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Das „Wunder“ vom Eichholz: Große Aufregung um weinende Mutter Gottes in Murnau

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Von: Roland Lory

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Früher am Eichholz, heute in der Mariahilfkirche: die Figur der schmerzhaften Mutter Gottes. Sie wurde 1824 übertragen. 
Früher am Eichholz, heute in der Mariahilfkirche: die Figur der schmerzhaften Mutter Gottes. Sie wurde 1824 übertragen.  © Lory

Die Wieskirche wurde gebaut, nachdem eine Christusfigur angeblich Tränen vergossen hatte. Eine ähnlich wundersame Begebenheit soll vor 200 Jahren in Murnau passiert sein. Zunächst wollte man eine Kapelle errichten. Davon nahm man dann jedoch Abstand. Dekan Siegbert Schindele ist heute froh darüber.

Murnau – Das Dorf hat zweifellos eine gewisse Anziehungskraft. Bis zu einer Million Pilger besuchen pro Jahr Medjugorje, den international bekannten römisch-katholischen Wallfahrtsort in Bosnien und Herzegowina. In Gang kam das Ganze, nachdem sechs Jugendliche seit 1981 von Marienerscheinungen berichteten. Der Heilige Stuhl erkennt diese zwar nicht an, gestattet aber seit 2019 Wallfahrten. Allerdings mit dem Hinweis versehen, dass dies nicht als Anerkennung der angeblichen Wundererscheinungen zu verstehen sei. Der Heilige Stuhl untersagt Gläubigen und Geistlichen, an Veranstaltungen, Konferenzen oder Feiern mitzuwirken, bei denen von der Echtheit der sogenannten Erscheinungen von Medjugorje ausgegangen wird.

Was das mit Murnau zu tun hat? Nun, auch die Geschichte der Marktgemeinde kann mit wundersamen Begebenheiten aufwarten. Eine solche datiert von 1821. Vor 200 Jahren verbreitete sich auf einmal abends die Kunde im Markt, „an dem schmerzhaften Mutter Gottes Bilde, das aus Holz geschnitzt und zu den Füssen eines Crucifixes auf dem Eichholz befestigt war, sei etwas Wunderbares gesehen worden, es habe die Augen gewendet, es weine und dergleichen“. So erzählt es der Chronist Simon Baumann im Jahr 1855, also gut 30 Jahre nach den Geschehnissen. Pfarrer Adam Pessenbacher eilte sogleich mit Bürgermeister Alois Gastl zum Eichholz, untersuchte das Bildnis bei Laternenschein „und fand nichts von dem, was man sich erzählte“. Anderntags sah sich der Geistliche die Figur erneut an – mit dem gleichen Ergebnis.

Begebenheit sorgt für Aufsehen

Die Sache sorgte im Ort jedenfalls für Aufsehen. „Jung und Alt eilte zum Eichholz, um das Wunder zu schauen und vergaß darüber alle anderen Pflichten“, schreibt Baumann. Pfarrer Pessenbacher war skeptisch, machte seine Schäfchen darauf aufmerksam, dass es nicht der Wille der Jungfrau Maria sein könne, dass auf Kosten ihrer Verehrung die „Kinderzucht“ und der Unterricht derselben vernachlässigt werde.

Zunächst sollte am Eichholz eine Kapelle gebaut werden, um dem Zuspruch der Pilger gerecht zu werden. „Große Spenden wurden erwartet“, sagt Dekan Siegbert Schindele. „Doch Pfarrer Pessenbacher hat damals mit großem Einfühlungsvermögen und geschickten Verhandlungen mit dem Bürgermeister, den Marktverantwortlichen und dem Bischöflichen Ordinariat in Augsburg vermittelt. Er fürchtete, dass die Spendengelder nur mehr für die Kapelle auf dem Eichholz fließen würden und die verarmten Gotteshäuser St. Nikolaus und Mariahilfkirche zu kurz kommen würden.“ Nach Schindeles Meinung war es eine kluge Entscheidung, Vorsicht walten zu lassen, den Bau einer Kapelle zu verzögern und nach einigen Jahren das Muttergottesbild in einer Nacht- und Nebelaktion in die Mariahilfkirche in die Ortsmitte zu überführen. Der Bischof unterstützte dies und gab Pessenbacher Rückendeckung. Dennoch litt dieser „so sehr unter den massiven Verleumdungen, dass der schon wenige Jahre später verstarb“. Für Schindele ist es eine „spannende Geschichte“, wie die Gläubigen und die Verantwortlichen „erst unter großem Hin und Her einen guten Weg gefunden haben. Heute sind wir froh und dankbar, dass wir nicht noch mehr Gotteshäuser besitzen. Denn viele müssen in den nächsten Jahren dringend renoviert werden.“ In der Pfarreiengemeinschaft Murnau gibt es 11 Kirchen und 18 Kapellen, die es zu unterhalten gilt.

Kein Phänomen der Vergangenheit

Die Anziehungskraft solcher vermeintlichen Wunder hat nach Auskunft von Professor Dr. Gerda Riedl, Theologin und Hauptabteilungsleiterin im Bischöflichen Ordinariat Augsburg, verschiedenste Ursachen: „Nicht selten ist es die Hoffnung, einen Ausweg aus Leid und Not zu finden. Und so sind die Reaktionen auf solche behaupteten Ereignissen zweifellos auch ein Problemanzeiger und eine Anfrage an Kirche und Gesellschaft.“ Dass gewisse Formen der Volksfrömmigkeit sich weder von den sorgfältigen Untersuchungsergebnissen des Bistums noch von den der Aufklärung verpflichteten religionskritischen Idealen (der Restaurationszeit) beeinflussen ließen, sei weder ein Kennzeichen des beginnenden 19. Jahrhunderts noch allein ein Phänomen der Vergangenheit. Als Beispiele führt Riedl etwa eine weinende Madonna in Syrakus (1953) an oder eine andere, die 1995 bei Rom angeblich blutige Tränen vergoss. Letztere befindet sich im Privatbesitz einer Familie in Civitavecchia.

„Die Kirche war und ist im Umgang mit solchen wundersamen Begebenheiten stets sehr zurückhaltend und prüft unter anderem äußerst gründlich, ob nicht natürliche Ursachen als Erklärung für etwaige Phänomene ausgemacht werden können“, sagt Riedl. „Im Murnauer Fall scheint nach Ausweis der Quelle die Behauptung von der weinenden Madonna ohnehin durch keinerlei Indizien gestützt worden zu sein.“ Im Übrigen seien selbst in den seltenen Fällen, in denen die katholische Kirche vergleichbare Phänomene als „echt“ anerkennt, die Gläubigen nicht verpflichtet, daran zu glauben.

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