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„Mir blutet das Herz“: Protestbriefe, hier von Holger Poczka, an den Vier Linden.

Geplanter Zaun bei den Vier Linden sorgt für Entsetzen

Murnauer empört: „Frevel“ an einem geschichtsträchtigen Ort

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Den Aussichtspunkt Vier Linden Am Eichholz sehen viele Murnauer als besonderen Ort an – und als besonders schönen. Ein geplanter Zaun sorgt nun für Empörung. Der Verantwortliche argumentiert, er wolle nur sein Grundstück einfrieden – und ist im Recht.

Murnau– Der Ort besitzt Zauber und Geschichte. Das Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes, der 1821 ein Tränenwunder zugeschrieben wurde, stand unter den alten Bäumen. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts befand sich an dieser Stelle der öffentliche Gerichtsplatz, 1322 verkündete Kaiser Ludwig der Bayer hier die Verleihung der Marktrechte. Aktuell sollen die Vier Linden am Murnauer Eichholz als Naturdenkmal eingestuft werden; der Prozess läuft.

Der Platz hat viele Liebhaber, immer wieder sitzen Menschen auf einer der Bänke, genießen den Ort und die Aussicht. Nun gibt es Ärger um diese besondere Stelle. Grund ist ein Maschendrahtzaun, der demnächst an den Vier Linden stehen soll. Pfosten wurden bereits gesetzt, Fundamente betoniert – unter anderem im Westen der Vier Linden. Dort schiebt sich, sollte alles so kommen wie geplant, künftig der Zaun vor die zentrale Blickachse auf die Kirche St. Nikolaus.

Zaunpfosten an einer sensiblen Stelle: Die Vier Linden (hinten rechts) gehören der Gemeinde, die Wiese westlich davon (vorne) mit den Pfosten ist Teil des Privatgartens der Lindenburg (links hinten im Bild), der nun eingezäunt werden soll.

Das treibt vor allem Anwohner der Straße Am Eichholz um. Mehrere von ihnen haben zuletzt Protestschreiben vor Ort aufgehängt, um auf den „Frevel“ aufmerksam zu machen. Unter ihnen: Gemeinderat Holger Poczka (ÖDP/Bürgerforum), der schräg gegenüber wohnt und auf fünf Seiten seine „Trauer“ ausdrückt. „Dieser Zaun entweiht einen spirituellen Ort“, schreibt er unter anderem. Und: Er werde als Gemeinderat „alles tun, damit dieser Zaun wieder entfernt wird“. Sabine Schultes findet eine Barriere „instinktlos“, sie „zerstört einen ganz besonderen Ort“. Schultes bemüht sich aber um einen Kompromiss: „Sicher lässt sich mit gutem Willen eine Lösung finden, die weniger Schaden anrichtet“, schreibt sie – und bietet an, für eine Grünflächenpflege zur Verfügung zu stehen.

Das Problem: Die Wiese westlich der Vier Linden, die viele als eine Art öffentlichen Park sehen und nutzen, ist Teil des großen Privatgartens der Lindenburg, die seit über zwei Jahren dem Düsseldorfer Architekten Helmut Op den Berg gehört. Dieser hat sie seitdem „behutsam saniert“. Das Areal der Vier Linden selbst, das in Gemeindebesitz ist, lag bisher wie eine Insel an einem Ende des Lindenburg-Gartens; die Flächen gingen ineinander über, der private Bereich war kaum als solcher zu erkennen. Dies brachte Op den Berg nach eigenen Angaben Ärger ein: Demnach beklagten sich seine Mieter, dass sich immer wieder Fremde im Garten aufhielten, der zudem als Hundetoilette missbraucht werde. Sie „drängten“ auf einen Zaun, der den Garten abtrenne, sagt Op den Berg. Die Geschichte dieses Orts sei ihm „natürlich bekannt“. Deshalb zeigte er sich auch „großzügig“, als im Zuge des Lindenburg-Kaufs die Gemeinde an ihn herantrat. Er habe sich bereit erklärt, den gesamten Grünstreifen zwischen Straße und Vier Linden zu verkaufen.

Öffentlicher Aufschrei: Mehrere Murnauer halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg.

Jan-Ulrich Bittlinger, zuständig für die Pressearbeit des Marktes, bestätigt, dass es in der Vergangenheit „keine gesicherte Erreichbarkeit“ der Vier Linden gegeben habe, da sich der Grünstreifen davor in Privatbesitz befand; das ist nun anders. Ein alter Pfad verlief ebenfalls über Privatgelände; nun ist der gesamte Weg in Gemeindebesitz. Diese Punkte regelt ein Vertrag zwischen Gemeinde und Grundeigentümer. „In diesem Zuge wurde auch die Erschließung des Areals der Vier Linden erreicht.“

Rein rechtlich lässt sich ein Zaun wohl nicht verhindern. Grundsätzlich seien in Murnau Einfriedungen bis zu einer Höhe von 1,25 Metern zulässig, sofern sie sich ans Straßen- und Ortsbild anpassen, schreibt Bittlinger: „Wir gehen derzeit davon aus, dass ein geplanter Maschendrahtzaun diese Vorgaben erfüllt.“

Doch Op den Berg zeigt sich gesprächsbereit, was die Bank an der Sichtachtse nach Westen betrifft. Er kann sich an dieser sensiblen Stelle einen niedrigeren Holzzaun und eine kleinere Bepflanzung vorstellen. „Ich möchte eine gütliche Lösung mit der Gemeinde und kann verstehen, das jemand emotional auf den Zaun reagiert, der die Sachlage nicht kennt.“ Op den Berg will mit Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) einen Ortstermin vereinbaren.

Er rennt offene Türen ein. Beuting kündigt seinerseits an, das Gespräch zu suchen. Da die Gemeinde keine rechtliche Handhabe gegen die Einfriedung habe, will er auf diese Weise eine Lösung finden. „Die Vier Linden sind ein ganz besonderer Ort in Murnau“, sagt Beuting. „Eine Einfriedung des Grundstücks ist rechtlich nicht zu beanstanden, und es mag natürlich auch gute Argumente seitens der Eigentümer geben.“ Dennoch wolle er „alles versuchen“, um eine Lösung zu finden, „die ohne Zaun auskommt“.

Auch Holger Poczka beteuert, ihm sei an einem „guten Kompromiss“ gelegen. Der Gemeiderat versteht, dass der Grundeigentümer nicht Hundekot und Abfall aufsammeln will, wenn er „großzügig sein Grundstück offen hält“. Gehe es hauptsächlich um diese Verschmutzungen der Wiese (westlich der Vier Linden, Anm.d.Red.), könnte die Gemeinde in Poczkas Augen die Grünpflege übernehmen. Er schlägt zudem vor, den Zaun im Norden der Vier Linden von Ost nach West zu ziehen, so dass der unmittelbare Bereich westlich als Blickachse zu St. Nikolaus offen bleibt. Sollte das Areal westlich der Vier Linden „zu vernünftigen Konditionen“ zu erwerben sein, so Poczka, „dann wäre dies aus meiner Sicht die beste Option. Ich denke, dass an einem so sensiblen Ort ein Ausgleich zwischen privatem und öffentlichem Interesse gefunden werden sollte.“ Dafür setze er sich ein.

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