renbürger und andere Würdenträger sind auf der Tafel aufgelistet, die im zweiten Stock des Rathauses hän

Corona und die Folgen

Recherche zu Murnauer Würdenträgern liegt erstmal auf Eis: Grund ist die aktuelle finanzielle Lage

  • Roland Lory
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Eigentlich wollte die Marktgemeinde Murnau die Biografien der örtlichen Würdenträger wissenschaftlich untersuchen lassen. Doch wann dies passieren wird, ist wegen Corona derzeit unklar. Unterdessen steht im Moos nach wie vor ein Gedenkstein des Bund Naturschutz, der unter anderem an den früheren Ehrenbürger Max Dingler erinnert.

Murnau – Im Oktober 2017 strich der Murnauer Marktgemeinderat Max Dingler von der Liste der Ehrenbürger. Zudem ging das Gremium auf Distanz zu Lorenz Sonderer, Träger der Bürgermedaille. Ihre Nazi-Vergangenheit war der Grund. Die Volksvertreter fassten damals noch einen weiteren Beschluss: Es sollten per wissenschaftlichem Gutachten sämtliche Würdenträger überprüft werden, die vor 1930 geboren wurden.

Raim-Buch liegt vor

Eigentlich hätte ein Forscher bereits im Frühjahr 2018 den Job bekommen sollen. Doch von diesem Plan nahm man damals Abstand. Die Marktgemeinde wollte abwarten, bis das Buch von Dr. Edith Raim über die Jahre zwischen 1919 und 1950 veröffentlicht ist. Dies ist mittlerweile der Fall.

Auftragsvergabe unklar

Doch Corona ändert alles. „Aufgrund der derzeitigen finanziellen Situation ist es unklar, wann der Auftrag vergeben werden kann“, teilt Rathaus-Geschäftsleiterin Zenzi Oppenrieder mit. Die Gemeinde ist ihr zufolge bereits seit längerem in Kontakt mit verschiedenen Forschungseinrichtungen sowie renommierten Wissenschaftlern und lässt sich beraten. Eine Entscheidung sei noch nicht getroffen worden.

Geschichte „nicht wegstreichen“

Um Würdenträger ging es am Rande auch in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. Welf Probst (Freie Wähler) kam auf die neue Tafel zu sprechen, die im Zweiten Stock des Rathauses (Treppenhaus) hängt. Auf ihr sind Ehrenbürger, Stifter und Spender et cetera aufgelistet. Der Name des Zoologen, Naturschützers und Mundartdichters Dingler steht dort nicht mehr. Probst schlug vor, ihn aufzuführen mit einer kurzen Erklärung, wann und warum man ihn von der Ehrenbürgerliste gestrichen hat. „Das wäre ehrlicher“, sagte er auf Tagblatt-Nachfrage. Genauso würde Probst mit Sonderer verfahren. Den Status Quo betrachtet er als „Geschichtsklitterung. Ich erachte es als wichtig, dass man Geschichte nicht wegstreicht, auch wenn es unangenehm ist“. Probst würde es allerdings nicht befürworten, dort ehemalige Ehrenbürger wie Hitler, Himmler und Goebbels zu nennen. Diesen und anderen Nationalsozialisten hatte der Gemeinderat nach dem Krieg die Ehrenbürgerrechte aberkannt.

Stein im Moos

Unterdessen ist auch der Bund Naturschutz weiterhin mit der Causa Dingler befasst. Im Murnauer Moos, am ehemaligen Moosberg-Steinbruch, steht nach wie vor ein Stein mit Bronzetafel. Dieser würdigt Dingler sowie Ingeborg Haeckel. Platzieren ließ ihn der Bund Naturschutz 1995. Nach Angaben des Kreisvorsitzenden Axel Doering hat der Kreisvorstand mehrheitlich beschlossen, dass der Stein entfernt werden soll. Doch bevor man zur Tat schreitet, will man zunächst das Raim-Buch studieren. Naturschützerin und Ehrenbürgerin Haeckel könne man auch an anderer Stelle angemessen ehren, findet Doering.

In den Kontext setzen

Der Garmisch-Partenkirchner spricht von einer „unguten Situation. Man hätte den Stein nie aufstellen dürfen. Man muss vorsichtig sein, wen man ehrt“. Den abgebauten Stein könnte man seiner Meinung nach ins Schloßmuseum stellen und dort mit einer ergänzenden Tafel in den richtigen Kontext setzen.

„Stein des Anstoßes“ statt Gedenkstein

Auf diesen legt auch der Publizist Jakob Knab wert, pensionierter Studiendirektor aus Kaufbeuren und bekannt für seine Kritik an belasteten Kasernennamen. Seine Mindestforderung ist ein Zusatzschild neben dem Gedenkstein, das Dingler historisch-kritisch einordnet – „damit es kein Gedenkstein ist, sondern ein Stein des Anstoßes“. Bei einer Person der Zeitgeschichte müsse man immer die Gesamtpersönlichkeit berücksichtigen. Knab hatte Anteil daran, dass 2011 die Bezeichnung Max-Dingler-Hauptschule getilgt wurde.

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