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Impf-Befürworter bilden erstmals Gegenprotest - „Der schweigenden Mehrheit ein Gesicht geben“

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Von: Silke Reinbold-Jandretzki, Roland Lory

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Setzen ein Zeichen fürs Impfen: Teilnehmer der Aktion in der Fußgängerzone.
Setzen ein Zeichen fürs Impfen: Teilnehmer der Aktion in der Fußgängerzone. © Wilz

Die Gesellschaft ist beim Thema Corona-Impfung gespalten – wie sehr, zeigte sich am Montag in Murnau: Befürworter und Gegner sind für ihre Überzeugungen auf die Straße gegangen.

Murnau – Sie sei „Anfängerin“, sagte Gisela Lücke-Wegmann. „Ich hatte vorher noch nie eine Demonstration angemeldet.“ Nun aber war ihr das ein riesiges Bedürfnis. Mit einem Gleichgesinnten aus dem Ort stellte sie als gut vernetzte Privatfrau – Lücke-Wegmann ist Vorsitzende der Frauen-Union Murnau-Ohlstadt-Blaues Land und gehört mehreren Vereinen an – in der Fußgängerzone eine „Veranstaltung der Impfbefürworter“ auf die Beine, um „der schweigenden Mehrheit ein Gesicht zu geben“.

Impf-Befürworter demonstrieren in Murnau: „Minderheit“ nicht das Feld überlassen

Mit rund 40 Mitstreitern bildete sie am späten Montagnachmittag einen Gegenpol zu den wiederkehrenden Protesten gegen die diskutierte Impfpflicht; man wolle dieser „Minderheit“, so Lücke-Wegmann, nicht mehr das Feld überlassen. Wiederholt hatten auch in Murnau Impfgegner bei „Spaziergängen“ mit Kerzen Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

70 von ihnen kamen nach Angaben von Murnaus Polizei-Chef Joachim Loy gestern zusammen, darunter „bekannte Querdenker“; eine Versammlung war im Vorfeld nicht angemeldet worden. Allerdings lotste die Polizei, die mit einem riesigen Aufgebot – unter anderem halfen Unterstützungskräfte aus München aus – präsent war, die Teilnehmer von ihrem gewohnten Standort an der Mariensäule direkt auf den Platz vor dem Kultur- und Tagungszentrum.

Corona in Bayern: 40 Impf-Befürworter bei Demo in Murnau - Gegenprotest zu Impfgegnern

Angesichts von zwei angezeigten Versammlungen werde es „hier sonst zu eng“, sagte Loy. Melanie Besl und Bettina Eder gehörten zu denen, die ans KTM verwiesen wurden. Sie sei ausgebildete Pflegekraft, aber derzeit „nicht im Dienst“, erklärte Besl. Wie Eder spricht sie sich für ein freiwilliges Impfen aus, „für Selbstbestimmung“. Eder betonte, sie sei „gegen das Impfen und fürs Denken“. Die Ohlstädterin und ihre Familie haben sich gegen die Vakzine entschieden. Sie respektiere jedoch eine andere Meinung, sagte Eder.

Von der Polizei ausgelagert: Menschen, die sich gegen eine Impfpflicht aussprechen, vor dem KTM.
Von der Polizei ausgelagert: Menschen, die sich gegen eine Impfpflicht aussprechen, vor dem KTM. © Wilz

Diese vertrat neben Lücke-Wegmann, die eindringlich an alle appellierte, sich impfen zu lassen, und ihren Mitstreitern eine Allianz aus Werdenfelser Bündnis gegen Rechtsextremismus, dem Ortsverein von Bündnis 90/Die Grünen und der Ortsgruppe von Fridays for Future. Deren Fokus: „die rechtsgerichteten und demokratiefeindlichen Personen unter den Impfgegnern“. Für Versammlungsleiter Thomas Wagner (Die Grünen) war die Schmiererei an der Murnauer Realschule der Anlass, die Demo anzumelden, die 25 Teilnehmer unterstützten.

Corona: Aussagen von Impfgegnern sorgen für Entsetzen

Der Spruch „Früher: Juden Heute: Ungeimpfte“, der Parallelen zwischen der Judenverfolgung im Nationalsozialismus und der Pandemie zog, hatte für Entsetzen gesorgt. „Ich will nicht allen Impfkritikern vorwerfen, sie seien Antisemiten oder rechtsradikal“, betonte der Historiker. Er wolle die Impfgegner vielmehr mahnen, „darauf zu achten, mit wem sie sich zusammentun“. Der Riegseer befürchtet zudem, „dass dubiose Fake-News als gleichberechtigte Argumente anerkannt werden“. Die von Lücke-Wegmann angemeldete Veranstaltung begrüße er „absolut“. Es sei gut, „wenn sich Demokraten dagegen auflehnen“.

Präsenz zeigte auch Grünen-Gemeinderätin Veronika Jones: „Es ist wichtig, dass man da mal deutliche Worte findet.“ Die von Kritikern der Corona-Politik bemühten Vergleiche mit dem NS-Regime sind ihr zuwider. „Das ist weder gegeben noch angebracht.“ Jones weist darauf hin, dass die Anti-Corona-Veranstaltungen von der rechten Szene unterwandert würden. „Da wird sich zu wenig distanziert.“

Impf-Befürworter setzen ein Zeichen: „Die Braven halten den Mund, und die Unzufriedenen rühren sich“

Altbürgermeister Dr. Michael Rapp (CSU) sowie Vize-Bürgermeisterin Dr. Julia Stewens (Freie Wähler) setzten neben anderen mit ihrer Anwesenheit bei Lücke-Wegmanns Versammlung ein Zeichen. „Ich bin dreimal geimpft und finde das richtig“, sagte Stewens. Das Problem sei: „Die Braven halten den Mund, und die Unzufriedenen rühren sich.“ Rapp stellte klar, es sei „wichtig und richtig, dass sich die auf der Straße zeigen, die sich impfen haben lassen“. Nicht zum Eigenschutz, sondern zum Schutz der anderen. Er möchte signalisieren, „wo ich stehe und was ich will“: Solidarität, nicht die Spaltung der Gesellschaft.

Daniel Riesmeier geriet zufällig in diese Aktion fürs Impfen – und fand sie gut. „In den Medien sieht man sonst immer nur Demos dagegen“, sagte er. Dadurch gewinne man keinen objektiven Eindruck. Immerhin ist die große Mehrheit der Menschen geimpft. Dennoch: Rapp rechnet damit, dass es nötig sein wird, zurückzukommen. Und Lücke-Wegmann lässt an ihren Ambitionen dahingehend keinen Zweifel: „Wir sind bereit, uns immer wieder dahin zu stellen.“

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