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Aus und vorbei: Herbert Stoess (l.) und sein Sohn Max vor dem Minilabor im Ladengeschäft am Obermarkt 1, das am 28. Februar schließt.

Digitalisierung gab Fotolabor den Todesstoß

Foto Stoess schließt: Die Geschichte eines Traditionsgeschäfts

Wieder ein Stück Murnauer Tradition weniger. Foto Stoess am Obermarkt schließt für immer. Dabei hat das Geschäft eine lange Geschichte. Der erste Mietvertrag im Hotel Post stammt aus dem Jahr 1953.

Murnau – Jeder Murnauer kennt das Fachgeschäft Foto Stoess im Parterre des Hotels Post am Obermarkt. Dass der Laden am 28. Februar seine Pforten schließt, sprach sich im Ort wie ein Lauffeuer herum, zumal es sich dabei um einen der ältesten Familienbetriebe in der Marktgemeinde handelt.

Ödön von Horvath (rechts unten) schreibt diese Widmung für Max Stoess senior.

Herbert Stoess (78), der das Geschäft 47 Jahre lang führte, erinnert sich: „Mein Großvater Julius war königlicher Hoffotograf in Stuttgart. 1923 kam sein Sohn Max, also mein Vater, nach Murnau und begann in der Villa Waldfried am Südufer des Staffelsees einen Handel mit Postkarten.“ Bald darauf hat sich Max Stoess mit einem kleinen Laden beim damaligen Hotel „Zur schönen Aussicht“ an der Bahnhofstraße niedergelassen, das zu jener Zeit seiner Großmutter gehörte. Mit dem Schriftsteller Ödön von Horváth (1901 bis 1938), der mit seiner Familie nur einen Steinwurf entfernt davon lebte, pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis, wie eine Widmung des Autors in einer Erstausgabe seines Werks „Der ewige Spießer“ für Max Stoess beweist.

Anfang der 1950er zog der Fotograf mit seinem Geschäft in den Obermarkt 3 (heute Cafeteria Astolfi), am 14. Oktober 1953 unterschrieb er einen Mietvertrag für die Räume im Parterre des Hotels Post am Obermarkt 1 nebenan. Max Stoess senior starb bereits 1960, und Sohn Herbert musste im Alter von nur 22 Lenzen den Betrieb übernehmen. Das nötige Rüstzeug hatte er in Augsburg, Heidelberg und Köln erworben. „Anfangs habe ich noch mit Glasplatten fotografiert“, erzählt er. „Die Chemie holte ich mir aus der Apotheke, weil es nichts anderes gab.“ In erster Linie fertigte er zu jener Zeit Passbilder an und entwickelte Schwarzweiß-Filme. Zudem vertrieb er Kameras und eine breite Palette an Zubehör.

„Bereits zu Vaters Zeiten haben wir zu Hause in einem Labor die ersten Farbbilder produziert“, betont Stoess. Überhaupt sei es stets sein Anliegen gewesen, der Zeit einen Schritt voraus zu sein: „Wir waren die ersten im Umkreis, die in den 1980ern ein ‚Mini-Lab’ im Geschäft stehen hatten, um Filme unserer Kunden binnen kürzester Zeit entwickeln zu können und Abzüge zu liefern.“ Meist galt es jeweils montags, zwischen 30 und 40 Filme zu bearbeiten, nach dem Ende der Schulferien manchmal über 100.

Nostalgie pur: Max Stoess senior in den 1950er Jahren in seinem Fotofachgeschäft im Hotel Post.

Mit dem Aufkommen der Digitalfotografie und der Verbreitung von Handys und Smartphones einige Jahre später änderte sich dies jedoch auf dramatische Weise. Heute sind es oft nur mehr fünf Filme pro Woche. „Das war natürlich der Todesstoß für unser Fotolabor“, sagt Stoess’ Sohn Max junior (40), der 2007 übernommen hatte. Letztlich war dies der Hauptgrund, dass er sich dazu durchrang, das Traditionsgeschäft zu schließen. Nunmehr will er sich ganz auf den Postkartenverlag seines Großvaters konzentrieren, den er bereits vor einigen Jahren wieder zum Leben erweckte: „Gegenwärtig suche ich nach Partner, die meine Karten verkaufen.“

Bliebe zu bemerken, dass von Herbert Stoess 1991 gegründete Ladengeschäft in der Bahnhofstraße, das seit dem 1. Januar von Michael Stotter als Inhaber geführt wird, bestehen bleibt. Das Fotofachgeschäft von Angela und Lutz Stoess in der Schloßbergstraße ist von der Schließung nicht berührt. 

Heino Herpen

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