Ein Mann mit Mundschutzmaske deutet auf ein Maskenpflicht-Plakat
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Beharrt auf der Maske: Marco Pollini, Betreiber von zwei Restaurants in Murnau und Seehausen.

Polizei musste bereits eingreifen

Wirte erhalten Droh-Mails von Corona-Leugnern – Aktivisten fordern Zutritt ohne Maske

„Diener des Bösen“ - als solcher wurde der Inhaber des Lokals „Zum Murnauer“ in einer E-Mail bezeichnet. Kein Ausnahmefall. Corona-Leugner nahmen vor dem Lockdown die Wirte ins Visier.

  • Corona-Leugner belästigen Gastronomen im Staffelsee-Raum. Unter anderem mit Droh-Mails.
  • Die Maskenverweigerer suchten auch des öfteren die Restaurants auf und forderten den Eintritt ohne den Mundschutz.
  • Die Gastronomen sind sich einig: Sie dürfen den Theorien keine Plattform bieten.

Murnau – Alles begann mit einem nicht angemeldeten „Demo-Spaziergang“ in der Murnauer Fußgängerzone. Darauf folgten Corona-Proteste an festgelegten Tagen. Was mit wenigen Teilnehmern anfing, weitete sich aus und fand Anhänger aus verschiedensten Lagern, darunter Reichsbürger sowie Gegner von Impfungen und 5G. Gestärkt durch diesen Rückenwind legen die Corona-Leugner scheinbar eine neue Strategie an den Tag: Kurz vor dem Lockdown erschienen sie gruppenweise in Gaststätten und wollten ohne Maske eingelassen werden. Zudem verfassen sie hasserfüllte E-Mails an Gastronomen, die in ihrem Unternehmen die Hygiene-Vorgaben erfüllen.

Benjamin Schmitz, Inhaber des Lokals Zum Murnauer, kann ein Lied davon singen. Kurz vor dem Teil-Lockdown fand er in seinem
E-Mail-Postfach die Nachricht einer Murnauerin. Sie spricht den Gastronom als „Diener des Bösen“ an. Unter dem Vorwand, „einen gemeinsamen Diskurs“ führen zu wollen, werden im Verlauf des Schreibens vermeintliche Fakten zum Thema Corona verbreitet. Etwa wird behauptet, das Virus sei nicht gefährlicher als eine saisonale Grippe. Weiterhin strebt die Verfasserin eine Solidarisierung der Wirte mit den Corona-Leugnern an. Sie wittert zudem eine Verschwörung der Regierung und droht dem Wirt: „Dein Betrieb wird auch einer davon sein, der wirtschaftlich zugrunde gerichtet werden soll!“ Der 38-Jährige ist schockiert. Zumal es nicht bei schriftlichen Wortwechseln blieb: Des Öfteren standen Gruppen von Mundschutz-Gegnern vor seiner Tür und wollten ohne Maske eingelassen werden. „Diese Leute versuchen, die Gastronomie als Plattform für ihre Theorien zu missbrauchen“, schimpft der Murnauer.

Benjamin Schmitz ist schockiert von den Taten.

Damit steht er nicht alleine da. Marco Pollini, Betreiber zweier Gaststätten in Seehausen und Murnau, machte ebenfalls schon unangenehme Bekanntschaft mit den Aktivisten. Ein Zusammentreffen Anfang September endete sogar in einem Polizeieinsatz: Von einem aufgebrachten Mitarbeiter erhielt Pollini gegen Abend den Anruf, dass eine Ansammlung von etwa 15 Menschen sein Lokal „Da Noi“ im Murnauer Zentrum ohne Maske betreten habe. Als der Geschäftsführer wenig später vor Ort war, fand er die Gruppe laut diskutierend vor. „Die Leute waren uneinsichtig, sprachen von Freiheitsberaubung. Die haben eine Bühne gesucht und gefunden“, urteilt Pollini. Das Ganze lief derart lautstark ab, dass sich andere Gäste belästigt fühlten und das Restaurant unter Androhung einer Anzeige beim Gesundheitsamt verließen.

