umgehen: Dieser Stil schwebt ihr auch für ihre Arbeit vor. „Bei anstehenden Projekten möchte ich die Leute fragen und einbinden.“

Viele größere Vorhaben hat Wagner vollendet oder zumindest angestoßen. Nun geht es darum, das Wasserleitungssystem an der Dorfstraße Süd in Hofheim zu erneuern, bevor deren Optik angepackt wird. Längerfristig stehen Sanierungen an: am Haus des Gastes, am Bauhof. „Kleine Sachen“ fallen Gastl immer wieder ein, wenn sie im Dorf unterwegs ist. Und auch in Spatzenhausen geht es um Bauland und Wohnraum für junge Leute.

Die Büroarbeit ist kein Neuland für die Gartenbäuerin. Die gelernte Industriekauffrau stand zehn Jahre in der Hauptverwaltung der Landeszentralbank in München in Lohn und Brot. Der Liebe wegen kam Gastl nach Hofheim und unterstützte ihren Mann, der als selbständiger Schreiner arbeitete, im Büro. Er brachte über seine Familie auch die Landwirtschaft in ihr Leben. „Da habe ich mich verwirklichen können – ich bin eigentlich ein Naturmensch und wollte immer draußen sein.“ Gastl mag Traditionelles, Natürliches und Bodenständiges, zeigt sich gleichzeitig offen für Neues. „Aber ich brauche die Wurzeln.“

Gastl nennt sich selbst „eine Zuagroaste“. Das heißt aber auch, dass sie im Zusammenwirken der drei Ortsteile Spatzenhausen, Hofheim und Waltersberg nicht vorbelastet ist. Niemand, sagt sie, solle sich ausgegrenzt fühlen. Bei Großveranstaltungen sieht sie immer einen „Mords-Zusammenhalt, da freut man sich, dass man hier wohnt“.

Eine Skulptur, die sie mit ins Bürgermeister-Büro brachte, symbolisiert genau das: Figuren, die im Kreis stehen und einander wie verschweißt an den Schultern halten.

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