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Rote Karte für Autos: Rund 100 Radler beteiligen sich an der Demo in Murnau, darunter Bürgermeister Rolf Beuting (v.r.). 

Kampf gegen das Verkehrschaos 

Murnauer radeln bei Demo gegen Verkehrskollaps

Wie in vielen anderen Gemeinden am Alpenrand haben sich nun Radfahrer auch in Murnau formiert, um den Verkehr wenigsten für ein paar Stunden auszubremsen - und um damit auf die mittlerweile teils unerträgliche Situation hinzuweisen.   

Murnau – Die fast zornig skandierten Parolen waren weithin zu hören: „Leute, lasst das Auto stehn, wir haben Füße, um zu gehn“ war am Samstagvormittag auf der Murnauer Resch- und Seehauserstraße etwa zu hören. Über 100 Radler waren unter dem Motto „Ausbremst is!“ zu der angekündigten Demonstration gekommen, um für eine Verkehrswende im Oberland mit eindeutiger Bevorzugung der Bahn gegenüber dem Autoverkehr sowie für ein Radwegekonzept in Murnau zu werben. Die Veranstalter hatten eigentlich bis zu 400 Teilnehmer erwartet. Wie auch bei ähnlichen Aktionen in Grainau, Wallgau und Kochel in den vergangenen Wochen standen alle Autos in diesem Bereich still. Laut Polizei gab es keine besonderen Vorfälle. Eine weitere „Ausbremst is!“-Aktion ist in Garmisch-Partenkirchen geplant.

Nachdem sich in Murnau der Demonstrationszug auf der von der Polizei abgesperrten Trasse von Volksfestplatz zum Bahnhof und zurück bewegt hatte, forderte der Seehauser Landtagsabgeordnete Andreas Krahl (Bündnis 90/Grüne) bei der abschließenden Kundgebung mit Nachdruck den zweigleisigen Ausbau der Werdenfelsbahn nebst Halbstundentakt. „Dass die Leute aus München zu uns kommen, ist nicht das Problem. Sondern wie sie zu uns kommen“, rief er den applaudierenden Teilnehmern zu. „Die in der Blechlawine drinstecken, denen stinkt das genauso wie allen anderen.“

Im gleichen Sinne äußerte sich Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum). „Es kann nicht sein, dass der Verkehr zu uns aus der immer größeren Landeshauptstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln abgewickelt wird, die aus des Kaisers Zeiten stammen“, empörte er sich. Und weiter: „Solange keine attraktiven Alternativen bei Bus, Bahn und Rad zur Verfügung stehen, wird sich an den Chaostagen auf unseren Straßen des Oberlandes nichts ändern.“

In einem Pressegespräch erläuterten die Organisatoren, Petra Daisenberger, Sprecherin der Grünen im Murnauer Ortsverband, und der Riegseer Thomas Wagner, stellvertretender Kreisvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), ihren Standpunkt. Dass die Fußgängerunterführung, die im Juli 2019 in Riedhausen unter der Werdenfelsbahn eingeschoben wurde, nur für einen eingleisigen Zugbetrieb ausgelegt ist, ärgerte Daisenberger besonders. „Seit über 30 Jahren besteht die Forderung nach einem zweigleisigen Ausbau mit einem Halbstundentakt. Es ist schlichtweg eine Unverschämtheit, wenn der Wille der Menschen derart ignoriert wird.“ Und Wagner ergänzte: „Das Problem ist, dass die Bahn 1994 in viele unterschiedliche Unternehmen aufgeteilt wurde. Es ist ein Unding, eine Firma wie die DB Netz zu betreiben, die daran interessiert ist, möglichst viele Strecken abzubauen.“ Die Bahn dürfe nicht mehr ein Experiment für Sparpolitik sein, sondern müsse in Zukunft als das betrachtet werden, was sie sei – „systemrelevant für die Verkehrswende“.

Ein anderes Problem griff Wolfgang Riedinger (67) vom „Arbeitskreis Verkehr“ der Grünen in der Marktgemeinde, auf: „Wer einen Adrenalinschub sucht, sollte mal mit dem Rad auf der Kohlgruber Straße von der Pizzeria in Richtung Ortszentrum fahren“, empfahl er mit beißender Ironie. Der 14-jährige Jonathan Süßenbach von „Fridays for Future“ empfahl, die Fahrtrouten des neuen Murnauer Ortsbusses auf die umliegenden Dörfer zu erweitern und den Service bis 24 Uhr anzubieten.

Mitorganisatorin Christine Wendler aus Garmisch-Partenkirchen beklagte, dass sie wegen der Blechmassen selber nicht mehr an den Eibsee käme. Und Sabine Wolfslast (62) aus Kochel, die eine überzeugte Radlerin ist, stellte eine stetige Zunahme des Autoverkehrs und folglich eine steigende Gefährdung der Radler fest. Ihr Kommentar: „Autofahren ist eigentlich Krieg.“

Heino Herpen 

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