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Aufräumen nach dem Brand: Der Container ist die Ruhestätte vieler Erinnerungen.

Blaues Haus an der Grüngasse nicht mehr bewohnbar

„Das war mein Leben“: Brand in Murnau zerstört Erinnerungen und Arbeit der Bewohner

  • Andreas Mayr
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Vieles ist unrettbar verloren. Die Flammen vernichteten das Blaue Haus in der Murnauer Grüngasse. Ein schwerer Schicksalsschlag für Wilhelm Miller und seine Schwester.

Murnau – Die schreckliche Nachricht kommt per Telefon. Das Handy zeigt die Nummer der Schwester. Wilhelm Miller hebt ab und hört: „Das Haus brennt.“ Auch wenn das fast zwei Wochen später unfassbar und unwirklich anmutet, dachte Wilhelm Miller zuerst tatsächlich: „Das wird etwas sein, das man mit dem Feuerlöscher löschen kann.“

Vom Schlehdorfer Pflegezentrum Lindenhof – Miller arbeitet dort, auch am Tag des Unglücks – fährt man etwa 20 Minuten im Auto bis nach Murnau. In den Markt. In die Grüngasse, einer dieser alten Wege, der wie eine Vene zum Herzen führt und vor der Mariensäule endet. Gerade wird dort die Straße gepflastert. Barrikaden versperren die Einfahrt – und den Blick auf das neue Antlitz der alten Straße. Das Haus mit der blauen Fassade und der Nummer fünf, es leuchtet hinter den Baken hervor, steht seit etwa 200 Jahren an dieser Stelle. Früher hielt die Familie Pferde und Kühe im Stall. Wilhelm Millers Vater hat davon erzählt. Der Urgroßvater backte und verkaufte in dem Haus Brot. Die Murnauer haben ihn Melber genannt. Wegen des Mehls, vermutet Miller. Der Hausname ist geblieben. Voriges Jahr hat die Familie ein Bildnis auf die Wand malen lassen. Vor der Hohen Kiste zieht ein Pferd eine Kutsche – beladen mit Mehl. „Melber“ hat man darunter geschrieben.

Porträts der Eltern konnte Miller retten

Am Wochenende stand davor ein Container gefüllt mit vielen Ordnern, Kisten und auch einem Schlitten. Dies ist die Ruhestätte vieler Erinnerungen. Wilhelm Miller meidet den Ort. „Ich möchte am liebsten nicht mehr rein, aber ich muss“, sagt der 62-Jährige. Er leitet Gutachter durch die Ruine. Er leidet dabei. Überall Hinweise auf die Vergangenheit. Überall Geschichten eines Lebens. „Es ist schwer“, sagt Miller. Als das Feuer besiegt war und die tapferen Helfer abgezogen waren, hat er ein paar persönliche Dinge geborgen. Fotos aus Norwegen. Für einige Zeit hat er in Skandinavien gelebt. Porträts der Eltern. „Die waren wichtig.“ Möbel hat er nicht retten können. Was die Flammen nicht fraßen, zerstörte die Wucht des Löschwassers.

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Gegen 14.20 Uhr sah Wilhelm Miller an diesem Schicksals-Donnerstag den Rauch, die Fahrzeuge, die Menschen in Anzug und Atemschutzmasken. „Man liest davon sonst nur in der Zeitung oder sieht so etwas im Fernsehen.“ Einer Kollegin im Pflegeheim hatte er das Telefon in die Hand geworfen. Dann ist er gelaufen. Und losgefahren. Sein erster Gedanke, als er vor dem Haus stand: „Hoffentlich sind alle draußen.“ Alle überlebten. Sein zweiter: „Das war mein Leben. Du hast Jahre und Jahrzehnte reingesteckt. Innerhalb von Stunden ist das weg. Blöd und gelähmt – so bin ich dagestanden. Ich habe es bis jetzt nicht realisiert.“

Haus nicht mehr bewohnbar

Am schlimmsten hat es den hinteren Bereich des Hauses getroffen, in dem Miller, seine Schwester und ihr Mann leben. Er ist nicht mehr bewohnbar. Im Gegensatz zu den Nachbargebäuden. Glücklicherweise müssen die Nachbarn nur vorübergehend ausziehen. Trotzdem betont Miller: „Traurig.“ Seit vielen Jahren teilen die Geschwister den nördlichen Gebäudeteil. Miller lebt unten, seine Schwester oben. Die Experten sagen: „Man kann das wieder herrichten.“ Bei einem Blick auf die Brandruine kann sich Miller das nicht vorstellen. „Unser Traum wäre es“, sagt er. „Das wäre wahnsinnig schön.“

Was die Familien sonst machen, wie es weitergeht, weiß er nicht. Visionen gibt es nicht. Auch keine Pläne. „Das alles würde mir das Herz zerreißen.“ Die Murnauer haben das historische Gebäude über Jahrzehnte umgebaut und verschönert, Treppen selbst eingebaut, Holzböden verlegt. Schritt für Schritt. So geht es weiter. „Wir versuchen, Schritt für Schritt etwas zu machen.“ Wochen werden vergehen, bis die gröbsten Spuren des Unglücks weichen. Bis die Grundmauern, die Statik überprüft sind. Bis die Gutachter sagen, was zu retten ist und was nicht. Den Wiederaufbau zahlt die Versicherung. Für den seelischen Schaden gibt es keine angemessene Entschädigung. „Möbelstücke, Erinnerungen – das ist alles futsch“, sagt Wilhelm Miller, der Willi, wie Freunde und Bekannte sagen.

Für die nächsten Monate ist er nach Schlehdorf ins Kloster gezogen. Sein Arbeitgeber unterhält dort zwei Zimmer. Die Schwester ist bei der Familie ihres Mannes untergekommen. Über den Brand spricht sie nicht. Reden schmerzt zu sehr. Für die anstehenden Rentenjahre hatte sie vor gehabt, das Haus weiter aufzuhübschen. Miller hat sich in der Woche nach dem Brand freigenommen. Das Telefon klingelte ja ständig. Ein Gutachter. Ein Nachbar. Ein Freund. Die Gemeinde. Ein Arbeitskollege. „Ganz, ganz nett“, findet Wilhelm Miller. „Jeder fragt: Brauchst was? Das ist einzigartig.“ In dieser Woche arbeitet der stellvertretende Leiter des Pflegeheims wieder. Zur Ablenkung. „Das ist nicht das Schlechteste.“ Gelegentlich wird er spazieren gehen. Auch in Schlehdorf ist das Leben schön.

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