Zu eng und nicht mehr zeitgemäß: das Domizil der Feuerwehr Murnau am Viehmarkplatz.
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Zu eng und nicht mehr zeitgemäß: das Domizil der Feuerwehr Murnau am Viehmarkplatz.

Kritik an Verzögerungen bei der Realisierung des neuen Gerätehauses

Brandbrief der Murnauer Feuerwehren

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Feuerwehrmitglieder aus Murnau, Hechendorf und Weindorf wenden sich mit einem wohl beispiellosen Hilferuf an die Öffentlichkeit. Die Ehrenamtlichen wirken zermürbt, demoralisiert von Verzögerungen auf dem langen Weg zum neuen Murnauer Feuerwehrgerätehaus. Sie kritisieren Bürgermeister sowie Teile des Gemeinderats – und richten dringende Appelle an die Entscheider.

  • Murnaus Feuerwehren haben sich am Mittwoch mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit gewandt.
  • Die Retter kritisieren unter anderem, dass sie den Eindruck haben, bei der Umsetzung des neuen Gerätehauses werde auf Zeit gespielt.
  • Bürgermeister Rolf Beuting will reagieren und alle Feuerwehrleute nochmals über den aktuellen Projektstand sowie das weitere Vorgehen informieren. Er betont, er stehe voll an der Seite der Retter.

Murnau – An Einsatz und Einsätzen fehlt es nicht. Knapp 300 Mal pro Jahr rückt die Freiwillige Feuerwehr Murnau in der Regel aus; 2018 stemmte die motivierte Mannschaft sogar noch deutlich mehr Alarmierungen. Äußere Einflüsse aber setzen den Ehrenamtlichen und der Stimmung in der Gemeinschaft offenbar zu. „Resignation“ herrscht in den Augen des Stellvertretenden Kommandanten Michael Winkle. „Optimismus weicht Realismus“, sagt er.

Murnauer Feuerwehr schlägt Alarm: Kritik an „schleppender Umsetzung“ des Gerätehaus-Neubauprojekts

Die Aktiven treibt die Endlosschleife um, in der sich in ihren Augen Teile des Gemeinderats mit Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) an der Spitze befinden, wenn es darum geht, ein modernes Gerätehaus zu realisieren, an dessen Notwendigkeit seit langer Zeit keine Zweifel mehr bestehen. Das geht so weit, dass die Retter selbst Alarm schlagen: In einem öffentlichen Brandbrief (siehe unten) wiesen sie gestern auf die „schleppende Umsetzung“ des Neubau-Projekts hin, das nach einer Entscheidung des Gemeinderats vom Juli 2019 am alten Volksfestplatz an der Kellerstraße entstehen soll. Auf acht Millionen Euro wurden zuletzt die Baukosten taxiert. Die Feuerwehren fordern von der Politik, das eigene Abstimmungsergebnis endlich zu realisieren. Doch: „Seit diesem Beschluss wird wieder geprüft, Gutachten werden in Auftrag gegeben, Gespräche geführt, neue Standorte in Erwägung gezogen, und man dreht sich immer wieder im Kreis“, heißt es in dem Schreiben. „Wir haben den Eindruck, dass hier auf Zeit gespielt wird.“

Feuerwehr Murnau: Altes Domizil wird modernen Ansprüchen längst nicht mehr gerecht - und es fehlt an Platz

Die Feuerwehr setzt einen schier beispiellosen öffentlichen Hilferuf ab. Ihr altes Domizil wird modernen Ansprüchen längst nicht mehr gerecht, es fehlt an Platz; Expertisen sprechen dem Standort die Zukunftsfähigkeit ab. Die praktischen Probleme seien seit zwölf Jahre bekannt, heißt es – und bergen offenbar auch Gefahren für die Menschen, die Tag und Nacht ausrücken, wenn andere Hilfe brauchen. An Brisanz gewann das schwierige Arbeitsumfeld 2016, als ein Aktiver einen Kameraden nach einer Übung bewusstlos und inmitten von Blut unter dem Drehleiterfahrzeug fand. Ein Insider schildert, dass der Mann offenbar aus dem einen Gefährt gegen jenes gefallen sei, das aus Platznot knapp daneben geparkt war. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Winkle sagt: „Da stand es Spitz auf Knopf.“ Gestandene Wehrmänner erzählen noch heute, wie sehr dieser Vorfall alle schockiert habe.

Murnauer Gerätehaus: Feuerwehr-Referent verweist auf eindeutigen Standort-Beschluss

Michael Hosp (CSU), ehemaliger Kommandant und Feuerwehr-Referent im Gemeinderat, spricht die Verantwortung der Kommandanten für ihre Leute an – und letzten Endes die des Bürgermeisters „als Dienstherr“. Hosp betont: „Unsere Feuerwehrkameraden haben das Recht, sich im Haus unfallfrei aufzuhalten.“ Es gebe einen eindeutigen Beschluss für den neuen Standort. Er verstehe nicht, „wieso man immer wieder eine Runde dreht und alles komplett aufdröselt. Man schiebt und schiebt und schiebt und schiebt“. Dies lasse sich den Aktiven „gar nicht mehr richtig vermitteln“. In Hosps Augen fehlt es bei vielen an Wertschätzung gegenüber der Feuerwehr – auch „bei Teilen des Gemeinderats“. Die politischen Gremien seien aufgefordert, endlich einmal tätig zu werden.

