Überall Splitter: Die Beiruter Wohnung der Sadeks nach der gewaltigen Explosion. 
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Überall Splitter: Die Wohnung der Sadeks nach der gewaltigen Explosion. 

Riesenexplosion im Libanon

Mit dem Schrecken davongekommen: Murnauerin erlebt Katastrophe in Beirut hautnah mit

  • Roland Lory
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Sie wurde Zeugin der Katastrophe: Angelika Sadek, die in Murnau geboren wurde, hat die Mega-Explosion in Beirut hautnah miterlebt.

  • Angelika Sadek, die in Murnau geboren wurde, hat die Mega-Explosion in Beirut hautnah miterlebt.
  • Sie und ihr Mann kamen mit dem Schrecken davon.
  • Angelika Sadek sagt: Den Libanesen nimmt nichts die Lebensfreude.

Murnau/Beirut – Als Angelika Sadek mit ihrem Mann am 10. Juli von Frankfurt nach Beirut geflogen ist, fragte sie ein freundlicher Zollbeamter, wo die Reise denn hingehe. Als sie „Beirut“ antwortete, sagte er zu der gebürtigen Murnauerin: „Ein bombensicheres Reiseland, dann gute Reise.“ Und schmunzelte. Eine Bombe war es nicht, die in Beirut am 4. August hochging. Doch die massive Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt hatte verheerende Folgen. Große Teile der Stadt sind zerstört. Mehr als 150 Menschen starben, rund 6000 wurden verletzt. 2750 Tonnen unsicher gelagertes, hochexplosives Ammoniumnitrat fingen Feuer und flogen in die Luft.

Der Mann hatte gerade Essen gekocht

Angelika Sadek (53) war in Beirut am 4. August kurz nach 17 Uhr gerade von der Arbeit heimgekommen, ihr Mann Alaaeldin (65) hatte Abendessen gekocht. „Da es draußen auf dem Balkon noch zu heiß war, hatte er die Klimaanlage angeschaltet und den Balkontisch innen ans Fenster gestellt, sodass wir trotzdem rausschauen können“, erzählt Sadek. Sie arbeitet als Büro- und Verwaltungsleiterin beim Orient-Institut Beirut (OIB), eines der zehn deutschen Auslandsinstitute der bundesunmittelbaren Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland.

Wohnung liegt etwa 2,5 Kilometer vom Hafen entfernt

Das Paar wohnt im zehnten Stock im Stadtteil Al Zarif, der Luftlinie etwa 2,5 Kilometer vom Hafen entfernt liegt. „Wir waren gerade mit dem Essen fertig, als das Haus plötzlich unheimlich bebte.“ Angelika Sadek hatte in Ägypten 1995 einmal ein starkes Erdbeben erlebt. „Ich war damals auch gerade im zehnten Stock im Büro, aber das kam mir diesmal viel stärker vor.“ Ihr erster Gedanke war, dass das Gebäude einstürzt und dass das Treppenhaus am längsten durchhält und so eilte sie in diese Richtung. „Mein Mann hatte wohl in dem Moment draußen über dem Hafen eine rosa Wolke gesehen und öffnete die Glas-Schiebetür vom Balkon ein wenig.“ Beide denken, dass dies nicht nur diese Scheibe, sondern vor allem ihn gerettet hat. Denn Bruchteile von Sekunden später kam die zweite Druckwelle, und alle Glasscheiben flogen durch die gesamte Wohnung. „Die einzige Scheibe, die nicht kaputt ging und meinen Mann so vor großen Verletzungen gerettet hat, war die, die er gerade aufschob.“ Sie hatte sich bereits weggedreht, dennoch erwischten sie von hinten am Arm Scherben und Splitter. Doch das bemerkte sie erst gar nicht. Sie rief nur ihrem Mann zu, dass sie runter müssen, aus dem Haus raus. „Es kamen einem natürlich Gedanken, dass dies ein Bombenangriff könnte und weitere Angriffe folgen.“ Also rannte das Paar die Treppe hinunter. Unterwegs kamen aus jeder Wohnung Menschen, die nicht recht wussten, ob sie hinunterlaufen sollten oder sich besser in der Wohnung verschanzen.

