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Seit 2014 im Amt: Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting.

Murnaus Bürgermeister im Interview

Beuting hat zweite Amtszeit im Visier

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Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) ist gut gelaunt – und wirkt erholt. Der 50-jährige Chef der rund 220 Gemeinde-Mitarbeiter hat einen geruhsamen Weihnachtsurlaub mit seiner Frau und den drei Kindern hinter sich. Die frische Energie wird der ÖDP-Mann 2018 brauchen: Denn im Markt stehen schwierige Entscheidungen wie der mögliche Schwimmbad-Bau an. Und erste Vorboten der Kommunalwahl 2020 sind nicht zu übersehen. Im Tagblatt-Gespräch zum Jahresbeginn spricht Beuting unter anderem über Großprojekte und seinen Gegenspieler von der CSU, Dr. Michael Rapp.

Murnau – Gemeinde-Schwimmbäder gelten als reine Draufzahlgeschäfte. Trotzdem wird in Murnau ernsthaft über den Bau einer solchen Sportstätte nachgedacht. Hat die Marktgemeinde zu viel Geld?

Nein, aber das ist eine Frage des Respekts denjenigen gegenüber, die das angestoßen haben. Das sind die Kinder- und Jugendvertretung und der Förderverein, die sich dafür einsetzen und viel Energie reinstecken. Für mich gehört es sich, dass man ordentlich mit einem solchen Antrag umgeht. Das machen wir gerade. Wir kümmern uns erstens um die Kostenerhebung und um ein bauliches Konzept. Das haben wir gemacht. Und jetzt sind wir bei Schritt zwei: Wir klären die Finanzierung. Schritt drei ist dann die Entscheidung.

Laut einer Studie, die die Gemeinde in Auftrag gegeben hat, würde ein Sporthallenbad jedes Jahr ein Defizit von rund 570 000 bis 707 000 Euro verursachen. Das wäre ungefähr wie ein zweites Schloßmuseum. Könnte sich das Murnau – auch mit Zuschüssen – überhaupt leisten?

Das kommt auf die Höhe der Zuschüsse an. Die Kinder- und Jugendvertretung sowie der Förderverein fordern ein Schulschwimmbad. Da ist es berechtigt, dass man den Landkreis bittet, sich an den Kosten zu beteiligen, zumal der Landkreis für zwei Drittel der Schüler zuständig ist.

Jetzt mal Klartext: In welcher Höhe bräuchten Sie Zuschüsse, damit das Ganze machbar wäre?

Das ist Teil der Verhandlungen mit dem Landkreis.

Die Kreisverwaltung denkt nicht daran, dass sich der Kreis an den jährlichen Betriebs- und Unterhaltskosten beteiligt. Im Gespräch sind ein einmaliger Investitionskostenzuschuss in Höhe von rund 2,6 Millionen Euro und Eintrittsgelder. Würde das reichen?

Das glaube ich nicht. Das haben wir auch gesagt, als ich vom Gemeinderat den Auftrag bekommen habe, beim Landkreis nachzufragen. Neben einem Zuschuss für die Investition ist es uns wichtig, das hohe jährliche Betriebs- und Unterhaltsdefizit von 570 000 bis 707 000 Euro zu decken. Nur so kann eine verantwortungsvolle Finanzierung gelingen. Wir benötigen die anteilige Unterstützung des Landkreises.

Wie soll’s jetzt weitergehen? Die Kreispolitik fordert, dass zuerst der Murnauer Gemeinderat seine Hausaufgaben macht und den Schwimmbad-Bau beschließt. Sie hingegen wollen zuerst vom Landkreis Finanzierungszusagen. Eine verfahrene Situation.

