Zur abendlichen Stunde tauschen sich im Murnauer Moos (v.l.) der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber, die Landtagsabgeordneten Florian Streibl und Susann Enders sowie Landrat Anton Speer aus.
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Zur abendlichen Stunde tauschen sich im Murnauer Moos (v.l.) der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber, die Landtagsabgeordneten Florian Streibl und Susann Enders sowie Landrat Anton Speer aus.

Umweltminister im Murnauer Moos

Wachtelkönig lässt Thorsten Glauber gehörig warten

  • Andreas Mayr
    VonAndreas Mayr
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Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) präsentiert sich im Murnauer Moos als großer Zuhörer. Doch der Wachtelkönig hat den Politiker warten lassen.

Murnau – Der Star des Abends wartet nicht auf den Minister. Er kennt ihn – nach allem, was man weiß – auch gar nicht. Tatsächlich läuft es bei dieser Begegnung von Vogel und Minister genau andersherum ab: Der Wachtelkönig lässt Thorsten Glauber warten. Nur damit einmal die Kräfteverhältnisse im Murnauer Moos abgesteckt sind. Glauber (Freie Wähler), der bayerische Umweltminister, ist extra für den seltenen Wiesenbrüter nach Murnau gekommen. Auf Einladung von Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern, kurz LBV. Der hat seine Doktorarbeit dem Wachtelkönig gewidmet. Einmal im Jahr besucht er mit seiner Frau für eine Woche das Moos und hört sich die Wachtelkönige genau an.

Um 22.33 Uhr melden sich endlich die ersten beiden Vögel zu Wort. Der Minister und seine Freien-Entourage (darunter Landrat Anton Speer sowie Fraktionschef Florian Streibl) wandern zu diesem Zeitpunkt bereits eine Stunde durchs Moos. Sie scherzen, sie lauschen, sie schleichen – und kurz streiten sie auch ein bisschen, als Speer und einer aus dem Gefolge sich nicht ganz einig sind, wie denn nun Almwirtschaft, das Wild, der Wald und die Abschussquoten zu vereinbaren sind. „Ganz normal“, findet das Susann Enders, Landtagsabgeordnete aus Weilheim. „So lange eine gewisse Debattenkultur eingehalten wird.“ Der Wachtelkönig beteiligt sich nicht, er schweigt bis halb elf, was an sich nichts Ungewöhnliches ist.

Widmete dem Wachtelkönig seine Doktorarbeit: Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz.

Michael Schödl, der Gebietsbetreuer, erzählt von den Nächten, in denen er und weitere Freiwillige ausziehen, um die Wachtelkönige zu zählen. Sie durchstreifen das Moos zwischen 23 und 1 Uhr, weil da die Chance besonders hoch ist, einen der seltenen Vögel zu hören, der dieses doppelsilbige Kratzen ins Moos posaunt, das wie ein Akkuschrauber klingt, der gerade einen Spax im Holzbrett versenkt. Bei der ersten Zählung des Jahres hörten die Ornithologen nur neun Wachtelkönige, voriges Jahr waren’s noch 23 gewesen. Im Moos lebt er noch, weil hier selten gemäht wird. Der Vogel brütet im August. „Wenn ich davor mähe, verliere ich den Wachtelkönig“, sagt Schäffer, der Experte und LBV-Chef. So geschehen in vielen Gegenden. In Irland etwa hat man beobachtet, wie der Wachtelkönig nach der Mechanisierung des Mähens innerhalb von zwei, drei Jahren komplett verschwand. Deshalb braucht es Schutzzonen wie das Murnauer Moos. Dort legt ein Weibchen in acht Tagen zwölf Eier ab. Mehr Eier pro Zeit schafft kaum ein anderer Vogel, wie Schäffer herausstellt.

Für die örtliche Politik war es sogar hilfreich, dass sich der Wachtelkönig elegant zurückhielt. So blieb Landrat Speer genug Zeit, um an gewichtiger Stelle seine Anliegen unterzubringen. Er warb für die Kombinationshaltung, die der Kreis auch in seiner UNESCO-Bewerbung verankert hat, bat um Lösungen für den Wolf, skizzierte das Problem mit der Besucherlenkung. „Der Druck ist sehr groß“, sagt der Unterammergauer. Gleichzeitig betont der Minister: „Das Verkehrteste wäre zu sagen: ,Bleibt weg‘.“ Damit unterstützt er den integrierenden Weg des Kreises, der auf diese Weise keine Besucher vergraulen will.

Glauber präsentiert sich an diesem Abend als der große Zuhörer, ganz egal, ob Speer oder der Wachtelkönig sein Ohr bearbeitet. Am Ende steigt er in den Dienstwagen, und lässt den Wachtelkönig machen, was er am liebsten tut: Weibchen locken. Und das etwa 25 000 Mal pro Nacht.

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