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Damals noch ein überzeugter Sozialdemokrat: Felix Burger im September 2016 bei seiner Bewerbung als Bundestagskandidat. Bei der Aufstellungskonferenz setzte sich der Mittenwalder Enrico Corongiu durch.

Murnaus Sozialdemokraten verlieren ihr Talent

Paukenschlag: Felix Burger gibt SPD-Parteibuch zurück

  • Andreas Seiler
    vonAndreas Seiler
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Die Murnauer SPD verliert ihr größtes Nachwuchstalent: Der 29-jährige Felix Burger tritt aus der Partei aus, weil er mit dem bundespolitischen Kurs der Genossen nicht mehr einverstanden ist. In der Gemeinderatsfraktion will er aber bleiben.

Murnau – Felix Burger war Sozialdemokrat aus Überzeugung: An seinem 14. Geburtstag, also vor 15 Jahren, wurde der Murnauer Mitglied der altehrwürdigen Partei – und legte auf kommunaler Ebene eine beachtliche Karriere hin. Viele sahen in ihm einen Jungpolitiker, der frischen Wind in die von Krisen gezeichnete Murnauer SPD bringt. So stand er zum Beispiel vier Jahre lang an der Spitze des Ortsvereins. 2016 wollte der Trüffel-Händler sogar Bundestagskandidat werden, scheiterte aber in einer Kampfabstimmung gegen seinen Mittenwalder Kontrahenten Enrico Corongiu. Heute ist Burger im Murnauer Gemeinderat sowie im Kreistag vertreten.

Doch mit dem Kurs der Bundes-SPD, die sich Anfang des Jahres erneut auf eine Große Koalition mit der Union einließ, kommt er nicht mehr zurecht. Der 29-Jährige zog die Konsequenzen – und reichte im Mai seine Kündigung der Mitgliedschaft ein. Ein Schritt, der ihm nicht leichtfiel. Vermutlich im Juli, berichtet er auf Nachfrage, werde der Austritt formell besiegelt sein. Es steckt viel Frust und Wut in einem siebenseitigen Schreiben, das Burger zur Begründung an die Parteizentrale in Berlin geschickt hat. Tenor der Generalabrechnung: Die SPD habe ihr soziales Gesicht verloren, kämpfe nicht mehr ausreichend für Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Burger, der dem linken Flügel zugeordnet werden kann („Mein Herz schlägt links“), geht hart ins Gericht mit den Ober-Genossen, wirft ihnen vor, eine falsche und menschenverachtende Politik zu betreiben – und nur noch den Machterhalt im Auge zu haben. Ob Flüchtlingspolitik, Waffenexporte, NATO, Vermögensverteilung, Niedriglohnsektor oder Euro-Krise – es sind viele Themen, bei denen Burger von den SPD-Positionen nichts hält. Ihm wäre es lieber gewesen, sagt er, Nahles, Scholz & Co. hätten sich in die Opposition begeben. Sein Fazit fällt nüchtern aus: „Ich sehe auf bundespolitischer Ebene keine großen Schnittmengen mehr und es ist mit meinem Gewissen nicht länger vereinbar.“ Eine neue politische Heimat habe er aber nicht im Blick.

Sein Engagement in der Kommunalpolitik bleibe unverändert, betont der Volksvertreter. Denn: „Ich verlasse nicht meine Freunde – ich verlasse die SPD.“ Konkret bedeutet dies: Burger gehört weiterhin der SPD-Fraktion im Murnauer Gemeinderat an – nur eben als Parteifreier. Auch will er wie bisher im Kreistag weiterarbeiten. Mit der SPD sei dies abgesprochen, erklärt er. Einen Wechsel in ein anderes Lager habe er nicht vor.

Die neue Situation ist dennoch gewöhnungsbedürftig: Denn in der dreiköpfigen Gemeinderatsfraktion wird künftig nur noch ein richtiges Parteimitglied sitzen, nämlich Ernst Ochs. Dr. Elisabeth Tworek hat ebenfalls kein Parteibuch. Die beiden reagieren betont gelassen auf Burgers Entscheidung. Man arbeite gut zusammen, sagt Sprecher Ochs. Und Tworek verweist auf die vielen Gemeinsamkeiten: „Wir sind alle sehr sozial engagiert.“ Die Parteizugehörigkeit spiele eine untergeordnete Rolle. Das Bündnis hat auch einen pragmatischen Vorteil: Eine Fraktion muss mindestens drei Mitglieder haben – ein entscheidender Punkt, wenn es darum geht, Sitze in den Ausschüssen zu bekommen.

Und wie beurteilt man im Ortsverein Burgers Bruch mit der SPD? „Wir bedauern das sehr“, sagt der Vorsitzende Richard Mohr. Aber entscheidend sei, dass sich Burger weiterhin für sozialdemokratische Themen stark mache. Dass jetzt in der Fraktion die Parteifreien in der Überzahl sind, stört Mohr nicht: „Die SPD ist schon lange mit offenen Listen unterwegs.“ Eine Austrittswelle habe es seit der GroKo-Neuauflage nicht gegeben, erklärt er weiter. Im Gegenteil: Seit Anfang 2017 habe man sogar Mitglieder hinzugewonnen. Derzeit sind es über 70. Viele seien der Ansicht, berichtet der SPD-Ortschef, dass es gerade in turbulenten Zeiten eine „Politik der Mitte“ brauche.

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