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Erst Steckenpferd, dann Beruf: Landstallmeister Dr. Eberhard Senckenberg inmitten einer Herde Rösser.

Haupt- und Landgestüt Schwaiganger: Neuer Chef gesucht

Scheidender Leiter kritisiert „Nörgler im Hintergrund“

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Im Haupt- und Landgestüt Schwaiganger endet eine Ära: Dr. Eberhard Senckenberg, seit 24 Jahren Leiter der staatlichen Einrichtung, geht im Sommer in Pension. Die Suche nach einem Nachfolger läuft. Senckenberg, rossnarrischer Kämpfer fürs Kulturgut Pferd, äußert auf der Zielgeraden auch Kritik.

Schwaiganger– „Landstallmeister“ steht auf dem antiquierten Schild neben der Bürotür, ganz der Tradition entsprechend. Die Bezeichnung „Direktor“, ein Relikt seines Vorgängers, ließ Dr. Eberhard Senckenberg entfernen, als er im Mai 1994 den Posten als Leiter des geschichtsträchtigen Haupt- und Landgestüts (HLG) Schwaiganger antrat, das heute rund 300 Tiere der Rassen Bayerisches Warmblut, Süddeutsches Kaltblut und Haflinger beheimatet. Er hält die Zügel in einer Pferdewelt in der Hand, die mittlerweile eine Rarität ist. Schwaiganger ist eines von nur noch drei HLG in Deutschland, hat also eine eigene Stutenherde mit Nachzucht ebenso wie Hengsthaltung. Senckenberg sagt über sich, er sei ein „G’spinnerter“: Er liebt das Pferd, es fasziniert ihn seit jeher. „Es hat etwas, das die Menschen anzieht und Gutes tut.“ Doch Senckenberg ist mehr als rossnarrisch: ein Kämpfer fürs Kulturgut Pferd.

Als Landstallmeister befindet sich der 65-Jährige im Schlussspurt. Ende August tritt er seinen Ruhestand an. Den Posten des Leiters des Gestüts, das offiziell mittlerweile den sperrig-bürokratischen Namen „Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum für Pferdehaltung“ (LVFZ) trägt, hat die übergeordnete Behörde, seit 2004 die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, zum 1. Juli ausgeschrieben. Senckenberg wurde gefragt, ob er sich eine Verlängerung vorstellen könne. Er lehnte ab. Natürlich: „Die Arbeit mit Pferden und das, was damit zusammenhängt, ist für mich Erfüllung und Berufung, nicht nur Beruf.“ Doch zum Posten des Leiters gehört eben viel mehr: „Alles andere wird immer schlimmer“, sagt Senckenberg, „das Verwaltungstechnische, die Gesetze, die Regeln.“ Und es wuchs der Frust im Laufe der Zeit.

Das Gestüt, das der Freistaat 1920 übernommen hat, plagt ein „riesiger Investitionsstau“. Senckenberg und sein Team – 40 Mitarbeiter plus 8 Lehrstellen, dazu gehören 850 Hektar Fläche – werden seit langem vertröstet. 2016 schien der Durchbruch gekommen: mit der Nachricht, dass 40 Millionen Euro in die Einrichtung fließen und für den Einstieg in die Sanierung innerhalb von zwei Jahren zehn Millionen Euro investiert werden sollen. Man plante das bayernweit alleinige Zentrum für die Berufsaus- und Fortbildung auf den Gebieten Pferdehaltung und Reiten.

Die Euphorie von 2016 hat sich gelegt. „Jetzt warten wir wieder. Für mich geht nichts voran“, stellt Senckenberg klar. Und es zermürbt ihn, dass Menschen auf höheren Verwaltungsebenen mitunter die Meinung vertreten, der Staat brauche keine Pferde, kein Schwaiganger – auch deshalb geht er im Job nicht in die Verlängerung. Senckenberg spricht von „Nörglern im Hintergrund“. Er übt offen Kritik. „Ich sage: Das Pferd und damit auch das Kulturgut Pferd und was drumherum ist sowie eine Einrichtung wie das Haupt- und Landgestüt werden in der heutigen landwirtschaftlichen Verwaltung nur hin und her geschoben, haben keinen richtigen Platz.“ In seinen Augen hat das Pferd als Kulturgut an Bedeutung verloren. „Das tut mir narrisch weh.“

Senckenberg wuchs auf mit Pferden: auf einem großen Gutshof in Herrmannsdorf südöstlich von München. Sein Vater war Weltpräsident der Fleckviehzüchter sowie Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tierzüchter – und wie der Opa und die Onkels „Züchter durch und durch“. Der Fokus lag indes auf Schweinen und Rindern. Senckenberg, Doktor der Landwirtschaft, verlegte diese Kunst aufs Pferd. Ihn reizt die Möglichkeit der Weiterentwicklung: eine Idee zu haben, Stute und Hengst mit bestimmten Eigenschaften zusammenzubringen – und am Ende „etwas Besseres rauszubekommen als das, was man hatte“. Nach fast einem Vierteljahrhundert trägt seine Arbeit schöne Früchte, das Gestüt kann Hoffnungsträger aus eigener Zucht präsentieren, die Senckenbergs Handschrift haben: Arrivederci, Cuba Libre, Riz Carlton, Illuminati. „Wir sind auf dem Weg“, sagt Senckenberg. Zuvor hatte er viel Expertenwissen, Glück und Bauchgefühl benötigt, um aufs richtige Pferd zu setzen und trotz begrenztem Budget beim Ankauf Volltreffer zu landen, die später im Sport erfolgreich waren und teilweise Millionenwerte erreichten: Rivero I, II und III etwa, Asti Spumante, Fortino, Imperio oder Cielito Lindo. In Kombination mit dem richtigen Reiter brachte das dem Gestüt großen Imagegewinn.

Der vergangene Erwerb liegt Jahre zurück. Senckenberg sieht Schwaigangers Zukunft darin, weniger als früher zu kaufen und in der Zucht streng zu selektieren nach den besten Stuten und Hengsten – „damit man das, was rauskommt, auch arbeitstechnisch bewirtschaften kann“. So ließen sich Freiräume schaffen für die politisch gewollte Aus- und Fortbildung.

Geld ist nicht alles. Senckenberg ging es immer auch darum, Menschen den immateriellen Wert des Pferdes näherzubringen, den richtigen Umgang zu praktizieren, zu zeigen und weiterzugeben an folgende Generationen. Er verfolgt die Philosophie der offenen Tore, spricht in öffentlichen Reden stets von „ihrem Haupt- und Landgestüt“ – das der Zuhörer also.

Senckenberg will die Einrichtung im Ruhestand eher meiden, nicht den Eindruck einer Einmischung erwecken. Konkrete Pläne gibt es nicht. Der dreifache Opa wird sich mehr der Familie widmen, vielleicht längere Reisen ohne Druck unternehmen, radeln und schwimmen – das lassen die geschädigten Gelenke zu. Sollte allerdings Osterglanz, ein Warmblut aus Schwaiganger-Zucht, wirklich den Sprung zur WM der jungen Vielseitigkeitspferde im Herbst in Frankreich schaffen, „dann würde ich sofort hinfahren“. Als privater Zuschauer. Und als Pferdenarrischer.

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