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Unter Denkmalschutz: die Eschenloher Olympia-Tunnel aus dem Jahr 1935.

Anlage in dieser Form einzigartig in Bayern

Marode, aber von historischem Wert: Eschenloher Tunnel unter Denkmalschutz

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Eschenlohes Olympia-Tunnel bergen weit mehr als Stahlbeton. Einst schufteten dort hunderte Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegsproduktion. Die große historische Bedeutung ist nun gewürdigt worden: mit dem Denkmalschutz. Eine Frage bleibt offen: Was passiert mit den Röhren, wenn durch sie kein Verkehr mehr fließt?

Eschenlohe – Die Straßentunnel gelten als marode. Jedes Jahr fallen hohe Kosten an, um sie so weit in Schuss zu halten, dass der Verkehr der Bundesstraße ohne Risiko an Eschenlohe vorbei durch die beiden Röhren fließen kann. Damit ist in absehbarer Zeit wohl Schluss: Ein neues Straßenbauprojekt soll die Olympia-Tunnel von 1935 überflüssig machen – und damit die aufwändigen Inspektionen.

Als Teil der Verkehrsinfrastruktur stehen die Tonnengewölbe also kurz vor dem Abstellgleis. Auf anderem Gebiet erhielt das Stahlbetonwerk dagegen besondere Weihen: Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege hat die Gesamtanlage mit den 220 und 230 Meter langen Tunneln samt Stollen, Kavernen und Straßenbrücke zum Baudenkmal erhoben. Diese hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs als bombensicheres Rüstungswerk unter dem Tarnnamen „Ente“ gedient, in dem zwischen 800 und 1500 Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen schufteten, um Flugzeugteile für die Messerschmitt AG herzustellen. Das Bauwerk besitze „unzweifelhaft eine hohe geschichtliche Bedeutung“, betont Silke Wapenhensch, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Landesamt. „Insgesamt ist die bauliche Anlage in dieser Form einzigartig in Bayern.“ In ganz Deutschland ist derzeit nur ein vergleichbares Beispiel bei Barsbüttel (Schleswig-Holstein) bekannt. Die Tunnel der Reichsstraße 2 seien „Bestandteil des Straßenbauprogramms und der propagandistischen Selbstdarstellung des NS-Regimes“ im Rahmen der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen gewesen. Zugleich stünden die Röhren mit dem Umbau und der Umnutzung als Flugzeugteil-Produktionsstätte für die „zunehmend improvisierte Rüstungsindustrie in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs“, erklärt Wapenhensch. Und: Die Tunnel seien ein wichtiges Dokument für die Geschichte der Zwangsarbeiter im NS-Regime.

An der großen historischen Bedeutung bestehen also keinerlei Zweifel. Anders verhält es sich mit dem Areal, auf dem sich einst das Zwangsarbeiterlager befand. In diesem Fall prüften Experten des Landesamts, ob dieses als Bodendenkmal in Frage kommt – und verneinten. Der Grund: Diverse Eingriffe, etwa die Anlage des neuen Ortsfriedhofs nach 1945 sowie der Bau der A95 und der Hauptwasserleitung Richtung München, haben die Lagerreste fast ausnahmslos getilgt.

Den Boden fürs Tunnel-Prädikat denkmalgeschützt bereitete das Landratsamt. Die Behörde habe den Anstoß gegeben, bestätigt Sprecher Stephan Scharf. Den Weg zur Entscheidung begleiteten diverse Behörden. Mit dem Denkmalschutz verbunden ist nun die Pflicht, das Bauwerk zu erhalten. Dieser mutmaßlich kostspielige Kelch geht an der Gemeinde Eschenlohe vorüber. Aktuell befindet sich der Tunnel als Verkehrsbauwerk „in unserer Zuständigkeit“, sagt German Abenthum vom Staatlichen Bauamt Weilheim. Er rechnet damit, dass die Röhren in die Verantwortung der Immobilienverwaltung des Bundes übergehen, sobald sie als Abschnitt der B2 ausgedient haben. Abenthum formuliert die Gretchen-Frage: „Fallen die Tunnel dann in einen Dornröschenschlaf – oder gibt es eine öffentliche Nutzung?“ Eine Antwort werde wohl über die politische Schiene gefunden.

An Ideen mangelt es nicht. Ein Privatmann mit Bezug zu Eschenlohe forderte bereits vor über einem Jahr, die Anlage zu einem Dokumentationszentrum und einer Gedenkstätte auszubauen. In Feuerwehrkreisen gibt es die Überlegung, ob sich die stillgelegten Tunnel nicht für Übungen verwenden lassen.

Bürgermeister Anton Kölbl (CSU) kann sich einen begehbaren Bereich vorstellen, der vor herunterfallendem Material geschützt wird. Er weiß, dass die Tunnel und ihre spannende Historie immer wieder Interessierte auf den Plan rufen, die es in die Röhren zieht: „Da gibt es ziemlich viele Anfragen.“ Etwa von Geschichtsvereinen, die ein lohnendes Ziel für Ausflüge suchen. Bislang, sagt Kölbl, „müssen wir das ablehnen – es handelt sich ja um Straßentunnel“. Er zeigt sich froh, dass diese mit der Aufnahme in die Denkmalliste erhalten bleiben und geht davon aus, dass sich eine neue Nutzung ergeben wird. Diese stellt sich mit Blick auf marodes und wasserdurchsättigtes Material in seinen Augen als nicht ganz einfach dar. „Bei starkem Regen laufen Sturzbäche von der Decke“, sagt Kölbl. Er äußert leise Zweifel daran, dass angesichts dieser Widrigkeiten etwa eine große Ausstellung möglich wäre.

So weit denkt Franziska Lobenhofer-Hirschbold nicht. Die Vorsitzende des Vereins zur Erforschung und Erhaltung der Eschenloher Heimatgeschichte – auf dessen Initiative hin wurde 2012 ein Gedenkstein auf dem Gelände des früheren Zwangsarbeiterlagers errichtet – freut sich über die Aufnahme der Tunnel in die Denkmalliste. „Sie werden für die jetzige und die nächste Generation bewahrt. Man sieht: Hier war etwas.“ Etwas Besonderes, einzigartig in Bayern. Lobenhofer-Hirschbold nennt es „Teil der Zeitgeschichte“.

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