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Ein Denker unserer Zeit: Josef Hader bekommt den Murnauer Ödön-von-Horváth-Preis verliehen.

Verleihung zum Festival-Auftakt am Freitag

Murnauer Horváth-Preis für Josef Hader: Das macht die Auszeichnung für den Kabarettisten so speziell

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Er zählt zu den ganz Großen des deutschsprachigen Kabaretts. Am Freitag erhält der Österreicher Josef Hader (57) in Murnau den Ödön-von-Horváth-Preis für sein Gesamtwerk. Im Interview erzählt der Schauspieler und Autor, wie sehr ihn Horváth beeinflusst, warum er sich auf Murnau freut und weshalb der Horváth-Preis keinesfalls neben seinen alten Kabarett-Trophäen stehen kann.

Herr Hader, Glückwunsch zum Horváth-Preis! Er reiht sich bei Ihnen ein in zig Auszeichnungen. Was macht diesen Preis für Sie besonders?

Josef Hader: Naja, so viele bekomme ich gar nicht. Als ich jung war, habe ich viele Kabarettpreise gekriegt. Seither ist eher ein bisserl Ruhe (lacht). Auf den Dieter Hildebrandt-Preis bin ich sehr stolz, weil ich den Namensgeber so schätze. Und dasselbe kann man über Ödön von Horváth sagen, der mich von frühester Jugend an immer begleitet hat.

In Ihrem Kabarettprogramm „Privat“ trifft ihr Alter Ego den Ast, der Horváth 1938 erschlug, und Sie fliegen gemeinsam über Paris. Wie sind Sie denn darauf gekommen?

Das war der Versuch, eine fantastische Geschichte zu erzählen. Ich habe überlegt, wie die Anfänge von Satire funktioniert haben. Jonathan Swift (irischer Schriftsteller und Satiriker der frühen Aufklärung, Anm. d. Red.) hat Kritik an den Regierenden in London nicht direkt geübt, sondern zum Beispiel in „Gullivers Reisen“. Alle, die sich damals ausgekannt haben am englischen Hof, haben genau gewusst, wer womit gemeint ist. Ich dachte mir: Sowas probierst du auch. Und da bin ich dann auf sehr absurde Ideen gekommen. Was sich damals allerdings auch schon gespiegelt hat in der Geschichte, ist, dass Ödön von Horváth bei mir ganz weit oben steht.

Bei Ihnen wird der Pariser Ast von Schuldgefühlen geplagt. Warum fehlt ein Horváth der heutigen Welt?

Weil uns vielleicht überhaupt ein zeitgemäßes Volkstheater fehlt, in dem die sozialen Brüche unserer Zeit behandelt werden. Das kann auch im Fernsehen stattfinden oder im Internet. Aber es findet nicht statt. Und leider erinnert die Gegenwart sehr an die damalige Zeit. Wenn wir die Texte von Horváth lesen, kommt uns vieles bekannt vor: Leute, die nicht mehr leben können von ihrer Arbeit; die Verrohung der Sprache zwischen den Menschen. Das ist traurig. Andererseits kann jemand wie Horváth für uns Autoren oder Kabarettisten dadurch eine große Inspiration sein.

Die Jury des Preises urteilt, Sie nähern sich wie Horváth den Figuren mit großem Mitgefühl, führen Sie nicht vor, sondern lassen Sie ihre Würde bewahren – etwas, das heute in der Gesellschaft vielfach abhanden gekommen ist, in der man Würde, wie Donald Trump, mit Füßen tritt. Wie sehr arbeitet das in Ihnen als Kabarettist?

Ich bin gerade dabei, ein neues Programm zu schreiben, das sind also hochaktuelle Überlegungen für mich. Welche Instrumente soll ich diesmal verwenden? Wie reagiert man als Kabarettist auf diese seltsame Zeit, in der viele Gewissheiten abhanden kommen? Swift verwendet da einen sehr drastischen schwarzen Humor, Horváth seziert manche seine Figuren wie ein Insektenforscher, hat aber mit den Opfern Mitgefühl. Und meistens sind das die Frauen, die unter die Räder kommen. Das ist ja heute auch nicht anders. Horváth schafft sogar manchmal inmitten der Hoffnungslosigkeit eine positive Insel. Ich habe jetzt den „Ewigen Spießer“ wieder gelesen, da traut er sich wirklich, mit Hoffnung aufzuhören. Das finde ich ungeheuer mutig. Es geht vielleicht darum, dass man in einer bösen Zeit nicht wurschtig, nicht zynisch wird. Dass man nicht resigniert. Dass man immer noch die Kraft zur Empörung hat und grausliche Dinge nicht hinnimmt, auch wenn sie noch so oft passieren.

Noch etwas haben Sie mit Horváth gemein: Sie beackern als Kabarettist nicht wie Kollegen die Mächtigen der Welt, sondern widmen sich den normalen Menschen mit ihren Schwächen. Was interessiert Sie so am Normalen?

Ich glaube, das ist etwas, das nicht nur, aber auch mit Horváth zu tun hat. Als Jugendlicher auf dem Bauernhof habe ich die Schwarzweiß-Fassung von „Geschichten aus dem Wienerwald“ gesehen mit Moser und Qualtinger. Mich hat ungeheuer beeindruckt, wie diese Figuren sind. Wie sie einerseits ihre Phrasen spazieren tragen, eigentlich gar nicht wirklich miteinander reden – und sich gleichzeitig so viel Gewalt antun. Mich hat diese Sprache angezogen, die die Menschen nur dazu verwenden, dass sie nicht zueinander kommen. Das hatte nicht nur auf mich einen Einfluss, sondern auch auf vieles andere danach, was für Theater und Kabarett geschrieben wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein „Herr Karl“ von Qualtinger möglich wäre ohne die Sprache von Horváth. Ohne diesen Bildungsjargon, bei dem die Leute so unheimlich gescheit daherreden und du dadurch so viel über ihre Dummheit erfährst. Das ist, glaube ich, eine der großen Erfindungen von Horváth.

Sie wollten zunächst Lehrer werden, wobei Sie mit Ihren eigenen Lehrern zeitweise auf Kriegsfuß standen. Die haben wegen wiederholten Lügens Briefe an Ihre Eltern geschrieben. Ihre Großmutter hat dann die Unterschrift gefälscht. Wie um Himmels Willen haben Sie die Oma dazu gebracht?

Die Erziehungsberechtigten einer Großfamilie auf dem Bauernhof sind anders gewichtet. Da ist es oft so, dass sich die Großeltern mehr mit den Kindern beschäftigen als die Eltern, weil die so viel arbeiten müssen. Deshalb war die Großmutter zu der Zeit die vertrauteste und nächste Person. Ich hab schon gelogen in der Schule, aber teilweise möchte ich es auch mit einer gewissen künstlerischen Freiheit umschreiben, wo ich die Realität ein bisserl anders gesehen habe als die Lehrer.

Am Freitag kommen Sie nach Murnau. Wenn Sie Murnau hören: An was denken Sie zuerst?

An Horváth, ich kann nichts anderes sagen, auch weil ich Murnau nicht so gut kenne. Aber auch, weil ich recht bald wissen wollte: Wo hat der Kerl diese Sprache her? Und daher hab ich mich mit seiner Biografie beschäftigt. Aus dem grandiosen Kulturgemisch, das Ödön von Horváth von Kindheit an erlebt hat, hat sich ein bestimmter Kunst-Dialekt herauskristallisiert. Und als niederösterreichischer Bauernbub hab ich schnell gehört, dass in „Geschichten aus dem Wienerwald“, das angeblich in der Wachau spielt, ganz viel anderes enthalten ist in der Sprache. Auch etwas Bayerisches, vom Klang her.

Bleiben Sie länger in Murnau?

Ich bin leider mitten in der Tour. Mein Techniker und ich – wir fahren immer gemeinsam im Bus – kommen von Fürth und brechen am nächsten Tag nach Berlin auf. Das ist ein schönes Fenster in der Tour, auf das man sich sehr freut, weil ganz was anderes passiert. Und weil ich meinen Lieblingskollegen Georg Schramm treffe, der etwas machen wird. Ich hab ihn ausdrücklich gebeten, mich nicht zu loben, sondern lieber etwas im Geiste Horváths zu machen. Georg Schramm hat, vielleicht mehr als ich, dieses Horváthsche Mitgefühl mit seinen Figuren.

Sie haben sich Schramm als Laudator gewünscht...

Er ist der von mir am meisten geschätzte Kollege im Kabarett. Wir haben uns früh kennengelernt, haben in Wien sogar einen gemeinsamen Auftritt hingelegt in den 90ern. Wir können uns nicht so oft treffen, weil wir an den entgegengesetzten Ecken des deutschen Sprachraums leben. Aber immer, wenn der eine in die Gegend des anderen kommt, besuchen wir uns. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen.

Sie nehmen aus Murnau den Horváth-Preis mit. Wo wird er künftig stehen?

Wo die alten Kabarett-Preise stehen, kann er nicht hinkommen, denn die stehen auf der Toilette (lacht). Der Eure, der Horváth, der kommt zum Dieter Hildebrandt.


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