Der Landkreis steht weiterhin in der Verantwortung, Stellung zu beziehen. Zwei Drittel aller Schulklassen, die das Bad nutzen sollen, kommen von Schulen, die dem Landkreis zuzuordnen sind. Ich habe jetzt die offizielle Rückmeldung des Landkreises erhalten. Darin erklärt er, dass er sich zuerst ein eindeutiges Votum des Marktes wünscht. Damit kann ich jetzt wieder in den Gemeinderat gehen. Ich interpretiere diese Aussage wie eine Absage. Ohne klare Finanzierung und ohne klare Aussage des Landkreises kann ich mir keinen Beschluss für ein Schulschwimmbad vorstellen.

Wann kommt das Thema auf die Tagesordnung?

Bestimmt im ersten Quartal.

Ihre Vorgehensweise in der Hallenbad-Frage wird auch vom CSU-Altbürgermeister und Vize-Landrat Dr. Michael Rapp scharf kritisiert. Enttäuscht, dass Sie Ihr Amtsvorgänger nicht unterstützt?

Ich bin vor allem überrascht. Als Fraktionsvorsitzender der CSU im Kreistag müsste er eine Meinung zu diesem Thema haben. Auch als CSU-Ortsvorsitzender, als CSU-Kreisvorsitzender, als stellvertretender Landrat und als Gymnasiallehrer ist er hier gefordert. Es zeugt von wenig Respekt gegenüber den Jugendlichen und dem Förderverein, sich seiner Verantwortung für eine Stellungnahme einfach zu entziehen.

Michael Manlik, der Sprecher Ihrer Gruppierung, dem ÖDP/Bürgerforum, vergleicht Rapps Attacke als Dolchstoß in Ihren Rücken und spricht von einem „schlechten Stil“. Die CSU wiederum bezeichnet Manliks Kritik als „armselig“ und als „Beleidigung“. Ist schon Vorwahlkampf?

Das ist eine in der Sache geführte Auseinandersetzung. Die Worte von Herrn Manlik sind zwar nicht meine, nichtsdestotrotz darf ich darauf hinweisen, dass es einen fast einstimmig beschlossenen Auftrag des Gemeinderats gibt, diese Sache mit dem Landkreis zu klären. Dem hat übrigens auch die komplette CSU-Fraktion zugestimmt und gesagt: Bevor wir nicht wissen, ob sich der Kreis an den Kosten beteiligt, können wir in Murnau keine Entscheidung fällen.

Bleiben wir bei Ihrem Amtsvorgänger. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Rapp bei der Kommunalwahl 2020 versuchen könnte, den Rathaus-Thron für die CSU zurückzuerobern. Sind Sie schon nervös?

Das ist für mich wirklich kein Grund, nervös zu werden. Jeder Wahlkampf ist spannend – und ich freue mich, mit den Kandidaten der anderen Parteien um eine Mehrheit für eine zweite Amtszeit zu kämpfen.

Heißt das, Sie treten 2020 wieder an?

Ich glaube, dass die Bürger sehen, dass mir die Arbeit für Murnau Spaß macht und das etwas weitergeht. Letztendlich ist es aber eine zeit- und situationsgebundene Entscheidung. Da spielt beispielsweise eine Rolle, ob ich und meine Familie gesund bleiben. Aus heutiger Sicht sage ich ja, aber eine finale Entscheidung treffe ich in einem Jahr.

Glauben Sie, dass Rapp seinen Hut in den Ring werfen wird?

An diesen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. Die Murnauer CSU wird bestimmt eine gute Kandidatin oder einen guten Kandidaten aufstellen.

Mal angenommen, es würde zum Duell Beuting/Rapp kommen. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Lassen Sie uns über Wahlkampf reden, wenn alle Parteien ihre Kandidaten benannt haben.

Sie befinden sich in der zweiten Hälfte Ihrer Amtsperiode. Sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?

