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Erinnerung an ein dunkles Kapitel: der Gedenkstein in Eschenlohe.

96-Jähriger legt Kranz an Gedenkstein nieder

Eschenloher Zwangsarbeiter von einst kehrt zurück

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1945 verließ Richard de Rijk Eschenlohe. Dort hatte er als Zwangsarbeiter in der unterirdischen Flugzeugfabrik schuften müssen. Nun, mit 96 Jahren, kehrt der Niederländer erstmals an diesen Ort zurück – um einen Kranz am Gedenkstein für die Zwangsarbeiter abzulegen. Ein wichtiger, emotionaler Akt.

Eschenlohe– Richard de Rijk war einer von vielen. Mehr als 1000 Zwangsarbeiter aus über zehn Nationen mussten 1944/45 vor allem im nördlichen der beiden Eschenloher Tunnel, gut getarnt gegen alliierte Bombenangriffe, unter dem Decknamen „Ente“ Flugzeugteile für die Messerschmitt AG produzieren. Mehrere Menschen starben. De Rijk hielt durch, bis 1945 die Amerikaner kamen. Nach Eschenlohe kehrte er 72 Jahre lang nicht zurück.

Nun geht der Niederländer diesen Schritt. Mit 96 Jahren, aber jung und frisch im Kopf, legt er am Montag, 17. Juli, um 14 Uhr einen Kranz an dem Denkmal nieder, das seit 2012 auf Initiative des Vereins zur Erforschung und Erhaltung der Eschenloher Heimatgeschichte beim neuen Friedhof an der Höllensteinstraße steht. Der Nagelfluhstein ist allen gewidmet, die in der Fabrik Unrecht erlitten haben, aber auch jenen mutigen Dorfbewohnern, die deren Not unerschrocken etwa durch Lebensmittelspenden linderten. Die Inschrift auf der Bronzetafel weist auf die damaligen Zustände hin: „Über tausend Männer, Frauen und Kinder hausten in Baracken, die unweit dieser Stelle standen. Die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig, die Behandlung durch die Wachmannschaften ohne Mitleid.“

Als de Rijk vom Gedenkstein auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers erfuhr, war für ihn klar: „Dort möchte ich hin, um einen Kranz niederzulegen; das würde ich sehr gerne machen.“ Und er erfüllt sich diesen Wunsch im Kreise seiner Familie, auch wenn er nicht mehr gut zu Fuß ist. „Das ist für meinen Vater eine sehr emotionale Sache“, sagt Tochter Olga de Rijk, die ihren Vater wie andere Angehörige und Beteiligte auf diesem Weg begleiten wird. Und eine sehr wichtige. Auch Franziska Lobenhofer-Hirschbold, Erste Vorsitzende des Vereins zur Erforschung und Erhaltung der Eschenloher Heimatgeschichte, meint: „Das wird sicher bewegend.“

Richard de Rijk (96).

Und spannend. De Rijk, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins, könne sich noch an alle Einzelheiten aus seiner Zeit in Eschenlohe erinnern. Er landete als Zwangsarbeiter im Rüstungsbetrieb, nachdem er sich während des Zweiten Weltkriegs in einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis engagiert hatte. Bei einer Aktion dieser Gruppe schnappte und verhaftete eine nächtliche Patrouille der SS den damals 21-Jährigen. Er konnte wählen zwischen einem SS-Straflager in Deutschland oder Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb. Hätte er sich geweigert, wäre der Vater an seine Stelle gerückt, heißt es, zudem hätte man die Lebensmittel-Rationen der Familie gekürzt. De Rijk wählte die Rüstungsproduktion und entkam so einem Straflager.

1943 wurde er als Zwangsarbeiter bei Junkers in Fritzlar bei Kassel stationiert. Später malochte de Rijk in Regensburg. Nachdem diese Hauptproduktionstätte bombardiert worden war, kam der Niederländer Ende 1943 nach Eschenlohe. Dort schuftete er in der ausgelagerten Filiale der Messerschmitt-Flugzeugwerke – wie die vielen anderen Zwangsarbeiter oft unter schwierigen Bedingungen.

Richard de Rijks Geschichte bleibt erhalten. 2011 erschien ein Buch darüber („Echo’s van een oorlog“, also „Echos eines Krieges“), eine Trilogie von drei Generationen über die Tragweite des Zweiten Weltkriegs. In diesem Buch sind nicht nur die Erlebnisse de Rijks verarbeitet, sondern auch das Kriegstagebuch seines Vaters und der Bericht seiner Tochter Olga, die Eschenlohe schon 2010 besucht hatte.

Über einen Zeitungsartikel im März 2017 kam die Familie in Kontakt mit Peter Vermeulen und Gerard van Ginkel. Vermeulen schreibt gerade ein Buch über Utrechter Zwangsarbeiter und recherchiert mit van Ginkel in dieser Sache. Von Vermeulen erfuhr de Rijk, der bei der Königlichen Marine diente, auch vom Eschenloher Denkmal. Der Stein kam ins Rollen.

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