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Josep Rodes präsentiert Zeichnungen aus seinem Comic, in dem er Eindrücke aus dem indischen Corona-Lockdown verarbeitete.

Illustrator verarbeitet Erlebnisse in Comic

Lockdown in Indien: Murnauer 21 Tage lang in Quarantäne

Als Corona Deutschland erreichte, saß der Illustrator Josep Rodes am Ufer des indischen Ganges und zeichnete. Kurz darauf überschlugen sich die Ereignisse und die Welle schwappte auch nach Indien. Nach 21 Tagen Lockdown kehrte der Murnauer per Rückholflug zurück. Seine Erlebnisse hielt er in einem Comic fest.

Murnau/Indien – Das im Norden des Landes gelegene Varanasi zählt nicht nur zu den ältesten Städten Indiens, sondern ist auch ein heiliger Ort für Hindus. Dicht gedrängte Menschenmassen, räuberische Affen und schmucke Tempel prägen das Bild einer Stadt, wo sich der Duft von exotischen Gewürzen mit dem Rauch aus den ewig brennenden Krematorien vermengt. Für den Illustrator Josep Rodes aus Murnau ist Varanasi ein ganz besonderer Platz. Im März diesen Jahres reiste er zum dritten Mal dorthin, um einen Comic über die Slums vor Ort zu fertigen.

Doch aufgrund der Corona-Pandemie verlief alles ganz anders als geplant: Rodes verbrachte 21 Tage isoliert in seiner Unterkunft, nachdem die Regierung eine Ausgangssperre verhängt hatte. Letztlich kam er durch eine Rückholaktion wieder nach Hause. Dort fasste er seine Erlebnisse in einem Comic-Tagebuch mit dem Titel: „Corona Go Home“ zusammen.

Dabei fing alles ganz harmlos an: Als Rodes Anfang März in den Flieger nach Delhi stieg, ahnte er nicht, was ihm bevorstehen sollte. „Die Nachrichten über das neue Virus verbreiteten sich zwar, doch das schien mir alles sehr weit weg“, berichtet der zweifache Familienvater. Er hatte zu diesem Zeitpunkt nur Augen für die Schönheit des Landes. Seine Unterkunft hatte einst einem Raja gedient und befand sich direkt am Ganges. Zwei Wochen lang lief alles seinen gewohnten Gang: Der gebürtige Spanier zeichnete viel, traf sich mit Freunden und pflegte Kontakt zu einer NGO-Mitarbeiterin, die ihn durch die Slums führen wollte.

Die Perspektiven aus jenen Armenvierteln sollten elementarer Bestandteil des Buchprojektes sein, das Rodes im Auftrag eines spanischen Verlages anfertigte. Im Zuge dessen wollte er insgesamt drei Monate in Varanasi verbringen. „Ich liebe diese Stadt und ihren Wahnsinn. Hier liegen Leben und Tod dicht beieinander“, erzählt der Illustrator. Damit bezieht sich der 47-Jährige auf eine bestimmte Szene: Nahe eines Krematoriums wurde zu dröhnenden Technobeats mit der Asche von Toten geworfen. Da schien die Bedrohung durch Corona noch nicht existent.

Doch als die Weltgesundheitsorganisation WHO den Covid-19-Ausbruch schließlich als Pandemie einstufte, bekam Rodes die Feindseligkeit der indischen Bevölkerung hautnah zu spüren: „Ich fühlte mich unwohl und wurde nicht mehr freundlich behandelt“, meint er rückblickend. Vier Tage später verhing die indische Regierung eine Ausgangssperre für Ausländer. Während viele Touristen zurück in ihre Heimatländer strömten, harrte Rodes aus. In der Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei wäre. Das Gegenteil trat ein, als Ende März ein nationaler Lockdown erfolgte. „Das war eine schlimme Zeit. Die Menschen hatten Angst. Und ich bekam zweimal Besuch von der Polizei“, berichtet der Murnauer. Doch er wurde nicht weiter behelligt. Von seinem Balkon aus beobachtete Rodes, wie sich die Umgebung frei von menschlichem Einfluss wandelte: Der Smog war blauem Himmel gewichen – und der sonst so schmutzige Ganges floss klar dahin. Zeitgleich nahm die Ansteckungsrate zu, die Isolation machte dem Künstler psychisch zu schaffen. Als der Lockdown verlängert wurde, hielt der Murnauer es nicht mehr aus und organisierte die Rückkehr nach Deutschland.

Mehr als 20 Stunden dauerte allein die Fahrt nach Delhi, wo Rodes mit anderen Ausreisenden einen mehrtägigen Zwischenstopp einlegen musste. Dabei erfolgten einige Polizei- und Gesundheitskontrollen. Am 14. April landete Rodes schließlich mit einem holländischen Rückholflugzeug in Amsterdam. Einen Tag darauf konnte er seine Familie wieder in die Arme schließen.

Anschließend verbrachte der Murnauer 14 Tage zuhause in freiwilliger Quarantäne. Diese Zeit nutzte Rodes, um an seinem Comic zu arbeiten. Dieser erscheint in einigen Wochen auf Spanisch. Für die deutsche Version sucht der Illustrator noch nach einem Verleger. Obschon er eine turbulente und teils beängstigende Zeit in Indien verbrachte, steht für den 47-Jährigen fest: „Ich will wieder nach Varanasi.“

Constanze Wilz

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