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Lorenz Sonderer war einst Direktor desVerkehrsamts. 

Nationalsozialismus 

Murnauer Zeitgeschichte: Schwerer Verdacht gegen Sonderer

War der Murnauer mehrfach ausgezeichnete Verkehrsamtsdirektor Lorenz Sonderer an einem Kriegsverbrechen beteiligt? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Forschung.  

Murnau– Der 20. Dezember 1959 war ein besonderer Tag im Leben von Lorenz Sonderer. Bürgermeister Wilhelm Simet verlieh dem Murnauer Verkehrsamtsdirektor die Bürgermedaille. Zwei Jahre später bekam der 60-Jährige das Bundesverdienstkreuz. Neueste Forschungen werfen hingegen kein gutes Licht auf den Lehrer. Demnach war Sonderer 1945 einer der mutmaßlichen Haupttäter eines NS-Gewaltverbrechens in Niederösterreich.

Wie der Wiener Politikwissenschaftler Konstantin Ferihumer in einem Aufsatz darlegt, verübten am 6. April 1945 Angehörige der Wehrmacht, der SS, des lokalen Volkssturms und der Justizwache im Zuchthaus Stein das größte Massaker an Gefängnisinsassen auf dem Gebiet der damaligen Alpen- und Donau-Reichsgaue. Bei der Massenerschießung starben allein 200 Häftlinge. „Einer der mutmaßlichen Hauptakteure“ sei der „ortsfremde Oberleutnant Lorenz Sonderer“ gewesen. Dies kam jetzt sieben Jahrzehnte nach dem Geschehen heraus.

1946 fand vor dem Wiener Volksgericht ein Prozess wegen des Massakers statt, bei dem Todesurteile gefällt wurden. Doch Sonderer war nicht auffindbar. Daher wurde das gegen ihn eingeleitete Ermittlungsverfahren eingestellt. „Eine Wiederaufnahme zu einem späteren Zeitpunkt wurde von den Wiener Ermittlungsbehörden nie mehr angestrebt“, schreibt Ferihumer.

Sonderer hielt sich 1946 in Bayern auf, er war im Lager Moosburg bei München inhaftiert. Am 27. August wurde er freigelassen. Im Rahmen der Entnazifizierung schaffte er es, dass er schließlich als Mitläufer eingestuft wurde.

Sonderer kam 1901 in Murnau zur Welt. Als junger Mann besuchte er die Lehrerbildungsanstalt Pasing. 1930 bekam er eine Stelle als Volksschullehrer in Sindelsdorf. Politisch war er völkisch orientiert. 1922 trat er dem Bund Oberland bei, 1923 nahm er am Hitlerputsch teil. NSDAP-Mitglied wurde er 1929, zwei Jahre später wandte er sich von der Nazi-Partei ab, um ihr 1933 wieder beizutreten. Bei der SA war er auch.

Sonderer machte jedoch vor allem als Funktionär der Hitlerjugend (HJ) von sich reden. Denn er war an der Organisation der Hochlandlager beteiligt. Danach kletterte er die Karriereleiter nach oben. 1941/1942 war er Jugendoberamtmann der Stadt München, Oberbannführer und Standortführer der HJ sowie Sonderbeauftragter des Stabes für das Gebiet Hochland.

1942 wurde Sonderer zur Wehrmacht einberufen. Der Murnauer gehörte dem Gebirgsjäger-Regiment 98 an, das 1943 in Griechenland Massaker an der Zivilbevölkerung anrichtete. Zudem erschossen Angehörige des Regiments auf der Insel Kefalonia mehrere Tausend italienische Soldaten, die sich bereits ergeben hatten. Ob Sonderer persönlich an diesen Massakern beteiligt war, ist unklar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Blutordensträger jedenfalls Verkehrsamtsleiter in Murnau. Der Marktgemeinderat ernannte ihn 1955 dazu. Später bekam er noch den Ehrentitel Verkehrsdirektor verliehen. Das Weilheimer Tagblatt bezeichnete Sonderer 1961 anlässlich dessen 60. Geburtstages als „Motor des Murnauer Fremdenverkehrs“. Wenig später starb er.

Ferihumer veröffentlichte seine Recherchen in einer Festschrift für den Historiker Winfried R. Garscha. Herausgeber sind Claudia Kuretsidis-Haider und Christine Schindler, und zwar im Auftrag des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) und der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz.

Es ergeben sich spannende Fragen: Wird sich der Markt Murnau vom Bürgermedaillen-Träger Sonderer distanzieren? Kommen neben den Ehrenbürgern auch die mit der Bürgermedaille ausgezeichneten Personen auf den Prüfstand? Sind der Kommune Ferihumers Forschungen bekannt? Wenn ja, wie schätzt sie der Markt Murnau ein? Antworten sind hierauf nicht zu bekommen. Die Verantwortlichen im Rathaus gehen auf Tauchstation: „Zu diesem Zeitpunkt nimmt die Verwaltung keine Stellung zu diesem Thema“, teilt Wirtschaftsförderer Jan-Ulrich Bittlinger im Namen der Gemeinde mit. Er verweist auf „unsere letzte Stellungnahme, in der wir eine ganzheitliche, wissenschaftlich fundierte Behandlung des Themas verfolgen“.

Gemeinderätin Veronika Jones (Bündnis 90/Die Grünen) hofft, „dass wir zügig vorankommen. Das Thema sollte nicht verschleppt werden, und es sollte nicht alles hinter verschlossenen Türen stattfinden“. Allerdings sei eine „sensible Vorarbeit“ angebracht. Man müsse einfach mal Kriterien festlegen, findet Jones. Kriterien, nach denen die Gemeinde sich von einem Ehrenbürger distanziert.

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