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Twitter-Aufregung: Murnauer Klimaaktivistin im ungeliebten Mittelpunkt

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Von: Peter Reinbold

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Im Gespräch: Lisa Poettinger (r.) diskutiert nach der BR-Sendung „Jetzt red’ i“ mit Bürgermeisterin Elisabeth Koch.
Im Gespräch: Lisa Poettinger (r.) diskutiert nach der BR-Sendung „Jetzt red’ i“ mit Bürgermeisterin Elisabeth Koch. © Peter Reinbold (Screenshot)

Eine Person des öffentlichen Interesses ist die Klimaaktivistin Lisa Poettinger seit den Tagen des G7-Gipfels. Nun sorgt ein Retweet von ihr für Aufregung.

Murnau/Garmisch-Partenkirchen – Gar nicht gerne sieht es Lisa Poettinger, wenn man sie in den Mittelpunkt rückt. Sie verabscheut, O-Ton, den „Personenkult“, wie sie es nennt, und bevorzugt Inhalte, die ihre Arbeit als Klimaaktivistin beschreiben und die dafür geeignet sind, klarzustellen, dass „die G7-Staaten die Hauptverursacher der Klimakrise sind und sie die Ausbeutung der Staaten des globalen Südens vorantreiben“.

In den vergangenen Wochen ließ es sich allerdings nicht vermeiden, dass Poettinger, die aus Murnau stammt, häufig im Fokus der medialen Berichterstattung stand. Immerhin fungierte sie als Sprecherin des Bündnisses „Stop G7 Elmau“, das sich gegen das Treffen der Staatenlenker der sieben wichtigsten Industrienationen der westlichen Welt auf Schloss Elmau richtete.

Poettinger spricht über ihre Angst für Demonstrationen – und augenscheinlich vor der Polizei

In einem TV-Beitrag, der am Mittwoch im Bayerischen Fernsehen unter dem Titel „Genervt, gefordert, gefeiert – Wie eine Region mit dem G7-Gipfel ringt“ im Abendprogramm lief, gehörte die Studentin, die am Staffelsee-Gymnasium vor acht Jahren ihr Abitur gemacht hatte, neben Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU), dem Partenkirchner Polizeibeamten Josef Grasegger und der Aktivistin Susanne Egli zu den Hauptdarstellern.

Besonders beachtenswert ist jene Stelle der Reportage, an der sich Poettinger und Koch im Anschluss an die Liveübertragung von „Jetzt red‘ i“ aus der Garmischer Bayernhalle zusammensetzen, um zu sprechen. Man hört, wie Koch sagt, man solle doch das Versammlungsrecht würdigen und Poettinger über ihre Angst spricht, die sie vor den Demonstrationen und augenscheinlich der Polizei hat. Die Beamten nennt sie mehrmals „Bullen“, was Koch gar nicht gut findet und sie zu einer anderen Sprachregelung auffordert.

Der Grund, warum sie die Polizisten so despektierlich beschreibt, nennt Poettinger auch. Ihr Rücken sei nach einer Demo gegen die Internationale Automobilausstellung in München, gegen die sie im September 2021 auf die Straße gegangen war, nach Polizeiattacken grün und blau gewesen. Wie solle man die Sicherheitskräfte anders bezeichnen, „die mich verprügelt haben“.

Murnauer Klimaaktivistin: Auf Twitter erntet Lisa Poettinger für Äußerung Shitstorm

Poettinger liebt das offene und direkte Wort – im Gespräch, im E-Mail-Verkehr und offenbar ganz besonders auf Twitter. Dort ist sie aktiv. Mit eigenen Tweets, aber auch kommentierend zu dem, was andere Twitternutzer so von sich geben. Und weil sie seit G7 zur Person des öffentlichen Interesses geworden ist, wird das, was sie tut, sagt oder schreibt, mit Argusaugen beobachtet.

Der Tagblatt-Redaktion ist bei einer Recherche im Zuge des Gipfels ein Post aufgefallen, der aus Poettingers Feder stammt, der vom 13. Juni datiert und mit dem sie einen Beitrag eines MuellerTadzio retweetete. Der meinte, dass diejenigen, die die Erde töten, Namen und Adressen haben. Poettingers Antwort darauf (Zitat): „Ich halte es für legitim, die Adressen von Nazis, Klimafaschos und Konzerneigentümer:innen zu veröffentlichen. Die Frage ist halt, was dann damit gemacht wird: Das Haus mit Farbe bewerfen oder Graffiti, cool. Gewalt gegen Leute schwierig...“.

Was folgte, war ein Shitstorm. Einige Beispiele: „Gewalt gegen Menschen ist nicht schwierig, Gewalt gegen Menschen ist ein Straftatbestand“, meint @Markus_HAJ. „Du bist selber ein Nazi. Kannst deine Adresse selber veröffentlichen“, schreibt @RImmelkep.., und Don Quijote Proletarus Gemei... antwortet: „Gewalt gegen Leute schwierig. Diese Aussage allein reicht, um zu sehen, was für einen schlechten Charakter Sie besitzen.“

Poettinger kann Aufregung um Kommentar nicht nachvollziehen - und ist rechtlich auf sicherem Terrain

Die Aufregung um ihren Kommentar kann Poettinger nicht nachvollziehen, schon gar nicht den Vorwurf, sie habe damit indirekt zur Sachbeschädigung aufgefordert. Im Gespräche mit dem Tagblatt wollte sie zunächst keine Stellungnahme abgeben, wenige Stunden später entschied sie sich dazu, per Mail mitzuteilen, dass es sich bei ihrem Tweet nicht um einen Aufruf gehandelt habe, sondern um „eine Meinungsäußerung“.

Rechtlich gesehen befindet sie sich auf der sicheren Seite. In einem Urteil aus dem Jahr 2007 stellte das Oberlandesgericht Stuttgart fest, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein Aufruf zu Straftaten im Internet von der Justiz geahndet werden kann. Es braucht konkrete Angaben von Tatort und Tatzeit. Fehlen diese, dann ist ein solcher Aufruf im Internet nach Ansicht der Richter gerade noch von der grundgesetzlichen Meinungsfreiheit gedeckt.

Poettinger sieht sich nicht als Täter, sondern als Opfer. In ihrer Mail an die Tagblatt-Redaktion verweist sie auf die Beleidigungen und Morddrohungen, die auf Twitter in jüngster Vergangenheit gegen sie ausgestoßen wurden. „So etwas kommt übrigens immer nach öffentlichen Aktionen vor und ist demnach nichts Neues.“ Klimaaktivistinnen müssen wohl hart sein – im Austeilen und Einstecken.

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