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Ganz in Dunkel: Prof. Dr. Volker Bühren hat den weißen Kittel abgelegt.

Nach dem Abschied aus der Unfallklinik Murnau

Keine OP mehr: Bühren zieht Schnitt wie mit dem Skalpell

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Über Jahrzehnte stand er fürs ganz Große, oft ging es gar um alles: um Leben und Tod. Nun, im Ruhestand, richtet Prof. Dr. Volker Bühren nach 25 Jahren als Ärztlicher Direktor der Unfallklinik Murnau seinen Alltag neu aus: einen normalen Alltag als Opa, Hobbysportler, Familienmensch mit Freizeit. Und er freut sich auf „kleine Dinge“.

Murnau– Den gewohnten weißen Kittel hat er abgelegt. Prof. Dr. Volker Bühren ist in Anthrazit und Schwarz gekleidet, als er kurz nach Ostern sein Büro in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau betritt: letzte Termine, bevor zwei Tage später der Auszug folgt. Der weiße Kittel wäre schlicht fehl am Platz. „Es gibt keinen Grund mehr, hier Dienstkleidung zu tragen“, sagt Bühren. In der Unfallklinik, die 25 Jahre lang allein schon der zeitlichen Beanspruchung wegen sein Lebensmittelpunkt war, ist er jetzt der Ärztliche Direktor a. D.

Doch im Ruhestand ist Bühren„noch nicht angekommen. Die Terminhetze bleibt die gleiche“. Bis Mitte Mai bespielt der 65-Jährige zahlreiche Kongresse, muss Vorträge und Grußworte vorbereiten. „Wenn man ausscheidet, ist man besonders attraktiv.“ Auf den Dienst- folgt der Ehrungs-Marathon. Und dieser kann bei einem Mann von Bührens Reputation sehr, sehr lang ausfallen. Erst danach lässt die Frequenz nach. Bührenbefindet sich in einer Übergangsphase. Gleichzeitig zieht eine klaren, sauberen Schnitt, wie mit dem Skalpell ausgeführt. Stand heute wird Bühren, der sich einen Ruf als Ausnahme-Chirug erwarb, „nicht mehr operieren. Das ist eine prinzipielle Entscheidung“. Und eine wohl durchdachte. Bühren führt drei gute, sachliche Gründe an. „Man wird ab 60 als Chirurg nicht besser“, stellt er klar. „Das hat mit der körperlichen Fitness zu tun.“ Das Operieren fordert die Physis, verlangt dem Körper viel ab. Noch schwerer wiegt für Bühren eine weitere Tatsache: „Wenn ich komplexe, anspruchsvolle Eingriffe vornehme, ist das keine One-Man-Show.“ Dazu benötigt er ein entsprechendes Team, das ihm in der Klinik automatisch zur Verfügung stand. Das wäre nun nicht mehr der Fall. Punkt drei: „Die Spezialisierung ist so hoch und viele Eingriffe sind so anspruchsvoll, dass man fortwährend damit arbeiten und auf dem Laufenden bleiben muss.“ Bühren, der Könner, wird nicht den Gelegenheits-Operateur geben. Schon in den vergangenen fünf Jahren stand er weniger im OP. „Nicht, weil ich keine Lust mehr hatte, sondern weil der Konzern so viel Engagement forderte.“ Bis 60 bestritt Bühren, Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, ein riesiges Pensum: 700 bis 800 Operationen jährlich, seit 1978 an die 30 000 insgesamt.

Nun hat er die Zeit hinter sich gelassen, in der sein Posten in der Klinik den Tagesrhythmus vorgab. Trotzdem: Bühren sieht keine Gefahr, in ein Loch zu fallen. Für Hirn und Herz ist gesorgt. Ausgewählte Funktionen – wie die als Beratungsarzt des Landesverbands der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung oder der Verwaltungsberufsgenossenschaft – will er behalten, zudem arbeitet er in der Entwicklung und Implantatbetreuung der Firma Stryker. Bühren entwickelte einst Marknägel des Herstellers, ist der „Vater des T2“. Auch jenseits dieser Verpflichtungen wird der gebürtige Niedersachse „nicht zu Hause sitzen und grübeln“. Er sieht „klare Aufgaben“ für sich, setzt Prioritäten, die seine Tagesroutine mitgestalten werden. Nichts objektiv Großes – aber in seiner Empfindung kaum zu überbieten. Bühren, der weiter an der Hagener Straße wohnt, hat nun Zeit für die wirklich schönen Dinge des Lebens. Kleinigkeiten des Alltags, die „durchaus Freude bereiten können“. Aus ihm spricht der Vollblut-Opa, der sich gerne den beiden kleinen Enkelinnen (3/1) widmet, die in Hagen zu Hause sind. Seine Tochter ist als Kinderpsychiaterin – eine Berufswahl, die den Vater „sehr freute“ – wie Volker Bührens Ehefrau Astrid auch Medizinerin sowie berufstätig. Deshalb wird der Ärztliche Direktor a. D. gerne Kita-Fahrten übernehmen. „Es kann durchaus sein, dass das zu meinen regelmäßigen Pflichten gehört. Und wenn man mich anruft, dass ich kommen soll, dann bin ich da.“ Anders als Bührens Tochter lebt der Sohn nicht um die Ecke – er arbeitet für die Weltbank in Washington.

Bühren, in Celle geboren, ist längst auch ein bisschen Bayer geworden und vom Alsterwasser aufs leichte Weißbier sowie vom Rennrad aufs Mountainbike umgestiegen. „Und früher wäre ich nicht auf die Idee gekommen, eine Bergwanderung gut zu finden. Aber das mache ich gerne.“ Und mit Ehefrau Astrid geht Bühren Langlaufen. Sein Element aber ist das Wasser. Wenn er am Riegsee liegt und über die glatte Fläche schaut, kann er wunderbar entspannen. Auch aktiv zieht es Bühren in diversen Booten an den See. 1975 hatte er im Ruder-Achter Gold bei der Weltmeisterschaft geholt, und noch heute fährt er im Renn-Einer gerne auf dem Riegsee – auch wenn er „nicht systematisch“ trainiert. Seine Fitness? „Es geht so“, antwortet Bühren ehrlich – er genügt den eigenen Ansprüchen (noch) nicht wirklich. „Dafür ist zu wenig Zeit.“

Doch bald gilt wohl: Es war zu wenig Zeit. Auch hier könnte eine Zäsur anstehen. Bühren versucht, „ein bisschen fitter zu werden“ und mehr an sich selbst zu denken – jetzt, da er die zehrende Chirurgie und viele Verpflichtungen nach und nach hinter sich lassen kann. „Da lebt man teilweise von der Substanz.“ Also fasst er den guten Vorsatz, auf diesem Gebiet „in einen besseren Rhythmus zu kommen, den ich nicht dauernd durchbrechen muss wegen irgendwelcher Zwänge“. Sein Wunsch für den neuen Lebensabschnitt ist sehr geerdet und fußt auf seiner beruflichen Erfahrungen, der fortwährenden Konfrontation mit dramatischsten Schicksalen und schwersten Verletzungen, die Biographien pulverisieren können. „Ich glaube, dass es ein Traum ist, noch eine Menge guter Jahre zu haben“, sagt Bühren – und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wenn Sie hier arbeiten und einmal über die Intensivstation gehen, wird man sehr demütig. Und ich bin jeden Tag drüber gegangen.“

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