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Die Ehrenbürgerliste: Max Dingler ist inzwischen gestrichen worden. 

Würdenträger mit Nazi-Vergangenheit

Ehrenbürger-Debatte: Späterer Bürgermeister leistet Meineid 

Der langjährige Murnauer Bürgermeister und Ehrenbürger Wilhelm Simet hat nach dem Zweiten Weltkrieg einen Meineid geleistet. Der im Rathaus liegende Personalakt bleibt noch mindestens bis 2049 unter Verschluss.

Murnau – 1937 tritt Wilhelm Simet der NSDAP bei. Da ist der Murnauer 21 Jahre alt, als Beruf ist auf der im Bundesarchiv liegenden Karteikarte Unterbannführer der Hitlerjugend angegeben. Was bisher nicht bekannt war: 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, leistet Simet einen Meineid. „Ich war nie Mitglied der NSDAP“, behauptet er in einer eidesstattlichen Erklärung. Anlass war das Spruchkammerverfahren gegen eine Aktivistin des Bund Deutscher Mädel (BDM). Recherchiert hat das der Riegseer Historiker Thomas Wagner.

Ab 1952 amtiert Simet dann 26 Jahre lang als Murnauer Bürgermeister, bis 1978. Im selben Jahr wird er zum Ehrenbürger ernannt. Auch im Kreistag ist er lange aktiv. 1988 stirbt der Träger des Bundesverdienstkreuzes. Simet ist, nachdem der Marktgemeinderat Ende Oktober auf Distanz zu Max Dingler und Lorenz Sonderer ging, einer der Murnauer Würdenträger, die nun unter die Lupe genommen werden sollen.

Holger Poczka (ÖDP/Bürgerforum) ist Autor eines Kriterienkatalogs, den der Gemeinderat beschloss. Er soll als Richtschnur für die Streichung von der Ehrenbürgerliste respektive Aberkennung der Bürgermedaille dienen. Poczka hält eine gutachterliche Stellungnahme für unabdingbar. „Erst wenn zweifelsfreie Fakten auf dem Tisch liegen, können wir im Gemeinderat auf der Basis des Kriterienkatalogs entscheiden.“ Sollten sich die Recherchen zu Simet bestätigen, „wovon ich ausgehe, dann ist das sicherlich ein Grund, Herrn Simet einer genaueren Überprüfung zu unterziehen. Was nicht passieren darf, ist eine Fehleinschätzung“. Die Streichung von der Ehrenbürgerliste sollte aus Poczkas Sicht von einem überparteilichen Konsens der Demokraten getragen werden – auf einer für den Bürger möglichst klaren, nachvollziehbaren und faktisch zum Beispiel von Historikern oder Juristen verifizierten Grundlage. Bei Sonderer und Dingler sei dies der Fall gewesen.

Grünen-Einzelkämpferin Veronika Jones, die den Kriterienkatalog-Antrag mit unterzeichnet hatte, sieht in einem Meineid „eine schwere Straftat. Das ist kein Kavaliersdelikt“. Allerdings betont auch sie, dass die Sache „wasserdicht“ sein müsse. „Wenn dem so wäre, müsste man sich am Ende vom Ehrenbürger Simet distanzieren.“

Genaue Recherchen zu dem langjährigen Bürgermeister stehen noch aus. Doch der im Rathaus liegende Personalakt Simets bleibt erst einmal unter Verschluss. Eine Akteneinsicht „ist leider nicht möglich“, teilt die stellvertretende Geschäftsleiterin Kreszentia Oppenrieder mit. „Es geht hier um höchst persönliche Informationen und Daten.“

Das Murnauer Tagblatt hakte bei der Kommune nach: Wie lange unterliegt der Akt der Schutzfrist? Und kann man einen Antrag auf Verkürzung der Schutzfrist stellen? Dazu erklärt Marktarchivarin Dr. Marion Hruschka: „Bei Personalakten handelt es sich um besonders schutzwürdige Unterlagen, da sie personenbezogene Daten, nicht nur der betroffenen Person, sondern auch der Nachkommen, enthalten. Für diese Akten gilt eine Schutzfrist von 60 Jahren nach Ende der Laufzeit des Aktes.“ Diese könne sich im Einzelfall noch verlängern. Simets Personalakt weist nach Hruschkas Angaben eine Laufzeit von 1956 bis 1989 auf. „Die Schutzfrist endet also voraussichtlich 2049.“ Eine Verkürzung sei bei diesen sensiblen, personenbezogenen Unterlagen nicht möglich. „Die Schutzfristen gelten für alle“, betont die Marktarchivarin. Also nicht nur für Journalisten, sondern auch für Wissenschaftler.

Der Markt Murnau will neben Simet weitere Biografien von Ehrenbürgern und Trägern der Bürgermedaille erforschen lassen, die vor 1930 geboren wurden. „Unsere Planung sieht vor, im Frühjahr 2018 den Auftrag zu vergeben“, erklärt Oppenrieder. Und weiter: „Die Ergebnisse der Recherchen sollten dann innerhalb von neun bis zwölf Monaten vorliegen.“ Die Kommune steht in Kontakt mit verschiedenen Forschungseinrichtungen. Man will Empfehlungen für kompetente Wissenschaftler und entsprechende Angebote einholen. „Der Arbeitskreis ,Geschichte des Nationalsozialismus’ wird nach sorgfältiger Prüfung der Angebote einen Vorschlag unterbreiten“, sagt Oppenrieder. Je nach Höhe der Auftragssumme entscheide das zuständige Gremium über die Auftragsvergabe. Insgesamt soll die Vita von 34 Personen wissenschaftlich untersucht werden. Im Haushalt für 2018 werden hierfür Gelder in Höhe von 30 000 Euro aufgenommen.

Roland Lory

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