Revolution in München: der Staffelsee-Bote vom 8. November 1918.
+
Revolution in München: der Staffelsee-Bote vom 8. November 1918.

Digitalisierung des Staffelsee-Boten

Langwierige Rettungsaktion

  • Roland Lory
    vonRoland Lory
    schließen

Am Staffelsee-Boten nagt der Zahn der Zeit. Der Zustand des Lokalblatts, das ab 1889 erschien und im Murnauer Marktarchiv lagert, wird nicht besser. Doch die geplante Digitalisierung zieht sich.

  • Die Bestände des Staffelsee-Boten sollen digitalisiert werden.
  • Das Projekt zieht sich erheblich, wie jetzt im Zuge der Murnauer Haushaltsberatungen bekannt wurde.
  • Als Quelle für historische Forschungen hat das Blatt einen hohen Stellenwert.

Murnau – 2008 beantragte die Investmentbank Lehman Brothers infolge der Finanzkrise Insolvenz. Im selben Jahr trat Kurt Beck als SPD-Parteivorsitzender zurück. Alles schon ziemlich lange her. Man schrieb auch das Jahr 2008, als der Murnauer Marktgemeinderat eine Rettungsaktion für den Staffelsee-Boten beschloss. Die Lokalzeitung, die im Marktarchiv lagert, erschien von 1889 bis 1930. Danach hieß sie Murnauer Tagblatt und trug den Untertitel „Staffelseebote“.

Bereits 2008 ein Thema

Die Gemeinderäte stimmten 2008 unisono einem Antrag der SPD zu. Die Zeitungsbände seien „in einem beklagenswerten Zustand und drohen unwiederbringlich zu verfallen, wenn nicht schnellstens etwas unternommen wird“, unterstrich seinerzeit Michael Manlik, damals SPD-Fraktionssprecher (heute hat er diese Funktion beim ÖDP/Bürgerforum). Die Gemeinde laufe Gefahr, unersetzliches historisches Quellenmaterial zu verlieren. Auch Gertraud Engelbrecht (SPD) meldete sich 2008 zu Wort und betonte: „Bevor wir nur noch Brösel haben, muss was passieren. Die Bände müssen erhalten werden, weil es Murnauer Geschichte ist.“ Die SPD beantragte daher, eine Sicherung sowie eine etwaige Restaurierung zu prüfen und die anfallenden Kosten zu ermitteln. Damals war auch die Rede davon, dass man die Bände digitalisieren könnte.

Manlik fragt nach

Im Rahmen der Haushaltsberatungen kam das Thema jetzt auf den Tisch. Manlik erkundigte sich wie in den Vorjahren nach dem Stand der Dinge. Er verweist im Gespräch mit dem Tagblatt auf die Gefahr, denen die alten Zeitungsbände durch den Säurefraß ausgesetzt seien. „Das Papier löst sich mit der Zeit auf.“ Manlik sagt, er sei „immer wieder vertröstet worden“. Der Fraktionssprecher betont: „Es ist die Pflicht eines Archivs, solche Bestände zu bewahren. Das ist ja unser Erbe.“

Bisher ein Band digitalisiert

Das Projekt sei in Bearbeitung, lässt Rathaussprecherin Annika Röttinger verlauten. „Bisher wurde ein Band als Muster digitalisiert.“ Dabei handelt es sich um eine Ausgabe aus dem Jahr 1889. Die Gemeinde ist laut Röttinger „in Verhandlungen mit einer privaten Firma“. Zunächst sollen die frühen Bände des Staffelsee-Boten digitalisiert werden und anschließend die Bände des Murnauer Tagblatts bis 1945. „Ein Kostenangebot steht noch aus.“

Lange Suche nach Firma

Woran liegt die Verzögerung? Laut Röttinger hängt diese unter anderem mit „der langwierigen Suche nach einer geeigneten Firma“ zusammen. Die erste, „mit der wir in Kontakt standen, musste leider ihren Betrieb einstellen“. Während der vergangenen Jahre, während des Forschungsprojekts von Dr. Edith Raim, „war es erforderlich, die Zeitungen im Haus zu haben“. Das Muster wird derzeit nach verschiedenen Kriterien überprüft. „Es geht insbesondere um eine benutzerfreundliche Anwendung und um die Speicherung der Daten“, sagt Röttinger. Die Zahl der Bände, die pro Jahr digitalisiert werden können, hänge von den Kosten ab. Die Frage, ab wann sich die Gemeinde auf die Suche nach einer geeigneten Firma machte, lässt das Rathaus unbeantwortet.

Lücken im Bestand

Bei den historischen Originalen handelt es sich um Dokumente aus sensiblem Material. Dafür benötigt man Spezialscanner, die die Seiten nicht beschädigen. Diese müssen einzeln eingescannt werden. Die erforderlichen Geräte sind nur am Sitz der Firma vorhanden. Der Zustand der alten Zeitungen ist unterschiedlich. „Einige Bände sind sehr gut erhalten, einige sind durch einen Säurebefall beschädigt.“ Das Marktarchiv hat nicht alle Jahrgänge. Es gibt Lücken. So fehlen die Jahrgänge 1909 und 1910 sowie 1930.

Wichtige Quelle

Wer wissen will, welchen Wert der Staffelsee-Bote für die historische Forschung hat, braucht nur einen Blick in Raims Buch „Es kommen kalte Zeiten. Murnau 1919-1950“ zu werfen. In den Fußnoten findet die Lokalzeitung häufig Erwähnung. Der Staffelsee-Bote diente der täglichen Information der Bürger. Vieles ist für den heutigen Leser uninteressant – wie die Gottesdienstordnung, die neuen Fernsprechgebühren und die Fahrpläne der Bahn. „Für die Atmosphäre einer Zeit sind Zeitungen aber unschlagbare Quellen“, hält Raim fest. Die Historikerin stuft den Staffelsee-Boten als „konservativ, traditionalistisch und militaristisch“ ein. „Schon im Verlauf der frühen 1920er Jahre rückte die Zeitung immer weiter nach rechts und unterstützte immer offener die Nationalsozialisten.“

Antisemitische Ausfälle selten

Eine der Töchter des Gründers und Herausgebers Josef Fürst (1863 bis 1940), Luise Fürst, heiratete den späteren NSDAP-Kreisleiter Ludwig Siegerstetter. Antisemitische Ausfälle waren laut Raim selten. „Im Lokalteil kamen – bis auf die frühen 1920er Jahre – keine judenfeindlichen Beiträge vor.“ Der Staffelsee-Bote erschien zunächst zwei Mal, ab 1925 dann drei Mal wöchentlich.

Aufruf

Wer die Jahrgänge 1909 und 1910 des Staffelsee-Boten besitzt sowie den Jahrgang 1930 des Murnauer Tagblatts beziehungsweise Teile dieser Jahrgänge, kann sich an das Murnauer Marktarchiv unter der Telefonnummer 0 88 41/ 47 62 20 wenden.

Auch interessant: Murnaus Weg zur Nazi-Hochburg

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare