Eine Grafik zeigt eine Kurve, wie sich E-Autos im Landkreis Garmisch-Partenkirchen entwickelt haben.
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Die Zahl an E-Autos im Landkreis steigt. Hoch ist sie noch nicht.

Hohe Nachfrage bei Auto Stanglmair

E-Autos: Keine Wende, vielleicht ein Trend - Anteil im Landkreis noch bei geringen 0,6 Prozent

Die Bundesregierung hat sich die Verkehrswende zum Ziel gesetzt. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist die Anzahl an E-Autos deutlich gestiegen, aber sie ist gering. In einem Autohaus schaut das Bild anders aus.

Landkreis – Maximilian Schwarz, gepunktetes Hemd, empfängt seine Gäste mit einer Tasse Kaffee – sowie einem Versprechen. „Ohne E-Auto gehen Sie hier nicht mehr raus.“ Nun gehören solche Sprüche zum Metier, wenn man wie Schwarz als Verkaufsleiter in einem Autohaus beschäftigt ist. In seinem Fall ist das nicht bloß Marketing-Blabla. Denn was sich im Autohaus Stanglmair zur Zeit abspielt, drücken am besten Zahlen aus.

Glaubt an den Aufwärtstrend: Maximilian Schwarz, Verkaufsleiter beim Autohaus Stanglmair in Murnau.

Bis Mitte Mai haben Schwarz und seine Kollegen bereits 130 Elektro-Autos in diesem Jahr verkauft. In den zwölf Monaten zuvor, 2020, waren es im Stanglmair-Gebiet zwischen Garmisch-Partenkirchen und Starnberg 156 Fahrzeuge gewesen – diesen Wert heftete der Autohändler schon als großen Erfolg ab. Erstmals machen Elektroautos oder Hybride den größten Teil der verkauften Wagen beim Murnauer Autohaus aus. Ist das die Wende auf dem Automobilmarkt, die die Bundesregierung als Ziel formuliert hat? Bis 2030 sollen zwischen sieben und zehn Millionen E-Fahrzeuge zugelassen sein. Bislang sind es nicht einmal 400 000.

Autohaus Stanglmair: 130 E-Autos bis Mitte Mai 2021, Landkreis: 320 E-Autos im Jahr 2020

Eine Woche recherchiert Wolfgang Rotzsche, Pressesprecher im Landratsamt, zu der Frage. Dann schickt er ein Pamphlet, das einen Satz Daten enthält. Wobei man nicht sagen kann, ob die Zahlen für oder gegen eine Mobilitätswende sprechen. Einerseits heißt es da, die Anzahl der rein elektrisch betriebenen Fahrzeuge im Jahr 2020 sei um 135 Prozent gestiegen, von 136 auf 320. Gleichzeitig beträgt der Anteil der reinen E-Autos an den zugelassenen Pkw im Kreis nur 0,6 Prozent. Bundesweit sind es doppelt so viel – doch 1,2 Prozent sind kein Grund zum Prahlen.

Schwarz erzählt vom Corona-Sommer 2020. Im Lockdown hatten sie bei Stanglmair an die 100 E-Autos bestellt. Manche fragten besorgt, wer die kaufen soll, weil die Welt anderes zu tun hatte, als Autos abzunehmen. Als im Juli der Bund seine Umweltprämie erhöhte, „haben wir uns nicht mehr retten können“, sagt der Verkaufsleiter. Als eines der ersten Autohäuser ist das Murnauer Unternehmen mit Außenstellen in Garmisch-Partenkirchen, Rottach-Egern, Schongau, Wielenbach und Starnberg auf die Fahrbahn der E-Mobilität abgebogen – und wird sie nicht mehr verlassen.

Elektro-Autos: Viele Fragen zu den Batterien, Ladezeiten, Umweltfreundlichkeit

Die Geschichte, wie der Autohändler zum Elektroauto kam, beginnt 2019 mit Zweifeln: E-Autos brauche kein Mensch, so dachten genügend Mitarbeiter, als sie von der Neuausrichtung der Marke Hyundai erfuhren, mit der das Unternehmen handelt. „Wir waren skeptisch“, räumt Schwarz ein. Im Grunde stellten sie dieselben Fragen, mit denen sie nun die Kunden konfrontieren. Was ist mit den Ladezeiten? Was passiert mit den Batterien? Wie umweltfreundlich ist so ein Auto überhaupt?

