Kinobetreiber sitzt alleine im Kinosaal
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Derzeit keine Besucher erlaubt: Allein und vom erneuten Lockdown frustriert sitzt Georg Betzmeir im Saal des Griesbräu-Kinos.

Wegen Lockdown unter Druck

„Man hätte mit uns reden müssen“: Protest aus Kultur- und Unterhaltungsbranche

Theater und Kinos müssen schließen, Konzerte fallen aus. Auch im Nordlandkreis sitzen viele Betroffene, die hadern, nach neuen Lösungen suchen, hoffen und bangen.

Murnau/Uffing – „Nach zwanzig Jahren Arbeit stehen wir vor einem Scherbenhaufen.“ Bittere Worte von Georg Betzmeir, Inhaber des Griesbräu-Kinos in Murnau. Er habe nicht mit einer erneuten Schließung gerechnet, weil die Hygienekonzepte überzeugten und die Ansteckungsgefahr in Kinosälen nachweislich äußerst gering sei. „Man hätte mit uns reden, außerdem mehr nach den wirklichen Schwachstellen wie zum Beispiel privaten Feiern fahnden müssen“, hadert der Kinomann, der seiner Aussage nach seit dem Frühjahr wegen Hygienevorschriften, reduzierten Sitzplätzen und Angst vor Ansteckung „mit 30 Prozent Umsatz dahindümpelt“. „Wenn die Vermieter nicht so kulant wären, gäbe es uns schon nicht mehr“, erzählt er. Dabei existiert das Griesbräu-Kino in Murnau seit 1955.

Seit Jahren setzt Betzmeir alles daran, dass sich diese Institution trotz starker Konkurrenz behauptet, er hat immer wieder renoviert, digitalisiert. Nun treibt ihn die Angst um, dass sich die Menschen ans Online-Streaming gewöhnen und am Ende vielleicht gar nicht mehr ins Kino gehen. Die Hoffnung der Kinobetreiber lag auf November/Dezember mit heiß ersehnten Blockbustern: „Kaiserschmarrndrama“, „Der Boandlkramer und die Ewige Liebe“ und natürlich James Bond hätten den Umsatz trotz reduzierter Sitzplätze noch retten können. Doch jetzt bleiben die Türen wieder zu, Premieren wurden aufs nächste Jahr verschoben. Popcorn-to-go bietet Georg Betzmeir aktuell an, hofft auf den Kinogutschein-Verkauf für Weihnachten, wühlt sich durch Anträge für finanzielle Unterstützung und blickt bang in eine ungewisse Zukunft.

Geplatzte Konzert-Träume

Monika Jung, seit vielen Jahren Vorsitzende des Murnauer Kammerorchesters, hat zusammen mit ihren Musikfreunden vom MKO ebenfalls ein bewegtes, von Hoffnung und Enttäuschung geprägtes Jahr hinter sich. Die Planung für ein großes Konzert-Projekt mit Sängern und zahlreichen Gastmusikern im November, das „Verdi-Requiem“, war schon im vollen Gange, als die Pandemie Mitte März einen dicken Strich durch die Rechnung machte. Gemeinsames Üben war über Nacht nicht mehr möglich, tapfer probten die Musiker nun daheim nach ausgeklügelten Plänen von Orchesterleiter Wilko Ossoba häppchenweise die anspruchsvolle Partitur.

Nächste Krise: die Absage der Murnauer Kulturwoche – somit war auch das lang vorbereitete Projekt „Mohammed der Faulpelz“ erstmal vom Tisch. Ein kleiner Filmbeitrag für die „Digitale Kulturwoche“ brachte zwar Spaß, ersetzte aber keineswegs das Live-Konzerterlebnis. Ab Sommer gab es zumindest einige Präsenzproben unter erschwerten Bedingungen – Desinfektionsmittel-Allergie, Maskenpflicht und permanentes Lüften setzten den MKO-Mitgliedern zu. Neuer Fokus: Ein „kleineres“ Ersatzkonzert für „Verdi“ im November. Ein herbstliches Probenwochenende in Marktoberdorf verlieh neuen Schwung, Ende Oktober dann der zweite Lockdown, endgültige Absage auch dieses Projekts. „Sobald wir dürfen, proben wir sofort wieder, wir wollen alle unser Hobby ausleben. Man braucht ein Ziel, worauf man hinübt, sonst schwindet die ganze Motivation“, betont Geigerin Monika Jung. Alle Hoffnungen ruhen derzeit auf der Murnauer Kulturwoche – Ende April 2021 könnte „Mohammed der Faulpelz“ dann endlich musikalisch zum Leben erweckt werden.

Schauspielführung zum Herunterladen

Tapfer und ideenreich kämpfen Chiara Nassauer und ihr Mann Nikolaos Boitsos seit dem Frühjahr für das Überleben ihres kleinen, feinen Zimmertheaters in Uffing. Kurzerhand verlegten sie die Vorstellungen aus dem (nun zu kleinen) Zimmer in den Garten, begeisterten mit Stücken wie „Die Wand“ und „Gretchen 89ff“ das Publikum in neuem Ambiente. Jeweils 20 Zuschauer freuten sich, endlich wieder, wenn auch im Freien und unter strengsten Auflagen, Kultur genießen zu dürfen. Stuhlpatenschaften und Videos mit Lesungen auf der https://www.zimmertheater-uffing.de/sollten über finanzielle Engpässe hinweghelfen, Fans bei der Stange halten, Lust auf mehr machen. Ideenreich: Die beliebten Themen-Schauspielführungen gibt es demnächst als Audio-Walks zum Downloaden. „Jetzt kann man für 99 Cent bei schlechtem Wetter mit Kopfhörern in der Badewanne liegen und im Geiste durch Murnau marschieren“, sagt die Theaterfrau, die nie ihren Humor und ihre Zuversicht verliert.

In den Garten verlegt hat Chiara Nassauer heuer die Vorstellungen des Uffinger Zimmertheaters.

Hochkarätige Premieren und Gastspiele sind für 2021 geplant, werden weiterhin das Publikum an den Staffelsee ziehen – sofern es möglich und erlaubt ist. „Vielleicht spielen wir mehrmals hintereinander vor ganz wenigen Zuschauern drinnen, vielleicht wieder im Garten – wer weiß das momentan schon“, orakelt Chiara Nassauer. Sie stellt fest, dass sich bei vielen Schauspielerkollegen durch permanente Planungsunsicherheit und einhergehende finanzielle Probleme mittlerweile große Erschöpfung einstellt. „Wir sehen alle die Notwendigkeit, die Infektionskurve abzuflachen, doch es gab nachweislich keine Ansteckungen in Theatern, alle haben tolle Hygienekonzepte erarbeitet und sich viel Mühe gegeben. Deswegen ist dieser erneute Lockdown besonders ärgerlich und frustrierend, da wären mehr Gespräche und Untersuchungen nötig gewesen“, klagt die Uffingerin.

    Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht können die geplanten Dezember-Aufführungen der „Weihnachtsg’schicht auf Boarisch“ nach Charles Dickens zumindest im Rahmen eines gemütlichen Spaziergangs durchs Staffelsee-Dorf stattfinden.

Barbara Jungwirth

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