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Das Thema Ehrenbürger ist auch in Murnau ein heikles.

Murnau und seine Ehrenbürger - ein schwieriges Thema

Bürgermeister fordert Kriterien-Katalog für Ehrenbürger

In vielen Gemeinden ist das Thema Ehrenbürger – gerade im Hinblick auf die braune Vergangenheit – heikel. So auch in Murnau. Nun sollen Persönlichkeiten der Gemeinde auf den Prüfstand. Um welche es sich handelt, daraus macht man im Rathaus ein großes Geheimnis.

Murnau – In Murnau sollen Ehrenbürger genau unter die Lupe genommen werden. Das ist bekannt. Um welche Personen es dabei geht, will die Kommune auf Tagblatt-Nachfrage aber nicht verraten. „Aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte können wir hierzu keine weiteren Angaben machen“, lässt Wirtschaftsförderer Jan-Ulrich Bittlinger mitteilen.

Diese Geheimhaltung ist bemerkenswert. Schließlich hatte Murnau die betreffenden Personen öffentlich für ihr Wirken ausgezeichnet. Die Liste der in Frage kommenden Ehrenbürger ist ohnehin nicht lang. Dazu zählen Robert Wohlgeschaffen (1873 bis 1966), Professor Max Dingler (1883 bis 1961), Dr. Carl Pichler (1892 bis 1963), Monsignore Philipp Madlener (1909 bis 1997), Wilhelm Simet (1915 bis 1988) sowie Dr. Ingeborg Haeckel (1903 bis 1994).

In enger Absprache mit einer Historikerin soll ein Kriterienkatalog erarbeitet werden

Die Marktgemeinderäte haben von der Verwaltung Unterlagen über die Biografien von Ehrenbürgern erhalten. Das weitere Procedere sieht wie folgt aus: Auf Vorschlag von Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) und der Leiterin des Marktarchivs, Dr. Marion Hruschka, soll der Arbeitskreis Geschichte des Nationalsozialismus (AK) in enger Absprache mit der Historikerin Dr. Edith Raim einen Kriterienkatalog erarbeiten.

Über diesen Vorstoß muss aber der Marktgemeinderat noch entscheiden. Bei den Kriterien geht es darum, welche Vorgaben erfüllt sein müssen, um sich von einem Beschluss zur Ehrenbürger-Ernennung zu distanzieren. Nach Hruschkas Ansicht sollte geklärt werden, ob ein eigener Forschungsauftrag vergeben werden muss, um ausgezeichnete Personen zu benennen. Der derzeitige „von Frau Dr. Raim umfasst nur kurze biografische Einschübe einzelner Akteure, aber keine detaillierte biografische Recherche und Untersuchung aller Ehrenbürger“, betont die Marktarchivarin.

Kurz zur Erklärung: Raim durchleuchtet momentan die Zeit in Murnau zwischen 1919 bis in die 1950er Jahre. Ehrenbürger des Ortes kämen natürlich in ihrem Manuskript vor, sagt die Historikerin. „Allerdings stehen sie nicht im Zentrum meiner Recherchen.“ Ihre persönliche Meinung ist: „Wer der Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und den Menschenrechten verpflichtet ist, kann NSDAP-Mitglieder, die einer rassistischen ,Weltanschauung’ anhingen, nicht als Vorbilder ansehen.“

Willi Simet trat der NSDAP mit 21 Jahren bei - 26 Jahre lang war er Murnauer Bürgermeister

Einer, der der Nazi-Partei 1937 mit 21 Jahren beitrat, ist Willi Simet. Das ergaben Tagblatt-Recherchen im Bundesarchiv in Berlin. Die Mitgliedsnummer ist 4691647. Auf der Karteikarte wird als Beruf Unterbannführer der Hitlerjugend angegeben. Simet nahm auch am Zweiten Weltkrieg teil. 1941 war der Leutnant Zugführer im Gebirgsjäger-Regiment 98. Dieses war 1943 in Griechenland für exzessive Verbrechen an der Zivilbevölkerung verantwortlich. Ob Simet daran beteiligt war, ist unklar. Er war 26 Jahre lang Murnauer Bürgermeister, von 1952 bis 1978. Nachfragen zu Simet blockt die Gemeinde ab.

Auch der Leitende Krankenhausarzt Dr. Carl Pichler sah ab 1937 in der rassistischen Hilter-Partei seine politische Heimat. Die Naturschützerin Dr. Ingeborg Haeckel gehörte der NSDAP nicht an, untergeordneten Organisationen wie dem NS-Lehrerbund, der NS-Frauenschaft, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und der Deutschen Arbeitsfront aber schon. Haeckel sei „politisch einwandfrei“, heißt es in einer Beurteilung vom Oktober 1942. Sie soll „jederzeit zur Mitarbeit bereit“ sein. Die Gau-Führung München-Oberbayern der NSDAP hatte sich damals bei der Kreisleitung der Partei nach Haeckel erkundigt. Das Schreiben liegt ebenfalls im Bundesarchiv. Die Kämpferin für das Murnauer Moos war zur besagten Zeit Schulleiterin in der Marktgemeinde. Wegen dieser Beurteilung wird man sie nicht von der Ehrenbürgerliste streichen. Interessant ist sie aber allemal.

Max Dingler ist ein klarer Fall - das ist die Meinung vieler 

Ein klarer Fall ist nach Meinung vieler Max Dingler. Er setzte sich ebenfalls fürs Moos ein, gründete aber Anfang der 1920er Jahre die NSDAP-Ortsgruppe mit. Zudem nahm er 1923 am Hitlerputsch teil. Sein Leben ist gründlich erforscht. Die ÖDP/Bürgerforums-Fraktion sowie Grünen-Einzelkämpferin Veronika Jones stellten den Antrag, Dingler von der Ehrenbürgerliste zu streichen. Rathauschef Beuting sagt, er persönlich könne sich „nicht vorstellen, dass Max Dingler nach den derzeit vorliegenden Erkenntnissen die Ehrenrechte Murnaus behalten kann“. Aber diese seien „1953 von einem demokratisch gewählten und legitimierten Murnauer Gemeinderat verliehen“ worden, „und schon deshalb ist eine sorgfältige Aufarbeitung erforderlich.“

Roland Lory

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