Vor allem Jäger und ihre Familien seien betroffen

Große Unkenntnis: Zu viele Menschen essen zu viele verstrahlte Wildschweine

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32 Jahre nach Tschernobyl schlägt der  Murnauer Helmut Rummel weiter Alarm: Viele Cäsium-137-Proben überschreiten die Grenzwerte. Doch einige Tiere werden gar nicht getestet - am Ende aber verzehrt.

Landkreis – Die Wildschweine lassen Helmut Rummel nicht los. Vor allem die toten. Er besitze die „größte Datensammlung ganz Bayerns über Wildschwein-Messwerte“, betont er. „Finden Sie sonst nirgends.“ In diesem Wust an Daten findet der Murnauer immer wieder Besorgniserregendes. Fakten, über die er aufklären will. Weil es in seinen Augen sonst niemand tut. Seine jüngste Erkenntnis: Viele Jäger und ihre Familien essen radioaktiv belastetes Wildschweinfleisch, riskieren ihre Gesundheit. Aus Unkenntnis, sagt Rummel.

Wildschweinfleisch auf Cäsium-137 hin zu testen, ist Pflicht. Auch 32 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl übersteigen gerade in Südbayern viele Proben die Grenzwerte. Mühsam sammelte Rummel Daten für die drei Regierungsbezirke Ober- und Niederbayern sowie Schwaben.

Demnach überprüften die Bayerischen Staatsforsten und der Bayerische Jagdverband (BJV) in der Saison 2015/16 exakt 11 096 Wildschweine. Dem stehen 24 974 erlegte Tiere gegenüber. Zieht Rummel die Sauen ab, die geschätzt bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen – bleiben 11 630 nicht getestete Wildschweine. Auf den BJV entfallen 10 700. Und die, sagt Rummel ironisch, „haben die Jäger ja nicht alle im Garten vergraben“. Der Verkauf jedenfalls scheidet aus – ohne Testnachweis nimmt das Fleisch keine Metzgerei.

Einige Tiere im Landkreis wurden nicht gemessen

Rummel, ehemaliger Strahlenschutzbeauftragter der Bundeswehr, kommt zu dem Ergebnis: 1600 Angehörige von Jägerfamilien sind betroffen. Er rechnet weiter, immer auf Basis seines umfangreichen Datenmaterials und seiner Recherchen. So legt er zugrunde, dass diese 1600 Personen pro Jahr sechs Kilogramm Wildschwein verzehren bei einer Belastung von 3000 Becquerel pro Kilo. Dieser Wert – die EU-weit gültige Grenze liegt bei 600 Becquerel – wurde Hummel zufolge in den vergangenen 15 Monaten 460 Mal und damit „extrem oft“ alleine in Südbayern gemessen. Stimmen Rummels Zahlen, würde dies bedeuten: Jeder der 1600 Jäger und ihrer Familienangehörigen belastet sich pro Jahr mit einer Dosis, die zwölf Röntgen-Aufnahmen der Lunge entspricht.

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Auch Zahlen für den Landkreis liefert Rummel. Demnach wurden im Jagdjahr 2015/16 exakt 22,9 Prozent beziehungsweise 29 Wildschweine nicht gemessen. Und die Situation, vermutet der Murnauer, hat sich seitdem nicht verbessert.

Entspannt hingegen betrachtet Joachim Renz seine Zahlen. Seit Mai 2015 betreibt der Unterammergauer für den BJV eine qualifizierte Messstelle – als Rummels Nachfolger. Der hatte sich mit dem Vorstand der BJV-Kreisgruppe überworfen. Jedes Jahr kontrolliert allein Renz rund 50 Tiere. In Mittenwald und Wielenbach gibt es jeweils eine weitere kostenlose Prüfstelle. Vielleicht, sagt Renz, bleibe mal die eine oder andere Sau unkontrolliert. Seiner Meinung nach aber lassen fast alle Jäger die Tiere prüfen. Allein aus finanziellen Gründen: Für jede belastete Sau erhält der Jäger eine Entschädigung von 200 Euro.

Renz zufolge bleibt die Anzahl der belasteten Schweine seit 2015 stabil bei etwa 50 Prozent. Der Cäsium-Gehalt variiert dabei deutlich. Auch „Ausreißer nach oben“ gibt es vereinzelt. Wie im April. Renz’ Messgerät landete bei 10 000 Becquerel.

Rummel prangert Info-Politik der Behörden an

Was aber passiert, wenn man belastetes Fleisch isst? Eine konkrete Antwort findet man nicht. Wissenschaftlichen Beweise zu gesundheitlichen Schäden durch den Verzehr des radioaktiven Fleisches fehlen. Rummel aber fragt: Warum sollte man das Risiko überhaupt eingehen? Wenn es sich so einfach vermeiden ließe? Seine Antwort: aus Unkenntnis.

Wie bereits vor zwei Jahren prangert Rummel gegenüber dem Tagblatt die Informationspolitik von Behörden wie dem Landesamt für Umwelt und dem BJV an, welche die exakten Messwerte der getesteten Tiere nicht veröffentlichen. Rummel fordert Aufklärung – für den Endverbraucher, aber eben auch für Jäger. Die Masse wisse nicht Bescheid über die zum Teil extrem hohen Messwerte.

Eine Meinung, die Dr. Thomas Bär nicht nachvollziehen kann. „Die Jäger kennen sich aus, hier besteht definitiv kein Aufklärungsbedarf“, sagt der BJV-Kreisvorsitzende. Auch Renz erlebt Jäger als „hoch sensibel“ für dieses Thema. Der Kreisgruppe schreibt er eine Vorreiterrolle in puncto Informationspolitik zu: Mitglieder können die exakten Messergebnisse aller Tiere auf der Homepage einsehen. Entscheidet sich ein Jäger nun gegen das Prüfen seiner Wildsau – „wo liegt das Problem?“, fragt Bär. „Jeder kann doch essen, was er mag.“ Grundsätzlich ja, sagt Rummel. Solange er das Risiko kennt. 

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Rubriklistenbild: © dpa

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