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Geschäftsleuten reicht‘s: Verein schreibt deutlichen Corona-Brandbrief an Söder - „Sind klein, aber viele“

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Von: Roland Lory

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Klare Botschaft: „Wir hätten ihn gern bedient“ steht auf der Tafel (r.) vor dem Glockenstüberl in Ohlstadt. Daneben sitzt ein symbolisches Skelett.
Klare Botschaft: „Wir hätten ihn gern bedient“ steht auf der Tafel (r.) vor dem Glockenstüberl in Ohlstadt. Daneben sitzt ein symbolisches Skelett. © Foto: Korbinian Schöttl/privat

Vielen Murnauer Geschäftsleuten reicht’s. In einem Brandbrief beklagt Guntram Gattner namens des Vereins zur Wirtschaftsförderung die „fortschreitende Unsicherheit und vor allem Ungerechtigkeit“, was die Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie angeht. In Ohlstadt zeigen unterdessen Wirtsleute auf eindrückliche Weise ihren Unmut.

Murnau/Ohlstadt – Viel Hoffnung hat Guntram Gattner nicht, dass sein Schreiben etwas bringt. „Ich weiß nicht, ob es überhaupt gelesen wird.“ Der Vorsitzende des Murnauer Vereins zur Wirtschaftsförderung hat einen Brandbrief verfasst. „Wir sind klein, aber viele“, steht im Betreff der E-Mail, die unter anderem an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ging, an mehrere Landtagsabgeordnete und an Landrat Anton Speer (Freie Wähler).

Corona-Lockdown in Murnau: Geschäftsleute schreiben Brandbrief an Söder

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. Am heutigen Mittwoch treffen sich die Länderchefs mit der Kanzlerin zu einer Videokonferenz. Es geht um wichtige Fragen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie. Anlass des Brandbriefs ist „die in unseren Augen fortschreitende Unsicherheit und vor allem Ungerechtigkeit in der Handhabung der Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie“.

Guntram Gattner steht an der Spitze des Vereins zur Wirtschaftsförderung.
Guntram Gattner steht an der Spitze des Vereins zur Wirtschaftsförderung. © Mayr-Archiv

Weiter heißt es: „Wir erleben in unseren Betrieben (Facheinzelhandel im Bereich Mode und Bekleidung, Uhren und Schmuck, Buch, Hotellerie und Gastgewerbe, Friseure und so weiter), dass die Einschränkungen in zunehmenden Maße den großen Vollsortimenterketten zum Vorteil gereichen.“

Corona in Murnau: Brandbrief an Söder - Kleine Läden im Lockdown benachteiligt

Dort gebe es keine offensichtlichen Zugangsbeschränkungen, stattdessen eine Ausweitung des Sortiments, laxe Einhaltung von Maskenpflicht und ganz besonders die Nichteinhaltung von Abstandsregeln, von Kontrolle ganz zu schweigen. „Das Leben dort läuft, wie zu besten Vor-Corona-Zeiten“, moniert Gattner.

Kleine Flächen würden unverhältnismäßig reglementiert, große Flächen letzten Endes (auch finanziell) unterstützt. „Die inhabergeführten Betriebe können nur noch von ihren Rücklagen zehren, um dann von ihren großflächigen Konkurrenten gekauft oder ,erledigt‘ zu werden.“

„Auch wir beschäftigen Menschen, die wir nicht einfach so entlassen wollen“

Die hiesigen Betriebe würden von engagierten Menschen zukunftsorientiert geführt. Diese müssten jetzt aber erleben, dass die immer wieder angekündigten Mittel nicht oder sehr langsam fließen. Die Geschäfte müssten vor allem aber lernen, dass die Politik auf allen Ebenen sich auf die sogenannten Großen konzentriere, deren Konzepte gleichwohl nicht zukunftsträchtig seien. Dabei verweist Gattner auf Galeria Karstadt Kaufhof.

„Auch wir beschäftigen Menschen, die wir nicht einfach so entlassen wollen“, fährt der Buchhändler fort. „Wir prägen vor allem die kleineren Städte und Orte, wir sind an ihnen interessiert, weil wir dort auch leben, wir betreiben aktive Wirtschaftspolitik im Rahmen unserer Möglichkeiten für unsere Orte.“ Dem Tagblatt sagte der Buchhändler, er befürchte, dass die Innenstädte weiter aussterben.

Corona-Brandbrief an Söder: Rücklagen von Händlern schmelzen - „Wir sehen, dass Appelle gar nichts helfen“

Auch Folgendes kann Söder in dem Schreiben lesen: „Wir haben vorgesorgt, wollen nicht aufgeben, wir haben Lieferdienste organisiert, zeigen Solidarität, haben Hygienekonzepte umgesetzt, müssen aber zusehen, wie fixe Kosten unsere Rücklagen schmelzen lassen, wir sehen, dass Appelle gar nichts helfen.“

Und weiter: „Sie haben in uns bisher Unterstützer gehabt, nun wanken wir angesichts der Tatsache, dass Sie in uns überflüssige Betriebe sehen – unbürokratische Hilfe gibt es nicht! – und gleichzeitig weitere Digitalisierung fordern bei gleichzeitigem Unterlassen passender Rahmenkonzepte dafür, wie zum Beispiel die vollkommen fehlgeschlagene Breitbandversorgung, von der alle profitieren könnten.“

Doch wohin fließt das Geld, fragt Gattner – und gibt selbst die Antwort: „300 Millionen Euro an die Autoindustrie in Bayern“, weil diese ihre eigenen Aufgaben nicht in den Griff bekommen habe. „Jetzt 460 Millionen Euro in einen überkommenen Warenhauskonzern, der für die Attraktivität einer Innenstadt bestimmt nicht maßgebend ist.“ Ob der Brandbrief Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten. Die Mitglieder seien jedenfalls „ziemlich genervt“, erzählt Gattner. „Es macht sich Perspektivlosigkeit breit.“

Corona-Lockdown in Murnau: Symbolisches Skelett vor der Wirtshaustür

Ähnlich ist der Gemütszustand bei den Betreibern des Glockenstüberls an der Hauptstraße in Ohlstadt. „Es nervt eigentlich nur noch“, sagt Wirtin Cornelia Feierabend. Um ihren Unmut auszudrücken, haben sie vor ein paar Tagen symbolisch ein Skelett vor die Tür gesetzt. Daneben steht eine Tafel mit der Aufschrift „Wir hätten ihn gern bedient“.

Der klapprige Geselle hat sogar einen Namen: Kasimir. Den Humor haben Cornelia Feierabend und ihr Ehemann David also noch nicht verloren. Seit November ist das Glockenstüberl coronabedingt geschlossen. Am Freitag, Samstag und Sonntag bietet man einen Liefer- und Abholservice an. Der läuft „mal so, mal so“, sagt Cornelia Feierabend. Aber man habe viele treue Gäste.

Corona in Bayern: Schleppende Unterstützung vom Staat

Die staatlichen Hilfen seien „sehr schleppend“ gekommen. „Wenn wir nicht etwas auf der Seite gehabt hätten, wären wir nicht mehr zahlungsfähig“, sagt die Wirtin. Eine Teilzeit-Festangestellte ist an den Wochenenden im Einsatz. Von ihren 450-Euro-Kräften können die Wirtsleute jedoch nicht alle beschäftigen.

Mit dem Juwelier Gerspach schließt zum 15. Februar eines der ältesten Geschäfte in der Garmischer Fußgängerzone. Ein Schritt, der Inhaberin Ursula Höger äußerst schwer fällt.

(Von Roland Lory)

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