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In bayerischer Querdenker-Hochburg: Übelste Schmierereien schockieren - Ort wohl bewusst gewählt

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Von: Silke Reinbold-Jandretzki

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„Früher: Juden Heute: Ungeimpfte“: Schriftzug an der Murnauer Realschule.
„Früher: Juden Heute: Ungeimpfte“: Schriftzug an der Murnauer Realschule. © privat

Schmierereien an der Murnauer Realschule sorgen für Entsetzen. „Früher: Juden Heute: Ungeimpfte“ prangte unter anderem an der Fassade. „Wir sind sehr schockiert“, sagt Direktor Ralf Havelka.

Murnau – Es herrscht verbale Übereinstimmung: „Geschmacklos“ nennen Schulleiter Ralf Havelka und Polizei-Chef Joachim Loy unabhängig voneinander die Tat.

Es ist keine x-beliebige Schmiererei, die Unbekannte in der Nacht zum Sonntag an der Fassade und der anschließenden Mauer der Murnauer Realschule im Blauen Land hinterließen. Im Zentrum des Entsetzens steht ein Vergleich: „Früher: Juden Heute: Ungeimpfte“.

Murnauer Schule übelst beschmiert: „Da dreht es mir die Fußnägel hoch“

Es wird eine Parallele gezogen zwischen der Diskussion um Menschen, die sich in der Corona-Pandemie der Vakzination verweigern, und der Verfolgung sowie Vernichtung der Juden. „Da dreht es mir die Fußnägel hoch“, sagt Havelka. Er sieht in der Tat „mehr als ein Graffiti. Für mich ist das ein Farb-Anschlag“. Dieser traf nicht allein den Direktor der Realschule ins Mark: „Wir sind“, sagt Havelka, „sehr schockiert“.

Murnau: Polizei-Chef und Schulleiter nennen Parole „geschmacklos“

Der oder die Sprayer kam(en) im Schutz der Dunkelheit – und hinterließ(en) indiskutable Parolen in roter und schwarzer Farbe. Am Sonntag um 4.10 Uhr erhielt die Polizei Kenntnis davon. „Wacht auf“ stand unter anderem noch an der Fassade der Schule an der Weindorfer Straße zu lesen, außerdem „Rebellion“ und „REPRESSION lässt grüßen“.

Eine naive Zeichnung sollte wohl einen Mund-Nasen-Schutz zeigen und war versehen mit dem Hinweis „nicht gegen Viren“ und dem Ratschlag: „Packungsbeilage lesen oder Verschwörungsleute fragen“. Zudem fand sich ein Zeichen, das Polizei-Chef Loy bereits an mehreren Stellen in Murnau und Umgebung gesehen hat.

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Loy wählt mit Blick auf das Geschehene wie Havelka deutliche Worte: „Ich finde es absolut geschmacklos, wie Querdenker versuchen, das Schicksal der Juden im Holocaust mit Ungeimpften zu vergleichen“, stellt er klar. „Das ist das Allerletzte und geht überhaupt nicht.“ Tatsächlich rechnet Loy angesichts der Inhalte damit, dass bei der Suche nach dem oder den Täter(n) die Spur ins Querdenker-Milieu führen könnte, das sich in der Region Murnau vergleichsweise breit aufgestellt präsentiert.

Querdenker-Schmierereien in Murnau: Staatsschutz der Kripo Weilheim wird eingebunden

Noch gibt es keine konkreten Hinweise, die Ermittlungen laufen – und sie könnten sich um mehr als reine Sachbeschädigung drehen. Der Staatsschutz der Kripo Weilheim soll prüfen, ob die Inhalte ebenfalls strafrechtlich relevant sind. Nach Angaben Loys fanden sich in jüngerer Vergangenheit im Ort zudem aufgesprayte Hinweise auf eine Internetseite mit Querdenker-Themen.

Er kann sich gut vorstellen, warum nun die Fassade an der Weindorfer Straße als Tatort diente: Diese bietet Top-Frequenz. Gegenüber liegt die Bushaltestelle, so dass unzähligen Realschülern und Gymnasiasten die Schriftzüge sofort ins Auge gestochen wären – wenn nicht zwei Hausmeister am Sonntag stundenlang versucht hätten, diese zu beseitigen. Das gelang nicht restlos. Das poröse Material habe die Farbe aufgesaugt, sagt Havelka. „Die Wandseite ist komplett verschandelt.“ Mit ein paar hundert Euro Schaden sei es deshalb nicht getan, dieser werde „eher in die Tausende gehen“. Zudem sieht der Direktor durch die Tat das offene Baukonzept der Schule ohne Zaun „massiv in Frage gestellt“.

Schule in Murnau beschmiert: Realschulleiter reagiert mit Durchsage an die Klassen

Pädagogisch erkannte Havelka am Montag Handlungsbedarf. Er wandte sich mit einer Durchsage zu dem aktuellen Thema an die Klassen, zudem bat er darum, die Aussage „Früher: Juden Heute: Ungeimpfte“ im Unterricht geschichtlich in Bezug zu setzen. Wie es der Zufall will, wäre in diesen Tagen ein weit über 90 Jahre alter Zeitzeuge in der Realschule zu Gast gewesen, der in der Lage ist, seine Jugend in Bayern, die er in verschiedenen KZ erlebte, eindringlich zu schildern. „Das musste wegen Corona verschoben werden“, erklärt Havelka, der, das sagt ihm sein Bauchgefühl und das verwendete Vokabular, es für „sehr, sehr unwahrscheinlich“ hält, dass einer seiner Schüler hinter den Schmierereien steckt. Diese wecken bei ihm andere Gedanken, als es der oder die Täter bezweckt haben dürfte(n). Havelka erinnert sich daran, dass die Nazis 1933 begannen, Läden von Juden zu besprühen und zu beschädigen.

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