Ja, sehr. Wir haben vieles erreicht. Der bezahlbare Wohnungsbau ist aufs Gleis gesetzt. Wir haben neue wirtschaftliche Akzente gesetzt: mit der Konversion des alten Gemeinde-Krankenhauses in ein modernes Wirtschaftszentrum und dem Verkauf der verbliebenen Gewerbeflächen im Kemmelpark an ein Forschungszentrum und eine lokale gewerbliche Baugruppe. Wir haben die Energiewende vorangetrieben. Wir haben ein Radverkehrskonzept erarbeitet, das wir in diesem Jahr umsetzen. Wir haben den Schützenplatz und den KTM-Vorplatz umgebaut, wir bauen das Rathaus um. Wir entwickeln ein Gesamtverkehrskonzept und gehen ganz damit neue Wege bei der Mobilität. Dank der hervorragenden Arbeit vieler Mitarbeiter in der Verwaltung sieht man, Murnau bewegt sich in die richtige Richtung.

Man könnte meinen, Murnau ist eine Dauerbaustelle. Überfordert das nicht den Ort?

Das bringt uns in der Tat manchmal an die Belastungsgrenze – und der Geduld der Murnauer gilt meine Anerkennung. Aber es sind ja nicht nur kommunale Bauprojekte. Zum Beispiel haben auch das Bayernwerk, die Erdgas Südbayern, die Telekom und das Staatliche Bauamt Weilheim in den letzten Jahren in Murnau viel gebaut.

Ein zentrales Thema der Ortspolitik ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Die Gemeinde plant zwei Projekte: den kommunalen Wohnungsbau am Längenfeldweg und den genossenschaftlichen Wohnungsbau auf dem Areal des ehemaligen Gemeinde-Krankenhauses. Reicht das?

Bezahlbarer Wohnungsbau muss permanentes Thema der Ortspolitik sein. Wir reden bei beiden Bauprojekten von rund 100 neuen Wohnungen. Das ist schon eine Menge. Wir haben zusätzlich das Projekt von der Wohnbau Weilheim an der Eichendorffstraße, wo es heuer im ersten Halbjahr losgeht. Und ich setze darauf, dass wir über das so genannte Murnauer Modell zur Ausweisung neuen Baurechts dauerhaft für bezahlbaren Wohnraum sorgen werden.

Gibt es Grundstückseigentümer, die sich auf dieses Geschäft einlassen und bereit sind, bei Neuausweisungen einen Teil der Fläche für bezahlbaren Wohnraum herzugeben?

Ja, die gibt es. Und die hat es in der Vergangenheit auch schon immer bei der Ausweisung zum Beispiel von Einheimischenmodellen gegeben. Ich hoffe, dass wir im Laufe des Jahres erste Erfolge melden können.

Ein weiteres Gemeinde-Projekt, das für Aufsehen sorgt, ist das Innovationsquartier im alten Gemeinde-Krankenhaus. Kritiker warnen angesichts der moderaten Mieten vor einer Wettbewerbsverzerrung. Ein berechtigter Einwand?

Nein, denn es handelt sich dort um Wirtschaftsförderung. Wir betreiben dort keine normale Gewerbeimmobilie. Wir ziehen uns dort junge und kleine Firmen heran, die hoffentlich wachsen und in den Ort aussiedeln. Das wir auf die Ansiedlung neuer Branchen wie zum Beispiel der Software-Industrie setzen, sehe ich als einen wichtigen Beitrag, um etwas gegen die Abwanderung der Jugend zu tun.

Haben Sie keine Angst, dass sich dieses Experiment als Flop erweist?

Das glaube ich nicht. Und wer schon einmal eine Führung durch das Innovationsquartier mitgemacht hat, der wird das genauso sehen. Das läuft sehr gut an. Wir haben den richtigen Nerv getroffen und eine Art Gründerstimmung hervorgerufen – und ganz nebenbei erzielen wir auch gute Mieteinnahmen. Wir haben inzwischen ein sehr gutes Netzwerk gebildet. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, wie lange das Gebäude zuvor leer gestanden ist.

Ein Thema, das die Ortspolitik auch beschäftigt, ist die Zukunft des Untermarkts. Sie haben sich für einen Shared Space, eine stark verkehrsberuhigte Zone, ausgesprochen. Was spricht für diese Variante?

