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Austausch in Afrika: Christine Singer (l.).

Hilfs-Projekt in Afrika 

Hofheimerin gibt bayerische Tipps für kenianische Bäuerinnen

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Sie üben den selben Beruf aus, leben jedoch in verschiedenen Welten. Mit weiteren bayerischen Landfrauen besuchte Christine Singer aus Hofheim Afrika, um sich mit Kenianerinnen über Landwirtschaft auszutauschen und Workshops zu geben. Die Bayerinnen vermittelten nicht nur Wissen, sie lernten auch selbst viel dazu.

HofheimGespannt sitzen sie da. Hören genau zu, was die Bäuerin aus Hofheim vorne erzählt. Es geht um die Besamung von Kühen. Erst ist die Stimmung ausgelassen, die Frauen lachen. Dann wird es mucksmäuschenstill. Alles, aber wirklich alles möchten die Bäuerinnen aus Kenia erfahren. Darüber, wie sie ihre Kühe melken müssen, ohne dass sich Entzündungen am Euter bilden; welche Hausmittel bei Durchfall helfen. Sie möchten weiterkommen. Statt drei bis fünf sollen ihre Kühe zehn Liter Milch am Tag geben, die die Frauen verkaufen. Mit den Einnahmen können sie das Schulgeld ihrer Kinder bezahlen und für das Essen zu Hause sorgen.

Kenia ist ein Land der Gegensätze. Auf dem Land gibt es wenig Infrastruktur, unregelmäßig Strom, das Wasser kommt selten aus der Leitung. „Auf der anderen Seite hat jeder ein Handy“, sagt die stellvertretende Landesbäuerin Christine Singer. Die Bezahlung läuft meist elektronisch, ohne Bargeld. Die Hofheimerin Singer war nun zum zweiten Mal in Westkenia. In diesem Fall machte sie sich mit der schwäbischen Bezirksbäuerin Christiane Ade, ihrer Stellvertreterin Marianne Stelzle und der niederbayerischen Ehrenbezirksbäuerin Maria Biermeier auf die Reise. Nicht um auf Safari zu gehen, sondern um sich mit den Kenianerinnen auszutauschen. Von Bäuerin zu Bäuerin, von Frau zu Frau.

Verhältnisse wie vor 100 Jahren

In Westkenia leitet die BBV Landfrauen Internationale Zusammenarbeit GmbH (BBV-LIZ) seit Mai 2017 ein Projekt, um kenianische Bäuerinnen bei der Vertretung ihrer Interessen zu stärken, ihnen bei der Schaffung zusätzlicher Einkommensquellen, insbesondere bei der Wertschöpfungskette Milch, zu helfen und sie im Bereich Ernährungsbildung zu unterstützen. Im Zentrum stehen die kenianischen Bäuerinnen und ihre kleinen Familienbetriebe in den drei Countys Siaya, Kakamega und Bungoma. Erst vor kurzem berichtete Singer im Haus des Gastes in Spatzenhausen gemeinsam mit der Leiterin des Projekts, Angelika Eberl, von ihrer jüngsten Reise. Mit dabei waren auch afrikanische Gäste. Drei Frauen aus Kenia wurden vom Landfrauenprojekt eingeladen.

Frauen haben in Kenia wenig mitzubestimmen, arbeiten müssen sie umso mehr. Seit 2010 gibt es eine neue Verfassung, die die Rechte der Frau stärkt; viele wissen das gar nicht. Und die, die es wissen, hielten sich nicht daran, sagt Singer. Es sind teilweise Verhältnisse, wie sie bei uns vor 100 Jahren herrschten. „Wir können uns das gar nicht mehr vorstellen“, betont die Hofheimerin. Mit den einfachsten Mitteln pflanzen die Bäuerinnen ihr Gemüse, versorgen ihr Vieh. Viel Arbeit für kleines Auskommen. Schon die Wasserbesorgung sei ein enormer Aufwand, sagt Singer: „Die meisten müssen dafür kilometerweit laufen.“ Für etwas Wasser aus einem Fluss oder Brunnen.

Beeindruckt von der Selbsthilfegruppe mit HIV-positiven Frauen

Auch gesunde Ernährung war Thema in den Schulungen. Kenia ist ein fruchtbares Land, in dem viele Früchte wachsen, trotzdem leiden viele Menschen an Mangelernährung – aufgrund ihres einseitigen Essens. Die Avocado etwa, in Deutschland begehrtes Superfood, nehmen die Menschen selten zu sich. Auch die Süßkartoffel, die viel Vitamin A enthält, ist in Kenia nicht sehr populär. „Es ist dort einfach nicht Tradition.“ Singer und ihren Kolleginnen akzeptieren das, wollen aber Anstöße geben. Deshalb erhielten alle Teilnehmer der Schulung einen Obstbaumsetzling – Mango oder Avocado – und eine Vorführung, was man beim Einpflanzen alles beachten muss.

Ihnen sei es wichtig gewesen, nicht als „Oberlehrerinnen“ aufzutreten, die sagen, wie es laufen müsse, betont Singer. „Uns geht es um Austausch.“ Von Bäuerin zu Bäuerin. Auch sie selbst habe viel auf ihrer Reise gelernt. Eine Selbsthilfegruppe mit HIV-positiven Frauen beeindruckte sie besonders. „Trotz ihrer Krankheit sind sie optimistisch.“ Ernährungstipps der Bayerinnen und kenianischer Beraterinnen saugten diese auf wie ein Schwamm. Zum Beispiel, welche Kräuter und Gemüse, die das Immunsystem stärken, in der Umgebung wachsen.

Sehr beeindruckt zeigten sich auch die Besucher im Haus des Gastes von den Kenianerinnen und ihren Geschichten – darunter Ohlstadts Bürgermeister Christian Scheuerer (parteifrei). „Der Funke sprang über“, sagt Singer. Zufällig probte am gleichen Abend der Spielmannszug Spatzenhausen. Als die Musikanten zu spielen begannen, tanzten und sangen die Bäuerinnen aus Afrika – gemeinsam mit den Bayern.

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