In Murnau auf Tour: der flexible „Omobi“-Ortsbus, der per App gerufen werden kann.

Neues Angebot unter der Lupe

Murnaus „Omobi“ kommt an: So läuft die Testtour mit dem flexiblen Ortsbus

Der flexible Ortsbus ist seit zwei Wochen auf Tour. Doch was taugt das Angebot? Tagblatt-Mitarbeiter Andreas Mayr hat Murnaus neue Wundermaschine gegen den Verkehrsinfarkt  eine Stunde lang getestet.

Die App . . .

. . . hole ich mir am Froschhauser See, in der Sonne. Weil ich sie hier und jetzt gut gebrauchen könnte, wenn ich nicht schon wieder mit dem Auto hergedüst wäre. Die Sonne verdrückt sich gerade, der Hügel nach Murnau, ein Teufelsanstieg zu Fuß und hoch auf dem Rad, lauert. Fühle mich wie damals in San Francisco, als ich in der Verzweiflung die App „Lyft“ herunterlud, die mich nachts ins Hotel bringen sollte und im Grunde dasselbe kann wie „Omobi“: Auto rufen, heimgefahren werden, fertig. Nur, dass die weltbekannte Taxi-App die Taschen schneller leert. Bei „Omobi“ kostet die Fahrt zwei Euro. Das Programm funktioniert im Grunde wie die Großen Fahrdienste Lyft, Uber und Co. – sehr simpel: Ziel eintippen, Auto anfragen, warten. Ich lade mir die App herunter. Fünf Sterne funkeln mir im App-Store entgegen. Ein Nutzer, der „ProfessorEC“, schreibt: „Murnau kommt langsam im 21. Jahrhundert an. Jetzt bitte noch das Umland abdecken, und ich verkauf’ mein Auto.“ Der Professor muss es wissen. Mein Auto behalte ich aber fürs Erste. Klicke auf „Herunterladen“.

Das erste Mal . . .

. . . rufe ich den Ortsbus am nächsten Tag. Um 10.33 Uhr am Obermarkt. 200 solcher Zustiege gibt es in Murnau. Die Macher versprechen: Von der Haustür bis zum nächsten Einstieg sind es nur ein paar Meter. Zwischen meiner Tür und der virtuellen Haltestelle liegen 50 Meter. Die App erzählt mir, dass der Bus um 10.42 Uhr ankommt. Er biegt um 10.41 Uhr um die Ecke. Gibt einen Extra-Stern. Ziel ist zunächst die Murnauer Bucht. Irgendeinen Ort muss man wählen. Doch ich will mehr. Viel mehr. Eine Stunde im neuen Flaggschiff der Murnauer ÖPNV-Flotte handel ich heraus.

Die Fahrt . . .

. . . startet mit einem bösen Blick – vom Polizisten gegenüber, der den Ortsbus offenbar (noch) nicht ganz so toll findet. Seine Hand vollzieht Bewegungen, die sagen sollen: „weiterfahren“. Der Mann am Steuer lacht, weil Oliver – so heißt er, das verrät die App – ein witziger Genosse ist, das verrät er selbst. Oliver Ellmerer, man darf ruhig Olli sagen, fährt seit 1988 unfallfrei. Seinen Nachnamen gebe es nur zwölf Mal auf der Welt, erzählt er stolz. Er hat sich vor neun Monaten um den Job beworben und erst kürzlich von der Zusage erfahren. „War eine Mordsschwitzerei“, sagt er. 38 Bewerbungen hat er zuvor verfasst. Am ersten Tag habe der Robert (Schotten, der Omobi-Chef) gemeint, er müsse Deutsch lernen. Zum Spaß. Der Olli kommt aus Tirol. Das hört man. Sein Kollege Luciano ist Brasilianer. Im Grunde sind sie eine perfekte Kombi. Luciano, berichtet Schotten, sei ein Ruhiger, dem die älteren Damen gerne alles erzählen. Der Olli unterhält seine Gäste. Er hat die erste Nutzerin, Sabine Kitznig, chauffiert, die zufällig an diesem Tag wieder fährt, und auch den 100. Gast am dritten Tag, eine Waltraud. Er sieht ja nur die Vornamen auf seinem Handy aufblinken. Datenschutz. Auch an den Herrmann erinnert er sich gut, 83 Jahre, „immer einen Schmäh auf der Seite“. Überraschend viele Ältere nutzen die App. Sie könnten auch anrufen, 0 88 41/60 82 49 01. Geht genauso.

Das Auto . . .

. . . hat Klimaanlage, sieben Sitze und Schiebetüren auf beiden Seiten, die sich – was für ein Segen in Coronazeiten – automatisch öffnen lassen. Zu Stoßzeiten setzt das Start-Up einen zweiten Wagen ein. Im Laufe der Stunde vor Mittag nehmen nur zwei Gäste neben mir Platz. Schotten und sein Partner Clemens Deyerling würden gerne weitere Orte ansteuern, länger fahren als bis 20 Uhr. Sie halten den Ortsbus für ein wirksames Vehikel gegen den Verkehrskollaps in der Region. Wie wirksam, wird die Zukunft zeigen und die Politik entscheiden. Der Start verläuft gut. 500 Downloads in der ersten Woche. Komischerweise wenig Schüler. Deshalb verteilt man Flyer an den Schulen. Oliver Ellmerer glaubt: „Wenn das einmal anläuft, wird das groß.“

Die Gäste . . .

. .  . „lachen endlich – das fällt mir auf“, sagt Olli, der Fahrer. Weil sie sich die Parkgebühr oder das Taxi sparen. Sabine Kitznig, der Premierengast aus dem Schwarzwald, sagt: „Bei meinen Fahrten wäre ich schon 30, 40 Euro losgeworden.“ Das Geld hat sie im Markt ausgegeben. „So macht Urlaub Spaß.“ Am Bahnhof steigt sie aus und packt einen Stapel Visitenkarten ein. Will sie daheim verteilen. In sechs Wochen kommt sie wieder. Ellmerer winkt zum Abschied. Ihr und einem Taxifahrer. Beide grinsen. Der Ortsbus soll keine Konkurrenz sein, sondern eine Erweiterung der öffentlichen Verkehrsmittel. Ich – Schönwetter-Radler und chronischer Auto-Pilot – überlege ernsthaft: Trete ich die nächste Badetour im Ortsbus an?

Das Fazit . . .

. . . nach einer Stunde fällt eindeutig aus: Ich will Olli wiedersehen! Problem nur: Er fährt am liebsten die Frühschicht von 6 bis 13 Uhr, und ich bin vor 12 Uhr selten ansprechbar. Wöchentlich tauschen sie. Vielleicht holt mich beim nächsten Mal auch Luciano, der Zurückhaltende, ab. Schadet einer Schnattergans wie mir sicher auch nicht.

Andreas Mayr


Lesen Sie dazu auch: Pilotprojekt in Murnau: Ortsbus auf Bestellung

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