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Am Pult: Dekanatsrats-Vorsitzender Helmut Hornsteiner (r.) spricht, Diözesanrats-Vorsitzender Prof. Dr. Hans Tremmel (l.) und Generalvikar Peter Beer hören zu.

Nach Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche wird Tacheles geredet

Generalvikar fordert: Stimme für die Opfer

Klare Aussagen prägten die Herbstvollversammlung des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising in Ohlstadt. Vor allem der Vorsitzende Prof. Dr. Hans Tremmel redete Tacheles zu den Missbrauchsfällen und dem Rechtstrend.

Ohlstadt – Einen „Bericht zur Lage“ hat der Diözesanrats-Vorsitzende Prof. Dr. Hans Tremmel im Kolping-Tagungshotel Alpenblick in Ohlstadt abgegeben. Und die Lage ist, nun ja, nicht einfach. Neuerdings werden „unser Miteinander und unsere Loyalität zur Kirche wieder einmal auf eine harte Probe gestellt. Angesichts des erschütternden Ausmaßes der sexuellen Missbräuche an Kindern und Schutzbefohlenen durch Kleriker möchte man als ehrenamtlicher Laienvertreter schon gelegentlich dieser offensichtlich in ihren Maßstäben verrückten Institution den Rücken kehren und sagen: ,Damit hab ich nix zu tun.‘“ Handeln ist nach Tremmels Meinung jetzt gefragt, wie er bei der Herbstvollversammlung des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising betonte, also dem obersten Laiengremium der Diözese. „Nur Betroffenheit ist zu wenig, und lediglich Betroffenheit zu heucheln, ist widerwärtig. Wenn die Institution in der Vergangenheit offensichtlich weitgehend auf der Seite der Täter stand, so ist klar, wo unsere Kirche heute zu stehen hat: auf der Seite der Opfer und auf der Seite derer, die niemals mehr zu Opfern werden dürfen.“

So sah es auch Generalvikar Peter Beer. Man müsse die Missbrauchsopfer „selbst zu Wort kommen lassen, ihnen eine Stimme geben“. Das Thema Missbrauch sei nicht erledigt. „Es ist nicht übertrieben zu sagen: Wir stehen erst am Anfang. Jetzt ist die Stunde, etwas zu verändern.“

Der Mittenwalder Helmut Hornsteiner, Vorsitzender des Dekanatsrats Werdenfels, findet, dass es „eine ehrliche, offene Aufarbeitung“ brauche, „ohne etwas unter den Tisch zu kehren“. Dies sagte er am Rande der Veranstaltung dem Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt.

Diözesanrats-Vorsitzender Tremmel ging darüber hinaus auf das Erstarken der Rechtsaußen-Kräfte ein. „Ich hätte mir bis vor kurzem nicht vorstellen können, dass neben dem lästigen Spaltpilz auch der hochgefährliche Braune Fliegenpilz sich nicht nur in der Natur, sondern im übertragenen Sinn auch in unserer Gesellschaft abermals so rasant verbreiten könnte.“ Dieser braune Giftpilz brauche zu seiner Entwicklung einen sauren Boden. „Und den findet er momentan an allen Ecken und Enden“, betonte Tremmel. Eigentlich sei er gut erkennbar, und man könnte merken, dass man die Finger von ihm lassen sollte. „Immer mehr Menschen aber halten ihn irrtümlich für einen Pilz mit Heilwirkung. Dabei könnten wir es gerade in Deutschland aus Erfahrung besser wissen. Dennoch schießt die braune Gesinnung vielerorts regelrecht wie Pilze aus dem Boden.“ Doch die Diözesanräte, so Tremmel, stünden dieser Entwicklung keineswegs hilflos gegenüber. „Wir können tatsächlich gegensteuern. Zunächst muss den schädlichen Pilzen der Nährboden entzogen werden, damit sie sich nicht weiterverbreiten und keinen größeren Schaden anrichten. Dann brauchen wir Immunisierungsstrategien, so dass sie uns nicht länger ängstigen und vergiften können.“ Als katholische Räte und Verbände habe man durchaus Hilfsmittel, führte Tremmel weiter aus. „Ich denke zum Beispiel an den altbewährten Dreischritt der Katholischen Soziallehre: sehen, urteilen, handeln. Ich denke an die christlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Und er denke an die Kardinaltugenden: „Gerechtigkeit, rechtes Maß, Tapferkeit beziehungsweise moderne Zivilcourage und Klugheit. Ich denke an die Sozialprinzipien: an die Personalität mit der Leitnorm der Menschenwürde, an Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit.“

Dekanats-Vorsitzender Hornsteiner hofft wie Tremmel, dass die Gesellschaft aus der NS-Zeit gelernt hat. Zum „braunen Giftpilz“ befragt, sagte Hornsteiner: „Finger weg davon.“

Roland Lory

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