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Hilft, wo er kann: Kazeem (l.), hier mit Michael Krönner, wird von seinen Kollegen überaus geschätzt.

Chefin betet für Kazeem

Flüchtling arbeitet seit vier Jahren in Murnauer Kaffeehaus: Jetzt droht die Abschiebung

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Abschiebungen gehören in Deutschland zum Alltag. Hinter den Zahlen stecken aber Menschen mit Schicksalen. Auch im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. 

Murnau – Es kostete Barbara Krönner Überwindung, die Nachricht auf Facebook zu schreiben. Doch die Angst, dass Kazeem abgeschoben wird, war zu groß. Der 41-Jährige kommt aus Nigeria und arbeitet seit vier Jahren im Kaffeehaus Krönner in Murnau. „Er zahlt Miete und Steuern und ist ein aufrichtiger, ehrlicher Mensch“, schreibt Krönner. Nun soll Kazeem Deutschland verlassen. So haben es mehrere Instanzen entschieden. Nigeria gilt als sicheres Herkunftsland. Krönner glaubt, es könnte seinen Tod bedeuten.

Er sei so traumatisiert, dass sie fürchtet, er könnte sich das Leben nehmen, müsse er zurück. Kazeems Vater wurde zu Tode gefoltert, weil der Sohn mit der korrupten Politik vor Ort nicht kooperieren wollte. Sein Friseursalon, den der ehemalige Straßenjunge sich nach einer gewaltvollen Kindheit aufgebaut hatte, wurde zerstört, Kazeem wurde zusammengeschlagen. „Als er bei einer katholischen Familie Unterschlupf fand, fielen Terroristen von Boko Haram ein und brachten fast alle um.“

Nach psychiatrischem Gutachten: Kazeem bricht mehrmals zusammen

Trotz allem sei Kazeem nicht verbittert, sondern „ein Herz von einer Seele“, sagt Krönner. Er arbeitet in der Schokoladenmanufaktur, hilft als Spüler oder bedient Gäste. „Im Murnau kennt man ihn, die Gäste schätzen ihn.“ Die Mitarbeiter auch. Manchmal, wenn die „schwarzen Geister“, wie Krönner seine schrecklichen Erinnerungen nennt, Kazeem einholen, kann er nicht arbeiten. Das Team nimmt Rücksicht. „Es ist nicht immer einfach, aber wir halten zusammen.“

Das dritte psychiatrische Gutachten hat Kazeem erst hinter sich gebracht. Zweimal sei er hinterher zusammengebrochen, sagt Krönner. Mit der Kreisbehörde ist sie regelmäßig in Kontakt. „Das Landratsamt war uns gegenüber immer sehr kooperativ.“

Ob die jüngste Expertise ein Bleiberecht begründen kann, vermag Florian Hibler, Sachgebietsleiter im Bereich Migration und Personenstand im Landratsamt Garmisch-Partenkirchen, nicht zu sagen. „Zu welchem Ergebnis das Gutachten kommt, kann ich nicht beurteilen.“ Die Erwerbstätigkeit von Kazeem allein führe jedenfalls nicht zu einem Bleiberecht. „Wenn abgeschoben wird, dann deshalb, weil es gesetzlich vorgesehen ist.“ Gegen die Ablehnung eines Asylantrags kann Klage erhoben und die Entscheidung durch die Verwaltungsgerichte überprüft werden. Die Landratsämter sind jedoch an die Entscheidungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gebunden. Fünf Menschen wurden in diesem Jahr vom Landratsamt abgeschoben. Die Zahlen vom Abrams-Komplex in Garmisch-Partenkirchen, für den die Regierung von Oberbayern zuständig ist, liegen Hibler nicht vor.

Bräustüberl-Mitarbeiter bereits wieder in Mali

Andere Landratsämter seien ihm zufolge etwas strikter, was die Arbeitserlaubnis der Migranten angeht. Wurde der Asylantrag abgelehnt, werden teilweise grundsätzlich keine solchen Genehmigungen mehr erteilt. „Wir sind da großzügiger und versuchen, im Rahmen der Sach- und Rechtslage die für den Einzelfall beste Lösung zu finden.“ Es bringe niemanden etwas, wenn der Betroffene bis zum Abschiebetermin generell nicht arbeiten dürfe. So haben die Migranten die Chance, noch etwas Geld zu verdienen, der Arbeitgeber verliert sein Personal nicht auf einen Schlag und die Behörden wissen, wo sich der Betroffene aufhält. Voraussetzung für eine Erwerbstätigkeit sei stets eine geklärte Identität.

Bis zu seinem letzten Tag in Deutschland hat auch der 21-jährige Yacouba aus Mali gearbeitet. Drei Jahre war er im Bräustüberl Karg in Murnau beschäftigt. Am Dienstag holten ihn zwei Polizisten und zwei Beamte der Ausländerbehörde in der Küche des Lokals ab. „In einer Art und Weise, die ich nicht verstehen kann“, sagt Mitinhaber Klaus Distler. Er bezeichnet das Vorgehen als „unmenschlich“. Die Polizisten seien bewaffnet gewesen. Yacouba, der mit Kochen beschäftigt war und ein Messer hielt, hob die Hände. Einer der Ordnungshüter forderte ihn auf, das Messer niederzulegen. „Dabei kochte er doch bloß“, sagt Ninette von Watzdorf, ebenfalls Geschäftsführerin. Als Yacouba zuerst nicht mit den Polizisten mitgehen wollte und sich dagegen wehrte, habe man versucht, ihm Handschellen anzulegen. „Ich bin sehr schockiert und traurig, wie das Ganze gelaufen ist“, sagt Distler.

Genaue Tag der Abschiebung wird nicht mitgeteilt - nicht ohne Grund

Hibler klärt auf: „Polizisten müssen eine Waffe bei sich tragen.“ Das sei üblich. Er selbst ist dabei gewesen, als Yacouba abgeholt wurde. „Die Beamten haben sich korrekt verhalten.“ Nach einem Gespräch, in dem Yacouba seine Situation erklärt wurde – auch, welche legalen Migrationswege nach Europa bestehen – sei er freiwillig ohne Handschellen ins Auto gestiegen und mit den Beamten mitgefahren. Mit einem Linienflugzeug brachte man ihn nach Mali. Die Geschäftsführer des Bräustüberls sowie Yacouba haben gewusst, dass dieser Tag kommt, sagt Hibler. „Der Bescheid kam bereits Anfang 2017, die Rechtskraft trat Mitte 2017 ein.“ Der genaue Tag der Abschiebung dürfe seit der Asylrechtsverschärfung nicht mehr mitgeteilt werden. Um zu vermeiden, „dass die betroffenen Personen in die Illegalität untertauchen“.

Von Watzdorf hat mit Yacouba bereits telefoniert. Er lebt jetzt bei seiner Schwester in Mali. „Wir alle vermissen ihn sehr“, betont sie. Ihr und Distler geht das Thema nahe. Den jungen Mann haben beide als „äußerst zuverlässig, ehrlich, talentiert und fleißig“ kennengelernt. Im ganzen Team war er beliebt. „Er hat die Küche fast alleine geschmissen“, sagt Distler. Auch als Person sei ihnen Yacouba sehr ans Herz gewachsen. So, wie Kazeem Barbara Krönner. Sie betet täglich für ihn und einen positiven Bescheid.

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