Murnauer Grünen-Fraktion bringt Verbleib an altem Standort wieder ins Gespräch

Zuletzt hatte die Grünen-Fraktion das Thema Feuerwehrhaus neu aufgebrochen und einen möglichen Verbleib am Viehmarktplatz ins Gespräch gebracht. Zuvor, im Oktober, hatten schwierige Verkehrsfragen am alten Volksfestplatz eine Grundsatzdebatte entfacht. Einzelne Gemeinderäte äußerten die Befürchtung, man könnte sich mit dem neuen Gerätehaus an dieser Stelle eine künftige Westtangente verbauen. Davor hatte es unter anderem Diskussionen um Altlasten auf dem Areal gegeben.

Winkle appelliert dringend an den Gemeinderat, „den eigenen Beschluss konstruktiv und proaktiv auch umzusetzen“. Den unbedingten Willen dazu kann er bislang nicht erkennen. „Das ist ein wenig ernüchternd für uns.“ Er stellt klar: Hier geht es nicht um ein Wunschprojekt der Feuerwehr, nicht darum, „ein schönes Haus zu bekommen“. Sondern um ein Objekt der Daseinsvorsorge – eine Pflichtaufgabe der Kommune.

Bürgermeister will Feuerwehrleute über aktuellen Projektstand und weiteres Vorgehen informieren

Bürgermeister Beuting will reagieren und alle Feuerwehrleute nochmals über den aktuellen Projektstand sowie das weitere Vorgehen informieren. Das erklärt Rathaus-Sprecherin Annika Röttinger am Mittwoch auf Tagblatt-Anfrage. Sie verweist auf den Feuerwehrarbeitskreis, der sich letztmals Anfang Dezember getroffen habe – ein Gremium, das aus Führungskräften der Feuerwehr, Mitgliedern des Gemeinderats und dem Bürgermeister besteht. In diesem werde „regelmäßig der aktuelle Stand und das weitere Vorgehen besprochen“. Und im Rahmen der Haushaltsberatungen, sagt Röttinger, sei der Bau des Feuerwehrgerätehauses zeitlich nach vorne verschoben worden. Die Arbeiten sollen 2023 anlaufen.

Beuting beteuert: Stehe voll an der Seite der Feuerwehrleute

Beuting betont, er stehe „voll an der Seite der Feuerwehrleute“. Auch er wolle, dass der Neubau des Gerätehauses „so schnell wie möglich verwirklicht wird“. Es handle sich dabei „leider um ein aufwendiges Verfahren mit zusätzlichen Herausforderungen, wie der Müll- und Verkehrsproblematik“. Der Bürgermeister untermauert indes, man wolle „trotz allem bei dem bereits festgelegten Standort bleiben, um weiter an einer schnellstmöglichen Umsetzung arbeiten zu können. Diese einmal gefällte Entscheidung sollten wir beibehalten“. Alles andere könnte die Umsetzung des Projekts verzögern, warnt Beuting, da leicht zu realisierende Alternativstandorte fehlten. „Mir ist es wichtig, sich auf getroffene Beschlüsse verlassen zu können. Dies wäre auch für die Betroffenen ein sehr wichtiges Zeichen.“

Das öffentliche Schreiben der Feuerwehrleute im Wortlauf:

„Alarm bei der Feuerwehr:

Wir retten, löschen, bergen, schützen, und das im Auftrag von Ihnen, den Bürgern von Murnau. Wir machen das aus Passion neben unserem Beruf an 365 Tagen, 24 Stunden. Und ja, dieses sinnerfüllte Ehrenamt macht uns Spaß.

Was diese Freude aber nun schon seit zwölf Jahren trübt, ist die schleppende Umsetzung eines Feuerwehrhaus-Neubaus. Der alte Standort am Viehmarktplatz, durch ein Gutachten für nicht zukunftsfähig und mängelbehaftet bewertet, ein neuer Standort am alten Volksfestplatz als geeignet und zukunftsfähig bewertet. Auch ein sehr schwerer Unfall bei einer Übung in 2016, der auch mit der beengten Situation zusammenhing, hatte nur organisatorische Auswirkungen.

Der Gemeinderat hat sich im Beschluss vom Juli 2019 für den neuen Standort ausgesprochen. Seit diesem Beschluss wird wieder geprüft, Gutachten werden in Auftrag gegeben, Gespräche geführt, neue Standorte in Erwägung gezogen, und man dreht sich immer wieder im Kreis. Wir haben den Eindruck, dass hier auf Zeit gespielt wird. Die Sicherheit der ehrenamtlichen Feuerwehrkräfte muss für die Gemeinde (Bürgermeister und Marktgemeinderat) und auch für Sie, die Murnauer Bürger, oberstes Ziel sein. Dies ist nur baulich durch ein neues Gerätehaus umsetzbar. Die Gemeinde als Dienstherr hat die gesetzliche Verpflichtung, die geltenden Vorschriften für die Sicherheit in der Feuerwehr einzuhalten. Diese schleppende Umsetzung kann und muss man nach zwölf Jahren schon als Organisationsverschulden werten. Wir erwarten von unserem Bürgermeister und Gemeinderat, dass sie ihre Beschlüsse proaktiv umsetzen und fraktionsübergreifend an einer geplanten Fertigstellung in 2025 mitwirken.

,Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen.‘“

Die Feuerwehrdienstleistenden aus Murnau, Hechendorf und Weindorf

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