Ich und die über 40 Einzelhändler aus dem Ober- und Untermarkt, die einen Antrag an den Gemeinderat gestellt haben, versprechen sich eine höhere Aufenthaltsqualität und gleichberechtigte Verhältnisse zwischen allen Verkehrsteilnehmern. Als die Baustelle in der Schlossbergstraße eröffnet wurde, hat man gesehen, dass sich die Fußgänger den Untermarkt zurückerobern. Das funktioniert sofort. Aber ich halte es allerdings für erforderlich, dass der Bereich Untermarkt/Schlossbergstraße weiterhin für Autos anfahrbar bleibt. Wir sollten dort nicht die Fußgängerzone verlängern.

Ist es nicht baulich zu aufwändig und zu teuer, einen Shared Space zu schaffen, der eine einheitliche Ebene verlangt?

Das müsste man wirklich mal im Detail untersuchen. Dann kann man diese Frage beantworten. Es ist mit Sicherheit ein Bau-Aufwand, der nicht kurzfristig leistbar ist.

Glauben Sie, dass Sie hierfür im Gemeinderat eine Mehrheit finden? Immerhin gibt es eine starke Lobby, die sich für eine gut funktionierende Zufahrt ins Ortszentrum stark macht.

Ein verkehrsberuhigter Bereich kombiniert die Vorteile von Aufenthaltsqualität und Erreichbarkeit. Mir ist wichtig, dass insbesondere ganz junge und ältere Menschen in diesem Bereich mehr Aufmerksamkeit erhalten. Wenn man zum Beispiel vor den Gaststätten und Cafés weitere Außenschankbereiche einrichtet, dann kann man die Situation im Untermarkt entschleunigen. Aufenthaltsqualität und Erlebniswert sind Schlüsselwörter für die Attraktivität der gesamten Marktstraße. Das ist für die Zukunft des Marktes sehr wichtig.

Es sind etwa zwei Jahre bis zur nächsten Kommunalwahl. Was haben Sie sich noch vorgenommen?

Die Umsetzung der Wohnprojekte hat jetzt allerhöchste Priorität. Auch im Kemmelpark wäre es mein Wunsch, dass wir möglichst viel fertig gebaut bekommen. Was noch aussteht, ist der Breitbandausbau. Da ist die Telekom leider grob in Verzug. Sobald als möglich wird das in 2018 erledigt.

Sie bekommen im politischen Geschäft oft viel Gegenwind. Gibt es Momente, in denen Sie es bereuen, Murnaus Bürgermeister geworden zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Mir war schon klar, dass das ein hartes Brot werden wird und dass ohne eine eigene Mehrheit im Gemeinderat nicht alles geschmeidig durchlaufen wird. Da hatten es meine Vorgänger leichter. Alle müssen sich zusammenraufen. Die Sternstunden in der bisherigen Periode waren immer die, wenn alle einen gemeinsamen Konsens erarbeitet haben. Wir haben nach wie vor ganz viele einstimmige Entscheidungen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Es fällt auf, dass Sie oft in eine Moderatorenrolle schlüpfen. Müsste ein Bürgermeister nicht häufiger Kante zeigen?

Das sieht jeder wahrscheinlich anders. Aus dem Gemeinderat kam auch schon der Vorwurf, ich sei zu wenig Moderator. Ich meine, man kann es als Bürgermeister nicht allen recht machen, darum versuche ich es auch nicht. Wie immer kommt es auf die gute Mischung zwischen Moderation und inhaltlicher Positionierung an.

Wie sorgen Sie privat für einen Ausgleich?

Die Familie ist sehr wichtig für mich. Viel freie Zeit verbringe ich mit ihr. Ich habe darüber hinaus einige Hobbies, bei denen ich einen Ausgleich finden kann. Ich pflege meinen Garten und meinen Wald am Langen Filz. Im Sommer bin ich auch viel mit meinem Mountainbike unterwegs.

Was sind Ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr?

Ich habe, ehrlich gesagt, keine. Weil die ohnehin nach drei Tagen obsolet sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

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