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Zurück in der Kanzlei: Nach 28 Tagen in der Unfallklinik arbeitet Rechtsanwalt Jost Schlegtendal wieder.

28 Tage im Unfallklinikum Murnau

„Scheiß-Angst“: Corona-Patient lag mit Wahnvorstellungen tagelang im Koma - deutliche Worte an Demonstranten

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Jost Schlegtendal hat die Corona-Infektion überstanden. 28 harte Tage im Krankenhaus liegen hinter ihm. Jetzt erzählt der Rechtsanwalt darüber. 

Murnau– Anfangs hat er an einen Infekt geglaubt, an eine schlimmere Erkältung. Nach 28 Tagen in der Murnauer Unfallklinik, zwölf davon im Koma, weiß Jost Schlegtendal (66): Das Coronavirus hat ihn niedergestreckt. Als erster Patient auf der Intensivstation im UKM hing der Murnauer Rechtsanwalt, der sich für die SPD engagiert, am Beatmungsgerät. Als erster Schwerbetroffener im Landkreis spricht er nun auch öffentlich. Über seine Qualen. Über Wahnvorstellungen. Über sein Leben – und über sein Ziel: die Region aufzuklären und zu mahnen.

Auf Intensivstation im UKM: Pfleger haben ihn gefüttert und die Zähne geputzt

Die wichtigste Frage: Wie sieht Ihr Leben nach Corona aus?

Schlegtendal: Inzwischen bin ich drei Wochen aus dem Krankenhaus heraus, arbeite wieder halbtags, teilweise auch am Nachmittag. Nach zwei Monaten bin ich mal wieder Auto gefahren. Ich kriege Krankengymnastik. Ich hatte ganz viel Glück. Nur die Muskulatur ist weggegangen.

Bleiben Folgeschäden?

Beim Abschied hieß es: Wir entlassen sie gesund. Ich saß in einem Lungenapparat. Danach habe ich gesagt bekommen: Alles in Ordnung. Außer Muskelkater spüre ich gar nichts. Ich kann Spaziergänge machen. Es war mein Glück, dass ich solche Fachleute hatte. Für die war ich ja eine Gefahr. Ich war der Erste, ich war ansteckend. Trotzdem sind die an mein Bett gekommen, haben mir die Hand gehalten, mich gefüttert, mir die Zähne geputzt. Das war toll.

Patient denkt am Beginn der Coronavirus-Infektion: Bestimmt nur ein Infekt

Sie waren der erste Intensiv-Patient im UKM. Hatten Sie anfangs Symptome?

Gar nicht. Ich war am 7. März auf einer Wahlkampfveranstaltung und habe mich wahnsinnig verkühlt. Hab gedacht, ich habe mir einen Infekt geholt. Das zog sich über zwei Wochen hin. Ich wurde immer schlapper und schlapper. Ich hatte keine Halsschmerzen, kein Fieber, keinen Husten, keinen Geschmacksverlust. Corona hab’ ich nicht, dachte ich.

Wer hat Sie ins Krankenhaus geschickt?

Meine Ex-Frau hat mich angerufen und zur Schnecke gemacht. Geh zum Arzt, hat sie gesagt. Zwei Tage später war ich bei meiner Hausärztin. Sie hat mich untersucht und – Gott sei Dank – eine Röntgenaufnahme gemacht. Selbst ich als Laie habe gesehen: Da stimmt etwas mit dem Lungenflügel nicht.

Coronapatient auf Intensivstation im UKM: Ab positivem Testergebnis setzt die Erinnerung aus

Danach ging’s direkt in die Unfallklinik?

Ja, dort haben sie ein CT gemacht. Im Bericht heißt es: Das CT weißt auf eine Sars-CoV2-Infektion hin. Sie haben einen Abstrich gemacht, zwei Tage später kam die Nachricht: positiv. Ab da weiß ich nicht mehr viel. Aus meinem WhatsApp-Verlauf weiß ich, dass ich meinem Sohn Jan geschrieben habe. Er und meine Tochter mussten direkt in Quarantäne.

Er wollte sprechen, ab es funktionierte nicht

An den Moment der schlimmen Nachricht erinnern Sie sich also nicht?

Genau. Ich weiß, dass es mir nicht gut ging. Ich hatte Kopfschmerzen, wollte auch keinen Kontakt mit meinen Kindern. Ich war schlecht drauf.

Hatten Sie Angst?

Mit Ausnahme der Wahnvorstellung hatte ich nie Angst. Selbst als ich aufgewacht bin und nicht reden konnte. Da kannst du ja Panik kriegen. Ich habe immer auf die Ärzte gehört.

Tagelang auf Intensivstation: Wahnvorstellungen im Koma

Wahnvorstellung?

Ja, nachdem ich aus dem Koma aufgewacht bin. Was davor passiert ist, weiß ich nur aus Erzählungen. Zwei Tage, nachdem ich eingeliefert wurde, in der Nacht um 3 Uhr, war der Sauerstoff so niedrig, dass die Schwester nicht wusste, was sie machen sollte. Sie hat Ärzte informierte. Um drei hat mich das Personal auf die Intensivstation gebracht. Dann fehlen mir zwölf Tage komplett. Karfreitag war ich wieder wach. In der Zeit hatte ich Wahnvorstellungen. Die Geschichte war: Ich bin auf einer Krankenstation, auf einem Schiff, von Italien nach Südamerika gefahren. Überall versuchen meine Kinder, mich vom Schiff zu holen. Die Ärzte lassen mich nicht herunter, weil ich so krank bin. Das Schiff fährt weiter. Links und rechts neben mir waren Querschnitt-Patienten. Ich habe Stimmen gehört. Das alles hat es natürlich nicht gegeben. Ich hatte noch ganz andere Dinge vor Augen. Aber die sage ich besser nicht. Keine schöne Sachen.

