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Zu Besuch beim Arzt: Viele verbinden damit einen Einkauf. Daher sind die Praxen im Ort für den Einzelhandel von großer Bedeutung.  

Debatte über Praxen im Murnauer Kemmelpark

2200 potenzielle Kunden pro Tag

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Arztpraxen sind im Murnauer Kemmelpark nicht erwünscht. Die Angst ist groß, dass Patienten und damit Kaufkraft aus dem Ortszentrum abgezogen werden. Doch würde es tatsächlich dazu kommen? Die Meinungen gehen auseinander.

Murnau – Es ist ein Thema, das in Murnau immer wieder aufflammt – und kontrovers diskutiert wird: Es geht um die Frage, ob der Kemmelpark Artpraxen verträgt – und welche Auswirkungen dies auf das Ortszentrum hätte. Der Bau eines Bürogebäudes im Eingangsbereich des einstigen Kasernenareals stieß kürzlich diese Debatte wieder an. Eine gewerbliche Baupruppe würde in einem Teilbereich der besagten Immobilie gerne auch Mediziner aufnehmen, darunter eine Frauenärztin aus dem Obermarkt. Der Bauausschuss sprach sich jedoch gegen diese Nutzung – im Gespräch waren drei Praxen – aus. Das Landratsamt prüft derzeit den Fall, da dieser rechtliche Fragen aufwirft.

Für Jan-Ulrich Bittlinger, Wirtschaftsförderer der Marktgemeinde, ist die Sache klar: „Die Etablierung eines Ärztehauses außerhalb des Ortskerns würde die ohnehin schon angespannte Situation im Einzelhandel weiter verschärfen.“ Trotz der guten konjunkturellen Lage habe man im Markt mit Geschäftsaufgaben und Leerstand zu kämpfen. Bittlinger weiter: „Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein Exodus der Ärzte und Heilberufe aus dem Ortskern einsetzt.“ Einzelne wenige, über Jahre gestreckte Praxisverlagerungen könnten möglicherweise kompensiert werden, nicht aber eine Massenabwanderung. Bittlinger befürchtet, dass ein erster Umzug in den Kemmelpark eine „Lawine“ lostreten und weitere Vertreter der Gesundheitsbranche, etwa eine Apotheke oder eine Physiotherapie, nach sich ziehen würde. Wie kann aber den Ärzten geholfen werden, die händeringend größere und moderne Räumlichkeiten suchen, aber nichts finden? Für Bittlinger steht fest: Murnau brauche ein Ärztehaus im Zentrum. Nur: „Das geht nicht von heute auf morgen.“

Der Gemeinderat hat vor wenigen Jahren für den Kemmelpark einen Grundsatzbeschluss gefasst. Darin wird ein Ärztehaus abgelehnt, um ein Ausbluten von Murnaus „guter Stube“ zu verhindern. Ein von einem Fachbüro erstelltes Entwicklungskonzept für den Einzelhandel bestätigt diese Sichtweise und stellt fest, „dass eine Abwanderung von Ärzten und Gesundheitsdienstleistern aus der Ortsmitte in jedem Fall zu einem Angebotsrückgang in und zu einer Attraktivitätsminderung der Ortsmitte führen wird“.

Dazu einige interessante Zahlen: Laut der Studie entfallen etwa 71 Prozent aller Ärzte auf die Ortsmitte, die täglich eine Frequenz von 2200 Personen verursachen, die den Besuch besonders häufig mit einem Einkauf kombinieren. Bittlinger kommt sogar auf rund 3000 Menschen, zählt man die Kunden weiterer Gesundheitsanbieter hinzu. „Das sind pro Woche bis zu 15 000 potenzielle Einkäufer.“

Doch es gibt auch Stimmen, die das Ganze nicht so dramatisch sehen. Dazu zählt CSU-Gemeinderat Josef Bierling. Er könne sich im Kemmelpark sehr wohl Praxen beziehungsweise ein Ärztehaus vorstellen. „Das sollte man nochmal überdenken“, meint der Kommunalpolitiker. In seinen Augen wäre solch eine Einrichtung keine Gefahr für den heimischen Einzelhandel. Im Gegenteil: Es bestünde bei einem attraktiven Ärzte-Angebot sogar die Chance, weitere Murnau-Besucher zu gewinnen. Bierling sieht eher die Gefahr, dass Praxen in andere Orte umziehen, sollte man nicht tätig werden. Denn viele Betriebe im Zentrum der Staffelsee-Gemeinde seien gerade für ältere Menschen oder Gehbehinderte nur schwer zu erreichen.

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