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Mitte der 1930er Jahre befanden sich die Räume aller Parteidienststellen der Murnauer NSDAP im so genannten Gosselheim (Seidlstraße). 

Umgang mit Ehrungen prominenter NSDAP-Mitglieder

Murnaus Last der Vergangenheit

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Das Thema ist heikel – eine Entscheidung fällt dem Murnauer Gemeinderat offenbar nicht leicht: Die mit Spannung erwartete Abstimmung, ob die Ehrungen der prominenten NSDAP-Mitglieder Max Dingler und Lorenz Sonderer posthum aberkannt werden sollen, wurde vertagt. Die Grünen beklagen eine Verzögerungstaktik.

Murnau – In der Marktgemeinde Murnau setzt man sich seit einiger Zeit intensiv mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander. So wurde eine Historikerin damit beauftragt, dieses dunkle Kapitel der Ortsgeschichte – Murnau galt als braune Hochburg – zu erforschen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie man mit Würdenträgern umgehen soll, die eine aktive Rolle in der NSDAP spielten – eine brisante Angelegenheit, da die Nachfahren der betroffenen Personen mitunter noch hier leben.

Die beiden Punkte, mit denen sich der Gemeinderat in seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause beschäftigen sollte, kamen nicht überraschend. Ein entsprechender Antrag beziehungsweise eine Empfehlung liegen bereits seit Längerem vor: Die Fraktionen der Grünen und des ÖDP/Bürgerforums plädieren dafür, den Mundartdichter, Naturschützer und Hitlerputsch-Teilnehmer (nach eigenen Angaben) Max Dingler von der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Und der Arbeitskreis „Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau“ legt dem Gremium nahe, dem einstigen Verkehrsamtsdirektor Lorenz Sonderer die Bürgermedaille wieder abzuerkennen. Sonderer war – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit – im April 1945 mutmaßlich an einer Massenhinrichtung in einem österreichischen Zuchthaus beteiligt.

Doch zu einer Debatte samt Abstimmung kam es in der besagten Sitzung nicht: Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) erklärte gleich zu Beginn, dass das Ganze von der Tagesordnung gestrichen worden sei. Ebenso der nicht minder brisante Antrag der SPD, den aus dem Ersten Weltkrieg vorbelasteten Namen „Kemmelpark“ neu zu bewerten. Aufgrund des dichten Programms, sagte Beuting, habe man nicht die nötige Zeit für eine ausführliche Diskussion. Darauf hatten sich die Volksvertreter zuvor in einem nichtöffentlichen Teil verständigt.

Die Grünen sind enttäuscht – und mit der Vorgehensweise nicht einverstanden. „Es wäre noch genügend Zeit gewesen“, meint Gemeinderätin Veronika Jones. In der Öffentlichkeit entstehe der „Eindruck einer Themenverschleppung“. Die Volksvertreter hätten in den zurückliegenden Wochen und Monaten ausreichend Zeit gehabt, sich eine Meinung zu bilden und mit der Bevölkerung zu sprechen. So sieht es auch die Sprecherin des Ortsverbandes, Dorothée Sührig. „Das wird immer nur aufgeschoben“, moniert sie. Dabei sei die Sache klar: Dingler und Sonderer könnten aufgrund ihrer Aktivitäten in der NS-Zeit nicht als gesellschaftliche Vorbilder dienen. Eine Aberkennung der Ehrungen müsse die Konsequenz sein.

Bemerkenswert: Die Grünen scheinen sich selbst nicht in allem einig zu sehen. So geht Jones auf Distanz zu Teilen einer „Petition“, die ihr Ortsverband kürzlich verschickt hat. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob schon eine Mitgliedschaft in der NSDAP sowie einer angeschlossenen Organisation für eine Distanzierung ausreicht. Der Ortsverband meint Ja, Jones sieht es differenzierter.

Beuting lässt indessen die Vorwürfe nicht gelten. Von einer Verzögerung könne nicht die Rede sein, sagt er. Die Punkte würden „sobald wie möglich“ behandelt. Nur brauche man dazu mindestens eine Stunde Zeit. „Wir weichen dem Thema nicht aus. Wir wollen es gründlich machen.“ Für Beuting ist der Fall Sonderer „glasklar“: Dieser sei ein „Kriegsverbrecher“ gewesen, die Ehrenwürde müsse entzogen werden. Bei Dingler und vergleichbaren Persönlichkeiten plädiert Beuting für eine Überprüfung. Die Resultate sollen mit einem Kriterienkatalog bewertet werden.

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