„Man sagte mir jeweils, man habe keinen Augenarzt“

Auge verletzt: So weit musste ein Murnauer für medizinische Hilfe fahren

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Der Murnauer Josef Sittesberger (83) benötigt dringend einen Arzt für sein verletztes Auge. Kein Problem in einem medizinisch top versorgten Ort wie Murnau - falsch gedacht. 

Murnau/Landkreis – Eines vorneweg: Für Josef Sittesberger, der demnächst 84 Jahre alt wird, ging die Geschichte gut aus. Sein Auge befindet sich auf dem Weg der Besserung.

Am Freitagnachmittag bestand allerdings Grund zur Sorge. Ein Fremdkörper im Innenlid machte dem Murnauer massiv zu schaffen. Das betroffene Auge war stark entzündet, der Senior musste es geschlossen halten – er benötigte medizinische Hilfe. Da die sonst zuständige Ophthalmologin vor Ort keine Sprechstunde hatte, wählte seine Frau Christine die Telefonnummer 116117 für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst – und erfuhr: Der nächste Spezialist steht in Landsberg zur Verfügung, rund eine Stunde Fahrzeit entfernt. Die Murnauerin stutzte angesichts des mit Hochleistungs-Medizin top-versorgten Ortes, hakte in der Unfallklinik und in der Murnauer Außenstelle des Kreisklinikums nach. Vergeblich: „Man sagte mir jeweils, man habe keinen Augenarzt.“

Sittesberger fasst das nicht, fragt: „Wie kann das sein, mit solch einer bekannten Klinik vor der Nase? Wenn ich im Bayerischen Wald lebe, muss ich damit rechnen – aber hier? Und was passiert mit Unfallopfern, die Splitter im Auge haben?“ Ihr Mann konnte auf sie zählen, sie fuhr ihn stante pede nach Landsberg. Doch Sittesberger denkt an alleinstehende Senioren in einer ähnlichen Lage, die mit nur einem funktionierenden Auge eine einstündige Autofahrt bewältigen sollen.

Nothilfe der Klinik hilft bei akuter Gefahr

Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Volker Bühren bestätigt: Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik hält keine ambulante Notfallsprechstunde für Augenverletzungen vor. Sie führe keine eigene Augenklinik und habe „daher auch keine hauptamtlich beschäftigten Augenärzte unter Vertrag“. Um dieses Feld etwa bei entsprechend betroffenen Mehrfachverletzten abzudecken, besitzt sein Haus Konsiliarverträge mit niedergelassenen Fachleuten vor Ort. „Diese Ärzte stehen für die stationären Patienten der Klinik jederzeit zur Verfügung.“ Zudem verweist Bühren auf Kooperationen mit hoch spezialisierten Kliniken. In konkreten Fällen, bei denen akute Gefahr im Verzug sei oder zumindest vermutet werde, könne sich ein Patient „selbstverständlich immer in der Nothilfe der Klinik vorstellen“, betont Bühren. Hier kläre man Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten ab und helfe dem Betroffenen entsprechend weiter. „Im vorliegenden Falle wäre, wahrscheinlich mit Erfolg, versucht worden, den Fremdkörper zu entfernen.“ Auch Gudrun Stadler vom Kreisklinikum bescheinigt Sittesberger, korrekte Auskunft erhalten zu haben: Es gebe keine augenärztliche Fachabteilung im Haus, man sei darauf nicht spezialisiert. Patienten können sich an niedergelassene Mediziner beziehungsweise den Bereitschaftsdienst wenden. Dieser deckt die Versorgung zu Zeiten ab, in denen Praxen üblicherweise geschlossen sind.

Allgemeinmedizin flächendeckend vorhanden

Mit Glück steht dann der Facharzt um die Ecke zur Verfügung, mit Pech kann eine Fahrt bis nach Landsberg anfallen. Der dortige Spezialist bildet mit Kollegen unter anderem in Murnau, Peißenberg, Schongau oder Dießen eine Bereitschaftsdienstgruppe; man wechselt sich ab. Braucht ein Erkrankter aus dem Landkreis etwa am Wochenende einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt, kann er etwa nach Gilching, Herrsching oder Tegernsee geschickt werden. Nach Angaben von Birgit Grain, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), handelt es sich beim spezialisierten fachärztlichen Bereitschaftsdienst um ein „On-Top-Angebot“ – also eine zusätzliche Offerte. „Es ist gut, dass es das gibt, aber dadurch kommt es zu weiteren Strecken“, räumt sie ein. Der allgemeinärztliche Bereitschaftsdienst stehe dagegen flächendeckend zur Verfügung. Zudem verweist Grain auf zentrale Bereitschaftspraxen für die ambulante medizinische Versorgung außerhalb von Praxiszeiten. Diese betreibt die KVB seit April 2016 auch an den Kliniken in Murnau und Garmisch-Partenkirchen. In der Murnauer Unfallklinik wurde erst im vergangenen Jahr ein neues Bettenhaus für rund 74,5 Millionen Euro errichtet und die Kooperation mit dem Klinikum Garmisch-Partenkirchen dadurch gefestigt.

Josef Sittesberger fand in Landsberg dringend benötigte – und rechtzeitige – Hilfe. Der Augenarzt, der ein Betonteilchen entfernte, machte ihm angesichts der verletzten Hornhaut klar: Sittesberger hätte nicht bis Montag warten dürfen. Weiterer Verzug hätte sogar sein Augenlicht in Gefahr bringen können.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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