Mit den Anliegen habe man sich „extremst auseinandergesetzt“. Die Mitarbeiter haben nun Antworten: Auf den Akku gibt der Hersteller acht Jahre Garantie, nach dieser Zeit lässt er sich relativ leicht aufbereiten. Selbst danach könne man ihn als Hausspeicher verwenden. Der Experte verweist zudem auf neue, energie- wie CO2-sparende Methoden bei der Herstellung der Batterien. Beim Tanken kündigt Schwarz einen Paradigmenwechsel an. Getankt wird künftig nicht mehr, „wenn leer ist, sondern wenn ich stehe“. Eine normale Ladestation erhöht die Reichweite in einer Stunde um 80 bis 90 Kilometer. Schnell-Ladestationen füllen die Batterie in 20 bis 25 Minuten zu 80 Prozent auf. Im Landkreis sind 35 öffentliche Säulen mit 88 Ladepunkten verteilt. Damit schneidet er deutlich besser als die Nachbarkreise ab, hat die „WELT am Sonntag“ herausgefunden.

Elektro-Auto: „Für den Kunden ist ein solches Auto immer wirtschaftlich“

Das stärkste Argument bleiben die Kosten: Bis 2030 sind die Elektrowagen steuerfrei, Unterhaltskosten wie beim Ölwechsel entfallen, der Strom für 100 Kilometer kostet nur um die 4,50 Euro, und der Staat zahlt bis zu 9000 Euro für die Anschaffung, selbst bei Leasing-Modellen. „Egal wie man’s rechnet: Für den Kunden ist ein solches Auto immer wirtschaftlich.“

Fürchten um die Zukunft kleiner Werkstätten: Martin Geißler aus Uffing und Mitarbeiter Pal Adorjan (r.).

Martin Geißler betreibt in Uffing eine Autowerkstatt. Er empfängt im Büro, an der Wand hängt sein Meisterbrief, auf dem Tisch liegen sechs Schlüssel – alle von Wagen mit Verbrennern. Erst ein reines E-Auto stand in der Werkstatt, zum Reifenwechsel. Ob Geißler um die Zukunft der freien Werkstätten fürchtet? „Ja, das sag’ ich ganz ehrlich. Ich glaube schon, dass es für die Kleinen problematisch wird.“ Automechaniker wie er werden Weiterbildungen machen, ihre Werkstatt umrüsten, Ladestationen anschaffen und Personal umschulen müssen. „Das kostet alles Geld“, sagt Geißler. Selbst dann weiß er nicht, ob man als Automechaniker komplikationsfrei an den Elektrofahrzeugen rumschrauben kann. Erst in zehn Jahren könne man ungefähr abschätzen, wie viel E die Autobranche verträgt. Grundsätzlich sei das E-Auto eine „wunderbare Sache“. Doch beim Uffinger überwiegen die Zweifel. Kinderarbeit in Kobalt-Mienen, relativ geringe Reichweite, die auf dem Land zum Problem werde. Insgeheim hofft er, dass die Politik zurückrudert, wieder auf synthetische Kraftstoffe – etwa auch auf Wasserstoff – setzt.

E-Autos: Ein Risiko für kleine, freie Werkstätten

An ein Zurück glaubt Schwarz nicht. „Die E-Autos werden mehr.“ Anteilsmäßig, prophezeit der Verkaufsleiter, dürften sie sich bei etwa 50 Prozent einpendeln. „Warten wir die Wahl ab, wie schnell das geht.“ Für die Werkstatt seines Hauses stelle der E-Markt keine Gefahr da. Als Fachwerkstatt ist sie der erste Ansprechpartner bei Problemen. Für die kleinen freien Werkstätten sieht er dagegen ebenfalls ein Risiko. „Ohne Spezialisten und Kontakt zum Hersteller kann man diese Autos nicht mehr fahren.“ Bei Stanglmair halten sie an ihrem Kurs fest. Alleine wegen der Nachfrage. „Ohne die könnten wir uns nackt auf die Straße stellen und würden trotzdem keine Autos verkaufen.“ Auch am Landratsamt erkennen sie den Trend. 4 der 23 Dienstwagen laufen mit Strom. In den nächsten Jahren, betont Sprecher Rotzsche, sollen mehr hinzukommen – oder Dienstfahrten gleich ganz vermieden werden.

Am Bildschirm präsentiert Schwarz den neuen Schatz: Hyundai IONIQ 5 – 305 PS, Allrad, über 400 Kilometer Reichweite. „Das E-Auto der Zukunft, das interessanteste der Welt.“ 40 haben sie bestellt. Vorhin habe er wieder einen verkauft, um kurz vor 12 Uhr. Es ist das vierte E-Auto des Tages. Der Benzinmotor stehe nach 120 Jahren am Ende, sagt Schwarz. Das Zeitalter der Elektromobilität habe gerade erst begonnen.

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