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Präsentieren das Buch: Martin Lohmann und Dr. Marion Hruschka.

Der verdammte Stacheldraht

Murnauer Lehrer verfasst Buch über Murnauer Offiziersgefangenenlager

Martin Lohmann hat eine Forschungslücke geschlossen. Der 45-jährige Studiendirektor hat die erste umfassende Darstellung des Murnauer Offiziersgefangenenlagers Oflag VII A in deutscher Sprache veröffentlicht.

Murnau – Die Langeweile, sie war „das größte Problem“ der polnischen Offiziere im Murnauer Kriegsgefangenenlager Oflag VII A, das von 1939 bis 1945 bestand. Das machte Studiendirektor Martin Lohmann deutlich, als er jetzt im Staffelsee-Gymnasium, wo er unterrichtet, sein neues Buch „Alpenblick hinter Stacheldraht“ vorgestellt hat. Über Jahre eingesperrt zu sein – zweifellos eine immense Belastung für die Psyche. „Viele Polen haben diesen Stacheldraht verdammt.“ Es machte sogar der Begriff „Stacheldrahtkrankheit“ die Runde.

Appell im Lager: Die Aufnahme entstand etwa 1940. Im Hintergrund ist das Tor zu sehen.

Im Lager herrschte auch eine „furchtbare Enge“, betonte Lohmann. Um sich die Zeit zu vertreiben, gingen die Insassen auf dem Lagergelände umher, lasen Zeitung und schrieben Briefe. Daneben gab es einige Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung: Kurse, Theater, Sportwettkämpfe und Musik, um nur ein paar zu nennen. Auch Pferderennen sind überliefert. Die Kapelle war stets offen. Lohmann fand auch Kurioses heraus. „Ein Leutnant hielt im Keller Treffen ab, um dort die Zukunft vorherzusehen. Auch Nostradamus’ Prophezeiungen wurden genauestens berechnet und so interpretiert, dass der Zeitpunkt des Umsturzes unmittelbar bevorstehen musste.“

Das Lager, das sich auf dem Areal der heutigen Werdenfelser Kaserne befand, hatte einige Besonderheiten. So war es das Offizierslager mit den ranghöchsten Offizieren. Das Internationale Rote Kreuz registrierte 1942 bei einer Visite 30 Generale. Darunter waren Juliusz Rómmel, Józef Unrug und Tadeusz Piskor. Auch der jüdische Brigadegeneral Bernard Mond war in Murnau eingesperrt. „Unter den polnischen Offizieren im Oflag VII A befanden sich 100 bis 200 jüdische Kriegsgefangene“, schreibt Lohmann. Einige wurden auf dem Dachboden des B-Blocks einquartiert. Beim Appell mussten die Juden im Abstand von einigen Schritten neben den anderen Offizieren stehen. Sie „konnten sich danach aber frei bewegen und am normalen Lagerleben teilnehmen. Dies schloss Vorlesungen, die Lagerarbeit und das gesellschaftliche Leben ein“. Für die jüdischen Offiziere sei das Oflag „eine Insel“ gewesen, betonte Lohmann bei der Buchvorstellung in der Horváth-Aula. Außerhalb des Lagers „wären sie im KZ gelandet, hätten sich zu Tode arbeiten müssen und wären vergast worden“.

4000 Dokumente in seiner Sammlung

Lohmann hat einen Kraftakt hinter sich: In mehrjähriger Arbeit hat der 45-Jährige viele neue Fakten und Bilder zusammengetragen und damit eine Forschungslücke geschlossen. Denn umfassende Veröffentlichungen zum Oflag VII A gab es bis dato in Deutschland nicht. Auch „in den polnischen Publikationen haben deutsche Quellen bislang nur in geringem Maße Eingang gefunden“. Lohmann hat sehr viel Material zugeschickt bekommen. 4000 Dokumente verwahrt er heute in seiner Sammlung. Fehlerhafte Annahmen korrigiert der Autor. Den oftmals kolportieren Liquidierungsbefehl am Kriegsende gab es seinen Recherchen nach nicht. Eine Mordabsicht hätte zwar in Himmlers Weltbild gepasst. Doch einen solchen Befehl hält Lohmann „für sehr unwahrscheinlich“; Belege für eine derartige Order fand er nämlich nicht.

Die Befreiung des Lagers durch die Amerikaner datiert auf den 29. April 1945. Der Lagerfotograf machte von dem Showdown, zu dem Lohmann neue Details ausgegraben hat, Aufnahmen. Sein Buch, das im Allitera Verlag erschien, fungiert auch als Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau 2014/2015. Das Oflag sei bei den Anfragen im Marktarchiv der „Spitzenreiter“ in den vergangenen 26 Jahren gewesen, erklärte dessen Leiterin Dr. Marion Hruschka, die auch dem Historischen Verein vorsitzt. Vizelandrat Dr. Michael Rapp (CSU), der am Staffelsee-Gymnasium unterrichtet, schlug einen Bogen zur heutigen Zeit. Man dürfe „nicht zulassen, dass andere der Würde und Freiheit beraubt werden“. Lohmanns Werk, das in einer Auflage von 1000 Exemplaren herauskam und in Murnau in der Buchhandlung Gattner erhältlich ist, sei „ein Stück Erinnerung, aber auch ein Beitrag zum gegenseitigen Verstehen“.

Das Buch:

Martin Lohmann, Alpenblick hinter Stacheldraht, Das polnische Offiziersgefangenenlager VII A in Murnau 1939-1945, Allitera Verlag, München 2017, 400 Seiten, 29,90 Euro.

Roland Lory

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