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Festakt im Rathaus: Liao Yiwu trägt sich ins Goldene Buch ein. Daneben: Bürgermeister Rolf Beuting.

Eintrag ins Goldene Buch der Marktgemeinde

Friedenspreisträger Liao Yiwu besucht Murnau

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Der Dissident und Regimekritiker Liao Yiwu gilt als einer der profiliertesten Schriftsteller Chinas. Die Tage um Neujahr verbrachte er bei Freunden in Murnau. Jetzt trug sich der prominente Menschenrechtler und Friedenspreisträger in das Goldene Buch des Marktes ein, besuchte das Schloßmuseum und knüpfte Bande für ein Kunstprojekt.

Murnau – Liao Yiwu wirkt sehr zurückhaltend, fast schon schüchtern, als er das Büro von Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) betritt. Der 60-jährige Schriftsteller und chinesische Systemkritiker, der seit 2011 nicht mehr in sein Heimatland reisen darf und seitdem in Berlin lebt, wählt seine Worte mit Bedacht, die seine Frau Yang Lu ins Deutsche übersetzt. Auf dem Besprechungstisch ist das Goldene Buch der Marktgemeinde aufgeschlagen, in dem vor ihm schon Staatsmänner wie der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler (CDU) oder der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer Widmungen hinterlassen haben. Liao Yiwu schreibt mit kunstvoll chinesischen Schriftzeichen, wie wichtig ihm seine Aufenthalte in Murnau sind. Der Schlüsselsatz klingt geradezu poetisch: „Dieser Ort hat meine Seele sehr getröstet.“

Es ist sein zweiter Besuch bei Familie Speermann, die hier eine alte Seidl-Villa liebevoll saniert hat und einen Kulturtreffpunkt etablieren möchte. Der Kontakt kam über einen gemeinsamen Freund zustande, den Theaterproduzenten Stephan Knies, der in der Hauptstadt aus Liao Yiwus Texten ein Stück inszeniert hat. Der Autor aus dem autoritär geführten Reich der Mitte trauert über den Verlust eines Freundes: den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der 2017 in chinesischer Haft starb. Die Murnau-Besuche dienen zum Krafttanken. „Für mich ist dies hier ein neuer Anfang“, lautet sein letzter Satz im Goldenen Buch.

Rathaus-Chef Beuting sprach im Rahmen der kleinen Zeremonie, die sich offenbar recht kurzfristig ergeben hatte und an der auch Stefanie Speermann und Stephan Knies teilnahmen, von einem „wichtigen Besuch“ und einer „großen Ehre“. Möglicherweise ergibt sich daraus ein gemeinsames Kunstprojekt. Bei dem Treffen wurde angeregt, dass Liao Yiwu in Murnau eine Lesung halten oder ein Theaterstück präsentieren könnte – beispielsweise beim Bücherherbst oder im Zuge der Horváth-Tage. „Wir haben verschiedene Anknüpfungspunkte“, meinte Beuting. Ein Anlass könnte der 30. Jahrestag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens in Peking sein. 1989 schlug dort das Militär einen Volksaufstand blutig nieder.

Liao Yiwu, dessen Bücher im deutschen Feuilleton rege diskutiert werden, hat hochkarätige Unterstützer wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller oder den Liedermacher Wolf Biermann an seiner Seite. Er bekam für seinen unerschrockenen Einsatz für Menschenrechte und Demokratie in China, den er mit Gefängnis und schließlich mit dem Verlust seiner Heimat bezahlen musste, unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Mit Chinas kommunistischen Machthabern geht er hart ins Gericht: „Das Imperium muss untergehen“, lautet seine eindringliche Botschaft. Die Eliten des Landes nennt er einen „moralischen Müllhaufen“. Sein Vorwurf: Die Menschenrechte würden mit Füßen getreten. Liao Yiwu ist sich sicher, dass eines Tages der Druck der Bevölkerung so groß werden wird, dass es zu einem Umsturz kommt.

Beuting zeigte dem Gast auch die Menschenrechtsbänke in der Fußgängerzone. Danach ging’s ins Schloßmuseum, wo sich die Gruppe die Horváth-Ausstellung ansah. Liao Yiwu wollte dem Wirken seines Schriftstellerkollegen Ödön von Horváth (1901 bis 1938) nachspüren, der in Murnau lebte, der wie er über das Leben der einfachen Leute schrieb und schließlich nur noch im Exil weiterarbeiten konnte. Leider hat der mutige Autor aus China noch keines seiner Werke gelesen. Es gibt keine Übersetzung.

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