Erholsame Tage am Gardasee verbringt gerade Karin Neuner mit Ehemann Christian, Tochter Anna und Sohn Benjamin. Die Ereignisse vor 20 Jahren, als zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachten, sind der Murnauerin noch gegenwärtig.
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Erholsame Tage am Gardasee verbringt gerade Karin Neuner mit Ehemann Christian, Tochter Anna und Sohn Benjamin. Die Ereignisse vor 20 Jahren, als zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachten, sind der Murnauerin noch gegenwärtig.

SERIE ZUM 20. JAHRESTAG DER TERRORANSCHLÄGE

9/11-Anschläge: Murnauerin muss in Neufundland notlanden - und vier Tage ausharren

Der 11. September 2001 veränderte die Welt. Islamistische Terroristen entführten vier Flugzeuge und steuerten drei davon in die Türme des World Trade Centers in New York sowie ins Pentagon in Washington. Menschen aus dem Landkreis erzählen 20 Jahre danach ihre Geschichte. Im dritten Teil der 9/11-Tagblatt-Serie erzählt die Murnauerin Karin Neuner, wie sie am 11. September 2001 nach New York flog und wegen des Anschlags umgeleitet wurde.

Murnau/Gander – Ein halbes Jahr lang planen die Murnauerin Karin Neuner, damals 24 Jahre jung, ihr zukünftiger Mann sowie ein Arbeitskollege ihre Traumreise – sechs Wochen mit dem Rucksack durch Kanada, mit Zwischenstopp im quirligen New York. „Der Flug am 10. September war teurer als der einen Tag später, weshalb wir Gott sei Dank erst am 11. September 2001 nach New York aufgebrochen sind“, erzählt die heute 44-jährige Heilpraktikerin und Angestellte beim Markt Murnau am Telefon. Sie verbringt gerade mit Ehemann Christian, der 16-jährigen Tochter Anna und dem 13-jährigen Sohn Benjamin einen Italienurlaub im Hinterland des Gardasees.

Jedes Jahr am 11. September kommen bei den Neuners Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse zurück. Als das Attentat beginnt, befinden sich die drei jungen Leute mit ihrer AirFrance-Maschine schon im Landeanflug nach New York. Das Flugzeug beginnt zu kreisen, dann abzuwenden, Informationen kursieren, dass keine Landeerlaubnis erteilt werden kann, da „am Tower etwas nicht stimmt“. Der französische Pilot versteht die Nachricht wohl selbst nicht richtig – man geht von Problemen am Flughafen-Tower aus, an die Tower des World Trade Center denkt da natürlich noch niemand. „Nach einer halben Stunde ist das Flugzeug dann abgedreht Richtung Boston und Große Seen, erhielt aber auch dort keine Landeerlaubnis. Plötzlich wurde es laut und eine kanadische Militärmaschine geleitete uns auf den Boden“, schildert Karin Neuner. Die Maschine landet in Gander, einer verschlafenen Kleinstadt in Neufundland mit einem riesigen Flughafen, der 1938 für Transatlantik-Zwischenstopps gebaut wurde.

Während sich die Murnauerin Karin Neuner im Landeanflug nach New York befindet, brennen die Türme bereits.

Nach den Anschlägen wird der US-amerikanische Luftraum komplett gesperrt. Insgesamt werden 39 Transatlantikflüge auf den Flughafen von Gander umgelenkt, über 6500 Passagiere müssen in der Stadt mit knapp 10 000 Einwohnern untergebracht und verpflegt werden. Das wissen Karin Neuner und ihre Begleiter damals alles noch nicht. Sie harren an diesem heißen Spätsommertag neun Stunden bei über 35 Grad ohne Verpflegung im Flugzeug aus, bewacht von Panzern und bewaffneten Soldaten. „Zum Glück hatten wir noch Sprit und die Lüftung lief, da ging es uns besser als den Leuten in anderen Flugzeugen“, erinnert sie sich. Schließlich werden die Passagiere von Soldaten aus dem Flugzeug geholt, ohne Koffer, nur mit Handgepäck, die Visa werden ihnen sofort abgenommen. Alle Fluggäste werden verteilt, die Einheimischen räumen Häuser, Schulen und Kasernen – ein bis heute beispielloser Akt von Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.

Nie wieder hatte die Familie Neuner die Zeit, so lange Urlaub am Stück zu nehmen

Die drei Murnauer kommen in einer Highschool unter, erfahren dort zum ersten Mal, was überhaupt geschehen ist, dürfen telefonieren, werden bekocht und bestens versorgt, müssen allerdings auf dem Boden schlafen. „Shuttle-Fahrten zum Einkaufszentrum wurden organisiert, um wenigstens das Nötigste zu kaufen, geführte Touren in die Umgebung – ein Ort, der in der Krise sein Bestes gezeigt hat“ erzählt Karin Neuner. Nach vier Tagen in Gander bekommt der Pilot eine Starterlaubnis, die Passagiere fliegen zurück nach Paris, erhalten dort endlich auch ihr Gepäck zurück. Eine Woche in der französischen Metropole, die allerdings ebenfalls unter den Eindrücken der Terroranschläge steht, entschädigt etwas für die traumatischen Erlebnisse, die Strapazen, die entgangene Kanada-Tour.

„Nie wieder hatten wir seitdem die Gelegenheit, sechs Wochen Urlaub am Stück zu machen. Aber wir sind dankbar, denn wären wir einen Tag früher geflogen, wären wir an diesem Tag in der City vielleicht sogar im Gebäude gewesen“, beschreibt Karin Neuner ihr Wechselbad der Gefühle.

Zwei Jahre nach den Ereignissen heiraten Karin und Christian Neuner. Trauzeugen sind zwei Stuttgarter Mitreisende aus besagtem Flugzeug, mit denen sich die beiden in Gander angefreundet haben. Die ehemals verschlafene Kleinstadt hat es durch die Vorkommnisse vor 20 Jahren zu Weltruhm gebracht: Seit 2017 läuft am Broadway erfolgreich das Musical „Come From Away“. Es thematisiert die Hilfsbereitschaft der „Ganderites“ nach den Anschlägen, lockt seitdem zahllose Touristen in den kleinen Ort. „Lufthansa“ hat zu Ehren der Bürger sogar eine ihrer Maschinen nach der Stadt benannt. BARBARA JUNGWIRTH

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