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Leben seit 40 Jahren in ihrem „Paradies“ ohne trennende Zäune: (v.l.) Wolfgang und Sieglinde Heiß, Günter und Hanne Metzner, Wiltrud und Michael Roithmeier sowie Werner Rolf und Susanne Czepl mit ihrem Kater.

Paradiesisches Wohnmodell in Riedhausen wird 40 Jahre alt

Ziemlich beste Nachbarn brauchen keine Zäune

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Streit am Gartenzaun? Gibt es nicht – es existiert ja nicht mal ein Zaun. An der Eichweide in Riedhausen verwirklichten vier Familien einst zusammen ihren Traum vom Eigenheim. Die verschworene Gemeinschaft hält seit 40 Jahren. Die Geschichte eines paradiesischen Wohnmodells.

Riedhausen– Es reicht ein Rasenmäher, eine Leiter: Solche größeren Anschaffungen gelten als Gemeinschaftseigentum an der Eichweide 5, 7, 9 und 11 in Riedhausen. „Vier Rasenmäher wären ja Unsinn“, sagt Wolfgang Heiß. Mitten im eher CSU-dominierten Oberbayern hält sich nicht etwa ein Hort des Sozialismus. Vielmehr wohnen hier ziemlich beste Nachbarn. Und echte Freunde.

Die Seehauser Familien Roithmeier, Rolf/Czepl, Heiß und Metzner haben in den 1970ern bei einem privaten, selbst entwickelten Bauherrenmodell gemeinsame Sache gemacht, um sich mit begrenztem Budget ein Eigenheim leisten zu können: Die Freunde wohnten damals in Drei-Zimmer-Wohnungen am Kapellenweg, die zu klein wurden. Sie einte ein Wunsch: „ein Zimmer mehr“. Diese Sehnsucht wurde zur Basis ihrer gemeinsamen Zukunft, der Spruch zum geflügelten Wort, das die Jahre überdauerte. Sie fanden das Grundstück an der Eichweide, ließen darauf den Vierspänner errichten. Um zu sparen, kauften die Frauen vier gleiche Küchen – das gab 25 Prozent Rabatt; auch der identische Teppich im ersten Stock schonte das Konto.

Nun stehen die insgesamt sieben Kinder der Familien längst auf eigenen Beinen. Die Eltern bewohnen im Renten- und Pensionsalter noch immer in traumhafter Eintracht das Reihenhaus mit dem großen, wunderbar blühenden Garten für alle, den kein Zaun in kleine Teile zerstückelt, in dem keine Mauer die Optik stört. Gäste, erzählt Werner Rolf, blickten beim ersten Besuch auf der Terrasse stets von links nach rechts und von rechts nach links. „Dann sagen sie immer: Ihr habt’s ja gar keinen Zaun.“

Den braucht, den will niemand – stattdessen bot man den Kindern viel Platz zum Spielen. Man schätzt sich, man mag sich, und wenn einer den anderen besucht, dann meist durch den offenen Garten. „Das war uns immer bewusst, allen Vieren, dass Harmonie das Wichtigste ist“, sagt Günter Metzner. „Das haben wir vorangestellt.“ Und Wiltrud Roithmeier fasst zusammen, was wohl alle Paare im Innersten bewegt und rührt: „Was wollten wir eigentlich? Ein Zimmer mehr. Doch was wir haben, ist das Paradies.“ Sieglinde Heiß findet fast identische Worte und fügt an: „Wir wissen das zu schätzen.“ 40 Jahre im Himmel auf Erden feiern die vier Familien am Freitag, 4. August, mit Nachbarn, die sie seit Jahrzehnten begleiten, fast allen der 7 Kinder, die noch heute untereinander enge Kontakte pflegen, und vielen der 16 Enkel.

Den Paaren ist bewusst: Was sie haben, ist nicht der Normalfall. Schon Friedrich Schiller ließ seinen Helden Wilhelm Tell sagen: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem lieben Nachbarn nicht gefällt.“ Andernorts wird gestritten über Laub, Grillqualm, Kinderlärm und Heckenhöhen. Im Vierspänner setzen sie sich an einen Tisch und reden die Sache aus, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt. Einmal herrschte mächtig dicke Luft. Die Damen übten im Garten Tennis-Aufschläge – und eine schoss versehentlich den ersten und einzigen Apfel von Werner Rolfs Baum. „Genau den haben’s getroffen“, sagt Rolf. Er saß auf der Terrasse, hörte schallendes Gelächter. „Ich war sauer.“ Die Übeltäterin, Sieglinde Heiß, hängte ihm gekaufte Äpfel an die Zweige. Heute baut Rolf Kartoffeln an.

Die Freundschaft hat nicht nachhaltig gelitten. Nach wie vor bestellen die Paare einen gemeinsamen Auftritt der Murnauer Schäffler. „Das ist Tradition und bringt uns Glück“, sagt Wolfgang Heiß, früherer Dritter Bürgermeister von Seehausen. Und man kommt noch immer gerne zusammen. An schönen Abenden etwa holt Michael Roithmeier die anderen ins „Garten-Café“: ein Tisch mit Stühlen an einer lauschigen Stelle im Garten, auf die am längsten die Sonne scheint. Über die Jahre geblieben sind zudem ein Treffen an Heilig Dreikönig und ein Fest im Sommer – in Erinnerung an Juli und August 1977: den Einzug ins Paradies.

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