Ein Mann in Jeans und Hemd steht in einem Büro, eine Hand an der Hosentasche, im Vordergrund verschwommen eine Pflanze. Er schaut in die Kamera.
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Hält Schulöffnungen für „absolut zentral wichtig“: Dr. Frank Beer, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Klinik Hochried.

Hochried-Chefarzt Dr. Frank Beer: Wohl der Familien muss stärker in den Fokus rücken

Interview mit Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Lockdown-Schäden bei Kindern gravierend

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Der Lockdown wirkt sich massiv auf Kinder und Jugendliche aus. Die Zahl derer, die psychisch erkranken, steigt. Das erlebt auch Dr. Frank Beer, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Klinik Hochried. Ein Interview über Depressionen, Ängste und schwierige Lösungen.

Murnau – Junge Menschen zählen zu den Haupt-Leidtragenden der Corona-Pandemie. Es kommt vermehrt zu Lerndefiziten, psychischen Belastungen, Entwicklungsstörungen, Bewegungsmangel und häuslicher Gewalt. Dr. Frank Beer kennt die Folgen dessen, was junge Leute aktuell durchmachen. Der 52-Jährige ist nicht nur Vater von vier schulpflichtigen Kindern, sondern auch Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Murnauer Klinik Hochried.

Dort finden junge Patienten vor allem aus der Region Hilfe. Die Behandlung erfolgt stationär (22 Betten), in einer Tagesklinik (16 Plätze) und in einer Institutsambulanz, in der 400 bis 500 Patienten pro Jahr Termine wahrnehmen. Im Tagblatt-Interview spricht Chefarzt Beer über die schwerwiegenden Folgen des Lockdowns für viele junge Menschen – und darüber, was Eltern für ihre Kinder tun können.

Herr Dr. Beer, man hört aus Kliniken und Praxen, dass im zweiten Lockdown die Zahl psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher steigt. Können Sie das bestätigen?

Das können wir bestätigen. Das ist nicht nur bei uns der Fall. Wir haben Kontakte zu anderen Kliniken und arbeiten zum Beispiel eng mit dem Heckscher Klinikum in München zusammen. Wir wissen, dass im Akutbereich die Aufnahmen dramatisch angestiegen sind und es massive Überbelegungen gibt. Wir spüren das auch selbst in der Versorgung. Wir haben viele Anfragen. Krisenhafte Zuspitzungen, verstärkt Fragestellungen Richtung Suizidalität, depressiv-suizidale Krisen nehmen deutlich zu. Man hat auch den Eindruck, dass bei der Schwere der Störungen eine Zunahme zu verzeichnen ist.

Müssen Sie Patienten abweisen, weil Sie zu stark belegt sind?

Wir versuchen zu gewährleisten, dass Notfälle zeitnah zumindest einen ambulanten Termin erhalten. Wir ziehen auch Aufnahmen vor, nehmen bei Krisen schnell auf und arbeiten nicht stringent die Warteliste ab. Bislang haben wir niemandem sagen müssen, dass wir ihn nicht nehmen können. Wenn wir jetzt überregional angefragt werden, etwa aus dem Münchner Raum, aus dem wir immer wieder mal stationäre Patienten versorgen, dann können wir nicht mehr alle aufnehmen. Regional fühlen wir uns den Patienten verpflichtet, ihre Behandlung machen wir möglich – durchaus mal mit Überbelegungen.

Was setzt Kindern und Jugendlichen aktuell besonders zu?

Im Moment kommt eine Mischung aus vielen Faktoren zum Tragen. Strukturen durch Schule, Freizeit und Sportvereine fehlen völlig. Alles liegt brach. Jugendliche haben kaum noch Möglichkeiten, ihren Tag nach den üblichen Gewohnheiten zu gestalten. Beim Homeschooling stoßen viele an ihre Grenzen. Es setzt mehr Eigenverantwortung bei den Schülern voraus, der Kontakt zum Lehrer fehlt oder ist deutlich geringer. Online-Unterricht kann bei Weitem nicht Face-to-face-Unterricht (von Angesicht zu Angesicht, Anm. d. Red.) ersetzen. Viele Eltern leisten im Moment enorme Unterstützung und kommen an Belastungsgrenzen. Ich habe selbst vier schulpflichtige Kinder zu Hause.

Sie wissen also, wovon Sie hier reden . . .