Besorgte Gastronomen wenden sich an die Polizei

Pollini rief die Polizei. Drei Beamte geleiteten die Aktivisten hinaus. Die Gruppe habe aus Teilnehmern der Montags-Demos in Murnau bestanden, betont Rudi Schedler von der Polizei. Darunter eben jene Murnauerin, mit der Pollinis Kollege Schmitz später das Vergnügen hatte. Laut Schedler ist die Frau polizeibekannt. Sie steht im Zusammenhang mit vielen ähnlichen Fällen. Körperliche Gewalt ging von den ungebetenen Gästen an jenem Abend zwar nicht aus, jedoch ist in den Akten vermerkt, dass sie sich den Beamten gegenüber „verbal aggressiv“ verhalten hätten. Rechtliche Konsequenzen folgten diesem Vorfall nicht. Als die Polizei eintraf, hatten die Corona-Gegner schon Platz genommen. Das ist ohne Maske erlaubt. „Beim Verlassen des Da Noi hatten viele plötzlich eine Maske aus der Tasche gezogen“, berichtet Schedler.

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Er bekommt immer wieder Anrufe von besorgten Gastronomen, die sich im Angesicht von Maskenverweigerern hilfesuchend an die Polizei wenden. In dieser Hinsicht bleibt den Beamten nur der Verweis auf das Hausrecht: Wirte können entscheiden, wen sie einlassen und, ob sie im Einzelfall Menschen ohne Maske Zugang gewähren – weil diese beispielsweise ein Attest haben. Das könnten manche als Schlupfloch missbrauchen.

Corona-Leugner zählen auf Schwarze Schafe

Benjamin Schmitz verweist an einen Wirt aus dem Nachbarlandkreis. Ihm zufolge werde dieser von Corona-Leugnern als beispielhaft aufgeführt, da er seine Gäste unter Berufung auf das Hausrecht ohne Maske einlässt. Wolfgang Zunterer, Kreisgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands, kann das kaum fassen: „Das würde bedeuten, dass Wirte mit dem Hausrecht die Infektionsschutzmaßnahmen der Regierung aushebeln könnten. Das ist sicher nicht rechtens“, betont er. Auch seitens des Landratsamtes heißt es klar, „dass Wirte sich nicht auf das Hausrecht berufen und die Maskenpflicht generell ablehnen können“, teilt Pressesprecher Stephan Scharf mit.

Auf diese wenigen Schwarzen Schafe zählen jedoch die Corona-Leugner. Darum sei es „umso wichtiger, dass sich die Wirte untereinander absprechen und ein einheitliches Konzept haben. So machen wir es zumindest in Murnau“, betont Thilo Bischoff. Er bewirtschaftet das Lokal Zum Ähndl sowie eine Gaststätte in Seeshaupt. Auch er hat diffamierende E-Mails erhalten. Gruppen von Maskenverweigerern wies er rigoros ab. „Diese Leute wollen sich profilieren“, sagt Bischoff. Es liege an den Wirten, diesem Aktionismus keine Plattform zu bieten.

Keine Vorfälle im südlichen Landkreis

Die Szene der Corona-Leugner ist im Raum Murnau deutlich präsenter als im Rest des Landkreises. Denn mit Vorfällen wie in den Gaststätten musste sich die Polizei in Garmisch-Partenkirchen bisher nicht beschäftigen. „Wir hatten mal zwei Ladenbesitzer, die im Betrieb keine Maske getragen haben, aber das ist ja etwas anderes“, betont Sprecher Josef Grasegger. „Über Kunden, die ohne Maske etwas kaufen möchten, haben wir keine Meldungen.“ Demonstrationen habe es auch in Garmisch-Partenkirchen gegeben, „aber das ist offenbar eine andere Klientel wie in Murnau.“

Constanze Wilz

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