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Die Jahre vergehen, die Leidenschaft bleibt: Harald von Selzams Akkreditierungen für die Paralympischen Spiele in Barcelona, Lillehammer, Atlanta, Sydney, Salt Lake City und Rio.

Stippvisite beim Rivalen von einst

Das elfte Mal Paralympics: Seehauser ist Feuer und Flamme 

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Er brennt für die Paralympischen Spiele: In zehn Städten der Welt hat Harald von Selzam aus Seehausen das Großereignis in unterschiedlichen Funktionen miterlebt. Nun fliegt er nach Pyeongchang. Er wird die Paralympics genießen. Und er wird leiden: unter den Nachwehen einer großen Enttäuschung.

Seehausen– Den Gedanken hat er oft durchgespielt, und die Bilder im Kopf werden ihn wohl einholen in Pyeongchang. Davon geht Harald von Selzam aus. Er „brennt für die Paralympischen Spiele“, hat das Mega-Ereignis für Sportler mit Behinderung in zehn Städten miterlebt und vor vielen Jahren zu dessen Aufwertung beigetragen.

Und nun: Pyeongchang, nicht das Viergestirn seines Herzens, das dem südkoreanischen Konkurrenten bei der Vergabe der Olympischen und Paralympischen (9. bis 18. März) Spiele 2018 unterlegen war: München mit Garmisch-Partenkirchen, Schwaiganger und Königssee. „Ich werde wehmütig sein und denken: Das wäre jetzt bei uns. Wenn ich zum Curling gehe, stelle ich mir die Schwimmhalle in München vor. Und bei der Abfahrt denke ich: Da wäre die Kandahar in Garmisch-Partenkirchen dran. Was das alles bedeutet hätte für die Region.“ Von Selzam, der dem Unterstützerverein OlympiJa angehörte, macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Das tut weh.“ Zumal es keinen Trost geben wird: Bekanntlich scheiterte eine gemeinsame Bewerbung für die Winterspiele 2022 schon im Vorfeld. In keinem der vier beteiligten Orte fand sich 2013 in Bürgerentscheiden eine Mehrheit. „Das waren große Enttäuschungen“, sagt von Selzam.

Wunden, die Pyeongchang wohl aufreißen wird. Doch das ist nur die eine Seite. Von Selzam, der mit Ehefrau Eva-Maria auf der Staffelsee-Insel Wörth wohnt, die einst seinen Urgroßeltern gehört hatte, freut sich andererseits „sehr darauf, Freunde der paralympischen Bewegung wiederzutreffen, die ich seit 1989 kenne“. Wie schon 2016 in Rio hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) von Selzam als Ehrengast eingeladen, wegen seiner Verdienste um die paralympische Bewegung, der er mit Haut und Haaren angehört. Die Wertschätzung freut von Selzam: „Das ist eine große Anerkennung für das, was ich für sie gemacht habe.“

Die Paralympics, die er häufig mit seiner Frau erlebte, sind Herzenssache für ihn, und er hat in den vergangenen knapp 30 Jahren sehr viele gesehen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben. In Tignes/Albertville und Barcelona 1992 vertrat er die Bewerberstadt Berlin 2000, 1994 in Lillehammer war er für die Ausrichterstadt Atlanta 1996 dabei, 1996 in Atlanta arbeitete er als Leiter der Internationalen Abteilung, war also hauptamtliches Mitglied des Organisationskomitees. In Sydney und in Salt Lake City engagierte er sich ehrenamtlich als Protokollchef des IPC. Die Wettbewerbe 2008 in Peking, 2010 in Vancouver und 2012 in London genoss von Selzam, der als Berater für einen großen Softwarehersteller arbeitet, privat als Zuschauer. 2016 in Rio war er wie erwähnt Ehrengast.

Sein Weg ins System der Weltbesten begann klein, an der Basis. Dann kam eins zum anderen – die paralympische Idee fesselte ihn. Als junger Mann wollte von Selzam Sportlehrer für Schüler mit Handicap werden und studierte Sonderpädagogik und Sport in Berlin. In den USA gab es einen Studiengang, der beides verknüpfte. Von Selzam machte dort seinen Master, kehrte zurück und bereitete in Berlin einen Kongress auf diesem Segment mit vor. Das brachte ihn weg von der Lehrer-Laufbahn und letztlich hin zu den Paralympics. „Das ist die Möglichkeit, die größte Akzeptanz herzustellen für Sportler mit Behinderung“, sagt von Selzam – eine riesige, faszinierende Plattform, auf der Normalität und Ästhetik wie nirgendwo anders zur Geltung kommen. Er sah die Chance, „der Akzeptanz von Menschen mit Behinderung einen Schub zu geben“. Die Paralympics in Seoul 1988 markierten hier einen Durchbruch. „Sie wurden im gleichen professionellen Stil wie Olympia veranstaltet.“ Erstmals kämpften Sportler ohne und mit Behinderung in der selben Stadt um Medaillen.

Von Selzam wirkte an einer Machbarkeitsstudie für eine Berliner Bewerbung mit und war dann als Leiter der Abteilung Paralymics der Berlin 2000 Olympia GmbH verantwortlich für jene Teile der Kandidatur: „Bis dahin hatte sich nie eine Stadt in diesem Umfang um den Paralympics-Teil in der Bewerbung gekümmert.“ Der Bereich wurde „erstmals nach außen hin dargestellt“. Berlin scheiterte bei der Vergabe 1993 krachend – doch der Samen, den auch von Selzam ausgebracht hatte, blühte fortan auf. Nur Atlanta markierte einen „Rückschritt, der viele enttäuschte“ – die Paralympics erschienen wie ein wertloses Anhängsel an Olympia. Doch: ARD und ZDF berichteten in Sportsendungen, nicht mehr im Rahmen der „Aktion Sorgenkind“.

Als Münchens Kandidatur für 2018 kam, saß von Selzam ehrenamtlich mit im Boot. Bevor eine Expertengruppe des IOC die Bewerberorte und damit die Region unter die Lupe nahm, spielte er in einer Generalprobe die Rolle der Vertreterin des Paralympischen Komitees, Ann Cody. „Das hat super Spaß gemacht.“ Doch am Ende stand das große Scheitern: kein Wintermärchen in München und Garmisch-Partenkirchen, kein Heimspiel. Stattdessen Südkorea. Von Selzam weilt von 6. bis 14 März in Pyeongchang, wird die Eröffnungsfeier verfolgen und Wettkämpfe aus VIP-Logen – aus der Perspektive des Mitbewerbers von einst. „Ich erwarte eine absolut perfekte Durchführung“, sagt von Selzam. „Seoul ist 1988 schon über sich hinausgewachsen.“

Tief in ihm lebt der Traum weiter: noch einmal Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland. Doch von Selzam weiß um die für ihn bitteren Realitäten. „Das werde ich nicht mehr erleben.“ Und wenn doch? „Dann werde ich da sein und mich auch mit 95 Jahren noch als Volunteer bewerben.“

Auf absehbare Zeit muss sich von Selzam aber wie gewohnt international orientieren. Tokyo 2020 hat er „fest eingeplant“. Im Dezember weilte er beruflich in der Mega-Stadt, deckte sich schon mal mit Paralympic-Pins ein. Nach den Spielen ist bei ihm immer wieder vor den Spielen.

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