Viele Gerüchte kommen auf

Auf der Straße sammelten sich schon Menschen. „Man musste aber aufpassen, denn überall flogen Scheiben, Fensterrahmen und so weiter von oben herab.“ Wie Sadek erzählt, kamen 1000 verschiedene Gerüchte auf, ob es nun ein Anschlag, eine Bombe, ein Erdbeben, eine Explosion oder sonst etwas war. Die 53-Jährige hatte inzwischen bemerkt, dass etwas Flüssiges an ihrem Arm herunterlief. Erst da registrierte sie, dass sie verletzt war. „Aber da ich keine Schmerzen hatte, konnte es ja nicht schlimm sein.“ Als sie und ihr Mann nach einiger Zeit das Gefühl hatten, dass nichts nachkommt, gingen sie wieder hinauf in die Wohnung. Oben ist ihnen dann erst klar geworden, wie verwüstet ihr Heim warf. Nichts stand mehr da, wo es vorher war, alles voller Scherben bis in die hintersten Winkel. „Wir waren unter Schock, haben vom Balkon aus die rosa Wolke über dem Hafen betrachtet.“

Verletzung am Arm

Langsam kamen am Handy die Meldungen von der Explosion, von der Deutschen Botschaft die Warnung, dass man an geschützte Stellen gehen soll, wenn man kann. Von Freunden und Familie, die kurz danach in den Nachrichten von der Explosion hörten und Sorge hatten, dass den Sadeks etwas passiert ist. Angelika Sadek saß den ganzen Abend auf dem Balkonstuhl und beobachtete nur die Rauchwolke, die Hubschrauber, die Wasser vom Meer holten und über dem Hafen abließen, um das Feuer zu löschen, führte Telefonate und beantwortete Nachrichten. Ihr Mann fing an, die großen Scherben aufzusammeln und Wege in der Wohnung frei zu machen, damit man irgendwie durchlaufen konnte. Die Frau vom Hausmeister kam und half. „Ich konnte nichts machen, mein Arm fing bei jeder Bewegung wieder an zu bluten“, erzählt Angelika Sadek. „Erst am späten Abend haben wir dann beschlossen, dass es besser ist, die gegenüberliegende Apotheke aufzusuchen. Der Apotheker meinte, es müsse eigentlich genäht werden, aber angesichts der sicher überfüllten Krankenhäuser tue er sein bestes und hat die Wunde versorgt.“ Diese ist nicht dramatisch, „es heilt auch wunderbar, ich merke schon kaum mehr was davon“.

Blick vom Balkon Richtung Hafen: Dort künden Rauchwolken von der verheerenden Explosion. Die Wohnung der Sadeks ist rund 2,5 Kilometer vom Hafen entfernt. 

Straßen voller Scherben

Am nächsten Tag ging die gebürtige Murnauerin morgens ins Büro, das noch etwas näher am Hafen liegt. „Alle Straßen waren voller Scherben, ich habe die Schuhe mit den dicksten Sohlen ausgewählt.“ Sie traf Leute mit verbundenem Kopf, Fuß und so weiter und alle grüßten sich gegenseitig mit einem „Hamdelassalama“. Dabei handelt es sich um einen Willkommensgruß, den man sagt, wenn jemand von einer Reise zurückkommt, aber auch etwas überstanden hat, wie zum Beispiel eine Krankheit, einen Krankenhausaufenthalt oder Ähnliches. „Viele Leute trugen Kisten mit kaputten Scheiben, trotzdem lachten sie schon wieder“, erzählt Sadek. „Den Libanesen nimmt nichts die Lebensfreude. Das war sehr schön zu sehen.“ Im Institut, wo sie arbeitet, hat die Druckwelle großen Schaden angerichtet.

Halten zusammen: Angelika Sadek und ihr Mann Alaaeldin. Sie kommen fast jedes Jahr nach Murnau.

In Murnau verwurzelt

Angelika Sadek, die auch schon 27 Jahre in Ägypten lebte, ist in Murnau verwurzelt, die ältere Generation kennt noch die Buchdruckerei Gretschmann am Untermarkt. Werner Gretschmann ist ihr Vater. In Beirut lebt und arbeitet sie erst seit Juli.

Fast jedes Jahr am Staffelsee

„Schrecklich ist das Ganze für die Menschen, die Freunde und Verwandte verloren haben, die schwer verletzt sind und die ihre Häuser und Wohnung komplett verloren haben“, sagt Sadek. „Wir sind mit dem Schrecken davon gekommen.“ Nach Murnau reist das Paar fast jedes Jahr für den Sommerurlaub und auch in der Weihnachtszeit. Für sie ist das „immer noch die geliebte Heimat“.

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