Autorin Dr. Edith Raim mit Bürgermeister Rolf Beuting.
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Herausragende Forschungsarbeit: Autorin Dr. Edith Raim mit Bürgermeister Rolf Beuting.

Neue Dokumentation umfasst 750 Seiten

Murnaus Weg zur Nazi-Hochburg: Forscherin dokumentiert, wie alles begann

Bei der Aufarbeitung eines unrühmlichen Kapitels der Murnauer Geschichte ist ein großer Schritt gelungen: 750 Seiten umfasst die Dokumentation von Dr. Edith Raim. Sie beleuchtete die Jahre 1919 bis 1950 im Ort.

  • Jahrelang hat Dr. Edith Raim geforscht, um Murnaus Historie zwischen 1919 und 1950 zu beleuchten - der Ort war einst Hochburg der Nazis.
  • Nun ist das 750 Seiten starke Werk öffentlich vorgestellt worden.
  • Den Auftrag erteilte der Gemeinderat; dessen Bereitschaft zur Aufarbeitung findet Anerkennung.

Murnau – Über Jahre hatte Dr. Edith Raim geforscht. Am Montagabend präsentierte sie im Kultur- und Tagungszentrum ihre herausragende, 750 Seiten umfassende Dokumentation „Es kommen kalte Zeiten“. Die Autorin recherchierte über das politische, soziale und kulturelle Panorama kleinstädtischen Lebens in der unruhigen Zeitspanne zwischen 1919 und 1950 – deutsche Geschichte, in Murnau komprimiert „wie in einem Brennglas“; zum Thema hatte sie schon eine sehenswerte Ausstellung im Schloßmuseum kuratiert.

Murnaus Gemeinderat beschließt 2011 einstimmig, die nationalsozialistische Vergangenheit des Orts aufzuarbeiten

Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) erinnerte vor vielen Ehrengästen an den einstimmigen Beschluss des Gemeinderats, Murnaus nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten – 2011 sei die Zeit dafür endlich reif gewesen. 2013 folgte eine Vortragsreihe zum Thema, 2016 erging der Forschungsauftrag an Dr. Edith Raim, Historikerin, Lehrbeauftragte und Autorin etlicher Publikationen. „Wir hätten keine geeignetere Person finden können“, sagte Beuting. Über die Auswertung zahlloser, bislang unbekannter Quellen sowie historischen Bildmaterials sei die Aufarbeitung der Ortsgeschichte einen großen Schritt weitergekommen. „Wir werden blind für die Gegenwart, wenn wir die Augen vor der Vergangenheit verschließen“, meinte Beuting. Der schleichenden Entwicklung schon vor der Machtergreifung Hitlers 1933 nachzuspüren, sei erschreckend. „Das zeigt, was passiert, wenn die Demokratie nicht rechtzeitig geschützt wird. Wir müssen sie jeden Tag verteidigen, auch wenn es oft anstrengend ist, müssen gemeinsam dafür sorgen, dass sich diese Geschichte nie wiederholt“, appellierte Beuting und nahm dabei auch Bezug auf aktuelle Ereignisse.

Neue Murnau-Dokumentation: Ein wichtiges Werk, mit Courage und Herzblut geschaffen

Die Laudatio hielt die Historikerin Dr. Ulrike Haerendel, viele Jahre Studienleiterin der Evangelischen Akademie Tutzing, mittlerweile an der Universität der Bundeswehr in München tätig und mit der Autorin seit Jahrzehnten bestens bekannt. Sie fand lobende Worte für die keineswegs selbstverständliche Bereitschaft und den Willen des Marktes Murnau, ein unrühmliches Kapitel der Geschichte aufzuarbeiten. Schmunzelnd erzählte Haerendel von der Begeisterung ihrer Kollegin Raim für den Forschungsauftrag – regelrecht „verliebt“ sei diese in ihre Arbeit, die hervorragenden Rahmenbedingungen sowie das umfassende Quellenmaterial gewesen. Herausgekommen sei ein wichtiges, mit Courage und Herzblut geschaffenes Werk.

Der 2011 gestorbene Zeitzeuge Werner Kraus bietet per Leinwand-Interview wichtige Einblicke

Als Einstieg in ihren eigenen Vortrag wählte Raim Auszüge aus Audioguide-Texten, von professionellen Sprechern für die Ausstellung im Schloßmuseum eingesprochen. Spannend wird vermittelt, wie frühe Zeitgenossen die Lage Murnaus, den Menschenschlag der Gebirgsregion einschätzten. Auch der bekannte und beliebte, 2011 im Alter von 89 Jahren gestorbene Zeitzeuge Werner Kraus kam hochbetagt via Leinwand-Interview zu Wort. Der Fotograf und Autor, er kannte Gabriele Münter und Ödön von Horváth noch persönlich, konnte aufgrund der herrschenden Notlage während seiner Kindheit hellsichtig die für ihn logische Entwicklung Murnaus zur Nazi-Hochburg nachvollziehen. „Der Idealismus der Jugend wurde später schamlos missbraucht“, lautete Kraus’ Fazit. Ein „demokratisches Projekt“, nannte Edith Raim ihr Buch . Fünf Themen verflechten sich, eindrucksvoll und spannend wird die Entwicklung Murnaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschildert.

Tosender Applaus am Schluss des Vortrags, Bürgermeister Beuting überreichte einen prächtigen Blumenstrauß, am Büchertisch fand das beachtliche Werk reißenden Absatz. Not, Ahnungslosigkeit, ein Gefühl des „Zukurzgekommenseins“ hatten den Weg für dunkle Zeiten bereitet, doch auch viel Großartiges konnte im Verborgenen blühen: Kunst und Literatur, weiß Raim, haben Murnau einen Platz auf dem internationalen Parkett gesichert.

Barbara Jungwirth

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