Ja. Wir stoßen an Grenzen oder sind schon drüber, das geht meinen Mitarbeitern auch so. Ich habe viele Ärzte, Psychologen, Erzieher, die Kinder zu Hause haben, die beschult werden müssen. Das ist extrem, was das für Herausforderungen an die Eltern stellt. Nicht alle können das gewährleisten. Viele Schüler kommen im Unterricht nicht mehr mit. Das andere sind die sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen, die zu den wichtigsten Faktoren in der Entwicklung gehören und die nun fehlen. Auch externe Strukturen, die erzieherische und Kontrollaufgaben haben, brechen weg: Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen haben keine Kontakte im engeren Sinne mehr zu den Kindern und Jugendlichen. Wir wissen, dass in den Familien die Nerven blank liegen und häusliche Gewalt, die es schon vorher gab, zunimmt.

Sie haben Depressionen angesprochen und Selbsttötungsgedanken. Wodurch äußert sich das Leiden der jungen Leute noch?

Das ist vielschichtig. Depressionen und Suizidalität sind deutlich spürbar. Das sehen wir tagtäglich. Da gehen wir von einer Zunahme aus, das höre ich auch aus anderen Kliniken. Es gibt Daten, die zeigen, dass die psychische Belastung unter Kindern und Jugendlichen deutlich angestiegen ist. Wir sehen vermehrt Angststörungen. Zwischen 10 und 20 Prozent aller Kinder leiden unter Angsterkrankungen, die oft dazu führen, dass sie nicht mehr in die Schule gehen. Das nimmt zu. Dazu kommen andere Ängste: Sorgen um die Familie oder davor, sich anzustecken, was die ohnehin vorhandene Grundangst noch mal triggert.

Die Politik hat viel diskutiert, etwa über die Öffnung von Friseuren und Geschäften. Hat man darüber Kinder und Jugendliche zu lange vergessen?

Es ist schwierig, sich politisch zu positionieren. Man weiß, dass die Krankheitsverläufe (bei einer Corona-Infektion, Anm. d. Red.) bei Kindern und Jugendlichen schwächer sind. Das ist eine ganz schwierige Abwägung: Wie schütze ich gefährdete Menschen in der Gesellschaft, und welche Folgeschäden richte ich durch diesen Schutz möglicherweise an? Ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die das entscheiden müssen. Aber es ist schon so, dass wir aus Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie sehen, dass die Schäden, die entstehen, eminent sind und dass dort das Wohl der Kinder und der Familien doch stärker in den Fokus rücken müsste. Das würde ich mir schon wünschen.

Wie können Eltern ihre Kinder im Lockdown psychisch stützen und stärken?

Wichtig ist, dass Eltern erst mal nicht selbst unter die Räder kommen. Viele sind überfordert und gelangen an ihre Grenzen. Das spüren Kinder. Es ist wichtig, Sicherheit herzustellen, die Kinder zu beruhigen, zu versuchen, sie so gut es geht zu unterstützen und einen realistischen Blick auf die Möglichkeiten zu richten. Es ist eher unrealistisch, dass wir voll im Schulstoff bleiben. Was sind also die Basisdinge, auf die wir uns konzentrieren müssen, damit keine Lücken entstehen? Beim Schulstoff wäre auch ein Austausch mit Lehrkräften sinnvoll. Im Wesentlichen geht es darum, dass Eltern ihren Kindern den Rahmen bieten, dass sie wenigstens zu Hause geschützt und in einem sicheren Umfeld leben, damit Ängste nicht noch verstärkt werden, und sie beruhigen. Aber es ist natürlich schwierig, da kluge Ratschläge zu geben – das weiß ich auch aus eigener Erfahrung: Man stößt wirklich an Grenzen. Hier würde helfen, dass stärker gesehen wird, was Eltern im Moment leisten.

Wann sollten sich Eltern professionelle Hilfe holen?

Die meisten Eltern haben ein ganz gutes Gespür dafür, wie es ihren Kindern geht. Wenn das Kind traurig wird, wenn es sich zurückzieht, man nicht mehr gut an das Kind herankommt und es sehr verschlossen ist – das wären zum Beispiel Warnsignale. Man darf mal weinen oder an Grenzen kommen. Wenn man aber merkt: Das Kind ist stark bedrückt, zieht sich nur noch in sein Zimmer zurück – das wären ganz wichtige Signale, bei denen man daran denken sollte, dass möglicherweise doch eine stärkere psychische Belastung vorliegt.

Am Montag starten Bayerns Grundschüler in den Wechselunterricht. Wie wichtig ist diese Öffnung für die Kinder?

Absolut zentral wichtig. Die Kinder brauchen die Schule wieder. Wir benötigen Öffnungsszenarien. Es ist allerhöchste Eisenbahn, dass wenigstens die Kleinsten, die Grundschulkinder, wieder in die Schule gehen können. Es gibt jetzt Konzepte für die Abschlussklassen und für die Kleinsten. Aber die, die dazwischen liegen, haben immer noch keine Öffnungsperspektive.

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