Murnauer Gemeinderat behandelt Antrag

Soll sich Markt von Dingler und Sonderer distanzieren?

Murnaus Gemeinderat beschäftigt sich Ende September mit einem heiklen Thema: Es geht um die Frage, ob sich der Markt von Max Dingler und Lorenz Sonderer distanzieren soll. Hintergrund ist deren NS-Vergangenheit.

Murnau – Der Marktgemeinderat Murnau tritt am 28. September nach der Sommerpause wieder zusammen. Dann wird er sich womöglich in öffentlicher Sitzung mit der Distanzierung von Max Dingler und Lorenz Sonderer beschäftigen. Die Verwaltung habe dies so vorgesehen, sagt Josef Neuner, Geschäftsleiter im Rathaus. Ob beide Themen tatsächlich an diesem Tag behandelt werden, entscheide Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum).

Die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und dem ÖDP/Bürgerforums hatten im Mai einen Vorstoß unternommen, damit der Mundartdichter und Hitlerputsch-Teilnehmer Max Dingler von der Liste der Ehrenbürger gestrichen wird. Dies sei „längst überfällig“. Anfang August empfahl dann der Arbeitskreis „Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau“ (AK), dem ehemaligen Verkehrsamtsdirektor Lorenz Sonderer die Bürgermedaille abzuerkennen. Und zwar wegen seiner Beteiligung an einer Massenhinrichtung im niederösterreichischen Zuchthaus Stein im April 1945.

Der Wiener Politikwissenschaftler Konstantin Ferihumer (32) bezeichnete Sonderer in einer neuen Forschungsarbeit als „mutmaßlichen Hauptakteur“. Der Begriff „mutmaßlich“ rühre „nicht von Zweifeln an den Ergebnissen meiner eigenen Forschung, sondern nimmt Bezug darauf, dass er niemals für die Beteiligung an den Steiner Massenerschießungen rechtskräftig verurteilt wurde“, stellt Ferihumer klar.

Seine Einschätzung der Causa Sonderer fußt auf der „recht eindeutigen Passage des Urteils des Wiener Volksgerichtsverfahrens beziehungsweise“ auf Aussagen und Dokumenten, die im Zuge des Beweisverfahrens zu Tage gefördert wurden. In der umfangreichen Urteilsschrift des 1946 geführten Prozesses wird zu Sonderer, der damals nicht auffindbar war, resümiert: „Es ist nun durchaus glaubhaft, dass Oberleutnant Sonderer dort eine führende Rolle bei der Durchführung ,der Aktion’ gespielt hat.“ Damit ist die Massenerschießung gemeint, bei der allein 200 Häftlinge starben. Nach Ferihumers Ansicht ist daher davon auszugehen, dass Sonderer während dieser Hinrichtungen im Zuchthaus Stein anwesend war. „Zudem bestätigt diese sehr eindeutige Einschätzung des Volksgerichtes nicht nur die Teilnahme Sonderers an den Massenerschießungen, sondern spricht ihm eine führende Rolle als glaubhaft zu – und dies nach einer umfangreichen und durchaus kritischen Prüfung der Aussagen wie Dokumente zu Sonderer und dessen Handlungen vor Ort.“

Freilich: Wie bei jeder wissenschaftlichen Forschung, könne er leider nicht mit hunderprozentigen Antworten dienen, da immer Restunsicherheiten blieben. „Im Fall Sonderer sind diese aber, meines Erachtens nach, aufgrund des umfangreichen Aktenmaterials des Wiener Volksgerichtsverfahrens, als verschwindend gering zu bezeichnen.“

Ferihumer gibt ferner zu bedenken, dass ein letztgültiges Urteil über Sonderers Tatbeteiligung, über Schuld beziehungsweise Unschuld zu seinen Lebzeiten ein Gericht hätte sprechen müssen. „Da dies nicht passierte, wurde seine Geschichte zum Gegenstand der Forschung und muss unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Parametern in einer öffentlichen Diskussion verhandelt werden – wie dies erfreulicherweise zur Zeit in Murnau passiert.“ Dies sei nicht misszuverstehen, als das in der gegenwärtigen Diskussion über Schuld oder Unschuld verhandelt würde. „Ziel ist es vielmehr, einen gesellschaftlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit zu finden, der unserer Verantwortung gegenüber den unzähligen Opfern des NS-Regimes gerecht wird.“

Die Vergangenheit Sonderers sei im Übrigen ja nicht nur auf seine Anwesenheit in Stein zu reduzieren, sondern müsse auch auf seine Karriere etwa als Lehrer, in der Hitlerjugend oder im Münchner Jugendamt in der NS-Zeit erweitert werden, ganz zu Schweigen von der Rolle, welche seine Wehrmachtseinheit etwa am Balkan spielte.

Ferihumer sieht seine Rolle als Wissenschaftler darin, diese Informationen für die Öffentlichkeit zugänglich und einschätzbar zu machen, „um im Idealfall zu einer konstruktiven vergangenheitspolitischen Diskussion beizutragen“.

Im Rahmen des Wiener Prozesses 1946 gingen manche Beteiligte übrigens davon aus, dass es Sonderer gar nicht gibt, dass es sich bei ihm lediglich um eine Entlastungsfigur der Angeklagten handelte. In den zur Hauptverhandlung erscheinenden Zeitungsberichten sei dementsprechend anfänglich noch vom „Phantom Sonderer“ die Rede gewesen, erzählt Ferihumer. Verschiedene sich deckende Zeugenaussagen sowie Schriftstücke des Murnauers aus der Zeit seines Aufenthaltes in Krems an der Donau hätten jedoch seine Anwesenheit vor Ort belegt. Insgesamt wurden in diesem Riesenprozess mehr als 130 Zeugen vernommen und ausfindig gemacht – und das im Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Roland Lory

Rubriklistenbild: © dpa

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