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Beflaggt: Mitte der 1930er Jahre befanden sich die Räume aller Parteidienststellen der Murnauer NSDAP im so genannten Gosselheim (Seidlstraße). 

Forschungen in Sachen Nazi-Zeit

Historikerin durchforstet die Archive

Murnau - Die Murnauer Gemeinderäte haben entschieden: Die Historikerin Dr. Edith Raim (50) wird die Nazi-Zeit sowie deren Vor- und Nachgeschichte erforschen. Dies beschloss der Hauptverwaltungsausschuss in nicht öffentlicher Sitzung. Es hatten mehrere Kandidaten zur Wahl gestanden.

Dr. Edith Raim, die bereits über die Themen „Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf“ und über Landsberg in der Zeit zwischen 1923 und 1958 publizierte, hat mit ihren Murnau-Forschungen bereits begonnen. Am Anfang stehen die Quellen zur NS-Zeit. „Zunächst geht es um eine allgemeine Sichtung der vorhandenen Literatur und der relevanten Archivalien in den einschlägigen Archiven. Danach kommt eine intensive Lektüre der Literatur und Quellen.“ Anschließend gehe es ans Verfassen des Manuskripts, sagt Raim.

Obwohl immer wieder behauptet werde, die NS-Zeit sei „ausgeforscht“, das heißt es gäbe nichts Neues mehr zu entdecken, sei es reizvoll, ständig neue Fakten und Details zu finden. „Vieles wird auch erst nachvollziehbar, wenn man ein konkretes Beispiel hat oder wenn man weiß, es ist nicht irgendwo passiert, sondern direkt hier.“ So sei etwa eine Murnauerin 1935 mit einem Juden verlobt gewesen. „Allein dieses Einzelschicksal angesichts der berüchtigten ,Nürnberger Rassegesetze’ nachzuzeichnen, die Überwachung durch NSDAP und staatliche Behörden zu zeigen und die Menschen in den Akten lebendig werden zu lassen, ist immer wieder eine Herausforderung für Historiker“, erklärt Raim. Darüber hinaus seien viele wichtige Personen der Zeitgeschichte mit Murnau aufs engste verbunden: Christoph Probst von der Weißen Rose, der NS-Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder, Gabriele Münter und Ödön von Horvath. „Da bündelt sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie in einem Brennglas.“

Raims besonderes Interesse gilt privaten Quellen: „Die Überlieferung in den Archiven ist das eine“, sagt die 50-Jährige. „Nach meiner Erfahrung gibt es gerade in der Zeitgeschichte aber jede Menge privates Material, das auf Dachböden oder in Familienalben schlummert.“ Sie habe schon oft wirklich fantastische Fotos und Briefe von Privatpersonen bekommen. „Manchmal sind es auch ganz unspektakuläre Dinge, die aber dann im Zusammenspiel mit der Überlieferung in den Archiven ganz neue Dimensionen eröffnen. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass - angeregt durch dieses Projekt - vielleicht einige Murnauerinnen und Murnauer auch das eine oder andere Dokument (Fotos, Tagebücher, Briefe) zur Verfügung stellen können.“

Den Zeitabschnitt von 1918 bis in die 1950er Jahre in den Fokus zu nehmen, macht aus Raims Sicht Sinn. Dies sei eine schlüssige Zeitspanne. „Der verlorene Erste Weltkrieg, die instabile Weimarer Republik, das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg, der Neuanfang nach 1945 und das Erbe der Diktatur hängen eng zusammen und vieles versteht man erst, wenn man die Vorbedingungen und Nachwirkungen kennt.“

Raim freut sich über die neue Aufgabe. „Der Aufbruch in ein neues Thema ist immer mit Begeisterung und Enthusiasmus verbunden.“ Sie werde sich hauptberuflich diesem Forschungsauftrag widmen. Daneben hat Raim noch einen Lehrauftrag an der Universität Augsburg.

Auch Marktarchivarin Dr. Marion Hruschka ist guter Dinge: „Ich freue mich, dass eine kompetente Historikerin gefunden wurde. Und ich bin gespannt, was sich an Daten und Fakten ergeben wird.“ Für die Forschungsarbeiten ist ein Zeitraum von zwei Jahren vorgesehen. Was die Marktgemeinde Murnau dafür ausgibt, ist unklar. Kreszentia Oppenrieder von der Rathaus-Geschäftsleitung will dazu keine Angaben machen. Der Grund: Bei den Kosten handle es sich um einen „Vertragsinhalt“. Der Beschluss, die Ära des Nationalsozialismus wissenschaftlich beleuchten zu lassen, datiert bereits aus dem Jahr 2011. 

Roland Lory

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