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Ansturm auf die Murnauer Tafel: Kundenzahl hat sich verdoppelt

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Von: Silke Reinbold-Jandretzki

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Bei den Vorbereitungen am Montagvormittag: Franz Neuner, einer der ehrenamtlichen Tafel-Helfer in Murnau.
Bei den Vorbereitungen am Montagvormittag: Franz Neuner, einer der ehrenamtlichen Tafel-Helfer in Murnau. © Mayr

Weniger Ware, aber seit dem Krieg in der Ukraine deutlich mehr Menschen, die es zu versorgen gilt: Die Tafeln in Murnau und drei weiteren Orten des Landkreises, die insgesamt etwa 1000 Bedürftigen Lebensmittel zukommen lassen, sehen sich jede Woche wieder mit einer Herausforderung konfrontiert. Und diese könnte noch größer werden.

Murnau – Die Schlange ist deutlich länger als vor einigen Wochen. Wenn die Murnauer Ausgabestelle der Tafel montags um 12.30 Uhr im Kemmelpark öffnet, stehen bereits viele Menschen an und warten. 50 bis 60 waren es noch vor wenigen Monaten gewesen. Nun, sagt Franz Neuner, der die Murnauer Tafel gemeinsam mit Irmgard Zink leitet, seien es „doppelt so viele“ – an die 120 reihten sich in der vergangenen Woche ein. Viele haben Familien zu verpflegen. Rund 250 Menschen, deren Geld kaum zum Leben reicht, versorgt die Institution mit ihren ehrenamtlichen Helfern damit jede Woche mit Lebensmitteln. Bildlich gesprochen bedeutet das: Der Kuchen muss aktuell in mehr Stücke aufgeschnitten werden. „Unser Bemühen ist es, dass jeder etwas bekommt“, sagt Neuner. „Es sind dann eben nicht mehr 15 Teile, sondern weniger.“

Tafel im Landkreis: Mit den Flüchtlingen aus der Ukraine steigt Zahl der Kunden stark an

Die Kunden-Zahl stieg mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sprunghaft an. Neben der Stammklientel harren nun viele Frauen mit Kindern, die in der Region Zuflucht fanden, in der Schlange aus, um Essen zu erhalten. Die Situation ist in Murnau nicht anders als bei den drei weiteren Ausgabestellen der Garmisch-Partenkirchner Tafel der Lebenslust im Kreisort, in Oberammergau und Mittenwald. Dahinter stehen die Träger Diakonie (federführend), BRK, Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Die Zahl der Menschen, die jede Woche kommen, um gegen einen symbolischen Obulus die Waren zu erhalten, die zum Großteil Supermarktbetreiber, Unternehmen und Händler spenden, „hat sich verdoppelt“, bestätigt Jochem Rollar, Koordinator der Tafeln im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, die aktuell etwa 1000 Bedürftige versorgen. Er bringt die Lage auf einen kurzen Nenner: „mehr Menschen, weniger Ware“. Schon im Zuge der Pandemie hatte sich gezeigt, dass es nicht mehr so viel zu verteilen gibt – nun stieg die Nachfrage stark an. Der Vorsitzende des Bundesverbands Tafel Deutschland, Jochen Brühl, bezeichnete die Situation der Tafeln in einem Interview gar als „so angespannt wie noch nie“. Die Lage weiter verschärfen dürfte der Preisanstieg bei Energie und Lebensmitteln, der gerade Ärmere zusätzlich belastet.

Tafel-Ehrenamtliche haben weniger Ware und mehr Menschen - „ein Zwiespalt“

Für die Ehrenamtlichen, die Ware ausgeben, hat das Folgen. Sie sähen sich in einem „Zwiespalt“, sagt Rollar. Die Helfer wollen ihre Stammkundschaft – vor allem Einheimische kostet es oft große Überwindung, für Essensspenden anzustehen – „nicht vergraulen“, erklärt Rollar. „Wir haben auf unsere klassischen Bedürftigen zu achten und aufzupassen, dass keine schlechte Stimmung entsteht.“ Andererseits müsse man Ukrainern helfen. Neuner schildert die Zwickmühle identisch: Es gelte, auf „unsere Leute zu schauen, damit sie nicht ins Hintertreffen geraten“. Doch wenn ukrainische Mütter mit Kindern vor den Helfern stehen, „kann man nicht sagen: Ihr bekommt nichts. Das ist eine schwierige Situation“. Aktuell gehen die Ehrenamtlichen unbürokratisch vor, akzeptieren auch einen ukrainischen Pass, der kopiert wird, als Berechtigungs-Nachweis für die Tafel.

Gutes Miteinander der Tafel mit Spendern, die das System am Laufen halten

Neuner lässt keinen Zweifel daran, wie sehr die Ausgabestellen auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, wie gut das Miteinander etwa mit Supermärkten – in seinem Fall in Murnau und Umgebung – klappt. „Sie geben uns immer etwas. Und wir sind froh um jedes Teil, das wir bekommen.“ Doch in Märkten wird offenbar anders kalkuliert und eingekauft, es bleibt weniger übrig als etwa vor zehn Jahren. Damit gibt es auch nicht mehr ganz so viele Spenden. Rollar bestätigt: „Ich glaube, dass Filialleiter genauer hinsehen, was sie bestellen.“ Mit Spendengeldern oder Pfandflaschen-Bons, die in bestimmten Supermärkten in extra Briefkästen geworfen werden können, kaufen die Tafeln zu, was zusätzlich gebraucht wird: Dosen zum Beispiel, Reis, Eier, Butter, Nudeln, Zucker, Öl und mehr. Irmgard Zink (90), die Murnaus Tafel mit aufgebaut hat und sich immer noch engagiert, hofft auch auf mehr Hilfe von der Gemeinde. Rollar sagt, er rufe Bürgermeister an und versuche, Einfluss zu nehmen. Grundsätzlich weiß er: Manche Behörden machten es sich leicht „und sagen den Leuten: Geht halt zur Tafel“.

Mit dem Fortgang des Krieges könnten noch mehr Menschen auf die Tafel angewiesen sein

Doch diese droht an Grenzen zu stoßen. „Wir können handeln“, betont Rollar. „Aber es ist anspruchsvoller als vorher.“ Zumal der Krieg in der Ukraine andauert. Neuner zieht daraus Schlüsse: Man müsse damit rechnen, dass bald noch mehr Menschen zur Tafel kommen.

Mal Geld, mal Ware: Spenden für die Murnauer Tafel-Ausgabestelle

Wer der Murnauer Ausgabestelle (Kemmelpark, Dr. Friedrich-und-Ilse-Erhard-Straße 13) spontan verwendbare Waren spenden möchte, kann diese immer montags etwa ab 9 Uhr vorbeibringen oder abholen lassen (Kontakt Franz Neuner: Telefon 0 88 41/36 89 oder 0157/7 74 79 52 10). Geldspenden können gerichtet werden an die Katholische Kirchenstiftung St. Nikolaus Murnau, IBAN DE02 7039 0000 0201 8284 10; Verwendungszweck: zweckgebundene Spende für Tafel-Ausgabestelle Murnau.

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