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Leerer Platz am Murnauer Maibaum: Das hellere Holz zeigt die Stelle, an der die Tafel hing.

Umstrittener Spruch: Murnauer Trachtler entfernen Tafel von Maibaum

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Der Trachtenverein Murnau hat nach anhaltender Kritik an seinem Maibaum-Spruch in einer Hauruck-Aktion die Tafel entfernt. „Wir knicken im Moment ein“, sagt der Erste Vorsitzende Johannes Köglmayr, „aber nicht langfristig.“ Intern soll dieser Schritt umstritten gewesen sein.

Murnau – Florian Machne trägt die Tradition im Herzen. Der Murnauer Malermeister ist Schäffler, und seit Jahrzehnten gehört er dem Trachtenverein an. Machne gestaltet und überholt unter anderem auch die Spruchtafel am Maibaum, den die Trachtler alle fünf Jahre am Untermarkt aufstellen. Er ärgert sich über die seit zwei Jahren schwelende Kritik an dem Fünfzeiler („Liebe die Heimat und deren Sitten – dann brauchst du nicht um Fremdes bitten“), an dem Machne nichts Falsches finden kann. Zuletzt platzte ihm der Kragen. In einer Hauruck-Aktion schritt er am Freitagmorgen am Maibaum zur Tat, schraubte die Tafel ab. „Damit Ruhe ist.“

Auslöser war ein im Tagblatt veröffentlichter Leserbrief von Dauer-Kritiker Joachim Lobewein. Der Seehauser führt seit 2018 einen privaten Feldzug, zu dem unter anderem drei Demonstrationen zählen, gegen den alten Maibaum-Spruch, den man „als fremdenfeindlich wahrnehmen“ könne, wie er meint. Die Trachtler weisen das von sich. Der Erste Vorsitzende Johannes Köglmayr, der „diesen braunen Stempel für unseren Traditionsverein nicht will“, verweist auf viele Stunden, die man dazu in Archiven und alten Büchern geforscht habe. Nach mündlichen Überlieferungen, sagt er, beziehe sich der Spruch auf die frühere Auswanderung von Mitgliedern nach Amerika: „Jeder, der aus Murnau weggeht, hinterlässt eine Lücke im Freundeskreis.“ Mancher bekommt die Worte von einst indes in den falschen Hals – etwa ein Urlauberpaar aus Frankfurt am Main, das sich im Herbst 2019 im Rathaus darüber beklagt hatte und Murnau „bis auf weiteres meiden will“.

Umstrittener Maibaum-Spruch: Trachtler-Chef sieht Interpretationsspielraum

Köglmayr sieht einen „Interpretationsspielraum“. Er gehört zu jenen im Trachtenverein, die möchten, dass das Schild – ein früheres Exemplar ist vor Jahren gestohlen worden – bleibt, die aber am Maibaum den Hintergrund des Spruchs erläutert sehen wollen. Deshalb auch die Nachforschungen, die nicht abgeschlossen sind. In der Gemeinde-Verwaltung erkennt man ebenfalls einen gewissen Handlungsbedarf. Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) habe dem Trachtenverein 2019 empfohlen, zumindest eine Jahreszahl anzubringen, um eine historische Einordnung zu ermöglichen, heißt es aus dem Rathaus. Der Gemeinde sei daran gelegen, dass keine Fehlinterpretation möglich ist.

Machne hat nach vereinsinternen Gesprächen – vorerst – Tatsachen geschaffen. „Wir haben kurzfristig reagiert, das Schild wurde in einer Hals-über-Kopf-Aktion abgenommen“, sagt Köglmayr – auch wenn bei den Trachtlern große Einigkeit darüber herrsche, dass auf der Tafel „nichts Unrechtes“ stehe. „Wir wollen den Wind aus den Segeln nehmen.“ Der Vereins-Vorsitzende wich damit von seiner Überzeugung – der Spruch soll bleiben und beizeiten erklärt werden – ab und schwenkte auf die Linie derer ein, die erst mal einen Schlussstrich ziehen wollten. „Uns reicht es, dass für so etwas immer Zeit vergeudet wird“, sagt etwa der Zweite Vorsitzende Christoph Lautner, der wie Köglmayr Lobewein unter anderem dafür kritisiert, dass dieser nie das Gespräch mit den Trachtlern gesucht habe. Man habe mehrmals im Vereins-Ausschuss über das Thema diskutiert, die Meinungen darüber, was zu tun sei, gingen auseinander, sagt der Vize. Nun galt: „Der Klügere gibt nach“ – so formuliert es Lautner. Lobewein dagegen wertet die Entfernung der Tafel als „Bestätigung meiner Beharrlichkeit“. Er sei „jederzeit zum Dialog bereit“.

Köglmayr meint, vielleicht besitze Lobewein den Anstand, das Gespräch zu suchen und seine Probleme darzulegen. Man sei „für jede sachliche Diskussion offen“.

Murnauer Maibaum soll nicht auf Dauer ohne obligatorische Tafel bleiben

Auf Dauer soll der Murnauer Maibaum nicht ohne obligatorische Tafel bleiben. 2023 wird am Untermarkt ein neuer Stamm in die Vertikale gehievt, „vielleicht ist die Forschung bis dahin abgeschlossen“, sagt der Vorsitzende. Oder es findet sich vorher eine andere Spruch-reife Lösung. Aktuell wirkt Köglmayr, der wie andere ehrenamtlich viel Zeit und Herzblut in den Verein investiert, in dieser Sache genervt, zermürbt. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack: „Im Endeffekt knicken wir jetzt ein“, sagt er – wenn auch nicht langfristig. Vereinsintern ist die Entscheidung wohl umstritten. Der Ausschuss werde zwar Verständnis zeigen, aber den Schritt „bestimmt nicht“ komplett mittragen. Und er selbst, meint Köglmayr, könne hier „nur verlieren“.

Auch wenn die Tafel aktuell nicht mehr am Maibaum hängt – der Spruch bleibt, bestens sichtbar für die Öffentlichkeit: nur einen guten Steinwurf entfernt im Garten von Florian Machne an der Garmischer Straße. Er hat schon seit längerem ein ausgedientes Schild mit dem Fünfzeiler am Fahnenmast montiert – und damit seinen eigenen Mini-Maibaum geschaffen. Auf Privatgrund.

Lesen Sie dazu auch: Maibaum-Spruch gerät erneut in die Kritik

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