In einem Lokal angesteckt

Ihre erste Erinnerung nach dem Aufwachen?

Dass ich künstlich beatmet wurde. Mit der Folge, dass ich nicht reden konnte. Du willst etwas sagen, aber es kommt nichts heraus. Du liegst da wie ein Kleinkind. Das sind meine ersten Erinnerungen. Mein erstes Glas Wasser war wie Champagner – das Größte überhaupt. Kaum hatte ich den Becher in der Hand, hab’ ich den nicht mehr hergegeben. Ich hatte so Durst.

Wann haben Sie das Beatmungsgerät entfernt?

Am Samstag. Eine Krankenschwester kam rein, sagte etwas zu mir. Ich hab’ erst nicht geantwortet. Da sagte sie: Herr, Schlegtendal, Sie können doch reden. Es ging wieder. Eine halbe Stunde später hab’ ich sie gefragt, wo das Schiff ist. Da meint sie: Wieso Schiff? Sie sind in Murnau. Das war die schönste Nachricht überhaupt.

UKM-Corona-Patient weiß, wo er sich angesteckt hat

Wie lange waren Sie im UKM?

28 Tage.

Wissen Sie, wo Sie sich angesteckt haben?

In einem Telefonat habe ich erfahren, dass sechs Leute in einem Lokal, in dem ich Mitte März war, krank geworden sind. Vier haben es mit hohem Fieber daheim auskuriert, ein weiterer war in Garmisch-Partenkirchen auf der Intensiv, noch schlimmer als bei mir. Aber er hat’s auch überstanden. Erst dann war mir klar, dass ich mir da Corona geholt habe. Ich bin ja immer von einem Infekt ausgegangen.

Gesunder Lebensstil, keine Vorerkrankungen

Haben Sie Vorerkrankungen?

Ich bin zwar 66, aber ich habe keine Vorerkrankungen. Sie haben das Herz überprüft, die Leber, die Niere, die Lunge – nichts. Ich nehme keine einzige Pille, ich rauche nicht und ich habe mein Leben lang Sport getrieben. Ich hab’ 50 Jahre Tennis gespielt, spiele Golf, gehe ins Fitnessstudio. Ich hab’ gedacht: Selbst wenn es mich erwischt, so schlimm kann das nicht werden. Mein Anliegen ist darzulegen: Es kann jeden von euch treffen.

Wie kritisch war Ihre Lage?

Mir ist im Nachhinein gesagt worden, die ersten zwei Tage waren kritisch. Danach nicht mehr. Und: Ich hätte nicht drei Tage später kommen dürfen. Ich lebe alleine. Stellen Sie sich vor, man hätte mich Tage später gefunden. Dann hätte es sein können, dass es das war. Aber so war ich rechtzeitig im Krankenhaus. Das habe ich meiner Ex-Frau zu verdanken, meiner Hausärztin und der Klinik.

UKM-Patient sagt jetzt: „Ich bin ein Gesicht für Corona“

Nun demonstrieren Tausende in den Großstädten gegen die Beschränkungen. Selbst in Murnau Hunderte. Was halten Sie vom Protest?

Ich habe mich über diese Demonstrationen geärgert. In Stuttgart habe ich eine Demonstrantin sagen hören: Ich will das Virus haben, ich will Antikörper bilden. Dann habe ich mir gedacht: Ich lag auf der Intensiv. Glaubt ihr, dass meine Kinder sagen, prima, Papa kann Antikörper bilden. Die hatten eine Scheiß-Angst, ihren Vater nicht mehr zu sehen. Dann muss ich mir so etwas anhören. Zu den Murnauern kann ich nichts sagen. Corona ist für die meisten unpersönlich. Viele der Toten sind ältere Herrschaften im Heim, die kennt man nicht. Aber ich lebe seit 30 Jahren in Murnau, ich arbeite hier, habe drei Kinder, mit mir kann man etwas anfangen. Ich bin ein Gesicht für Corona, um den Leuten zu sagen: Haltet Abstand, tragt die Schutzmasken.

„Es ist noch nicht vorbei“

Verstehen Sie die Demonstranten?

Man muss eine Güterabwägung machen: Das Leben hat absoluten Vorrang. Aber ich verstehe die, die von den Einschränkungen betroffen sind. Auch wir in der Kanzlei haben ja weniger Zulauf. Es gibt die Gastwirte, die ich indirekt unterstütze und mir Essen hole. Es muss aufgemacht werden, das sehe ich auch ein. Aber: Haltet Abstand, es ist noch nicht vorbei. Das ist mein Credo. Ich selbst habe Mitte März nicht so weit gedacht.

Am Wochenende wollen wieder Tausende auf die Straße gehen …

Mich ärgert das. Am liebsten würde ich da vorne hingehen und meine Geschichte erzählen. Leben zu retten, hat absoluten Vorrang. Aber was ist so schlimm daran, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen?

Wie verarbeiten Sie die vergangenen Wochen?

Ich rede wahnsinnig viel. Ich muss jedem meine Story erzählen.

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